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Authentisch, gewitzt, erfolgreich

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Von: Daniel Schmitt

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Kann auch über sich selbst schmunzeln: Torsten Lieberknecht im bunten Hemdchen beim Bingo-Abend.
Kann auch über sich selbst schmunzeln: Torsten Lieberknecht im bunten Hemdchen beim Bingo-Abend. © Darmstadt 98

Trainer Lieberknecht formt Darmstadt 98 zum Aufstiegskandidaten, ohne vom Aufstieg zu reden.

Es gab da diese Momente am vergangenen Freitag, die beschreiben Torsten Lieberknecht, den Fußballtrainer von Zweitligist Darmstadt 98, ziemlich passend. Als die Südhessen also gerade ein 0:2 gegen Heidenheim aufgeholt und das Spiel binnen sechs Minuten mit drei Toren gedreht hatten, war der Übungsleiter nicht mehr zu bändigen. Er stürmte noch in den Abpfiff hinein aufs Feld, umarmte seine Spieler, hüpfte wie ein HB-Männchen auf und ab. Und als sich die ersten Emotionen zu legen schienen, folgten die nächsten.

Die Fußballer waren noch dabei, sich für den Gang zu den Fans zu sortieren, da eilte ihr Trainer, die Fäuste in die Höhe gereckt, zehn Meter voraus der Menge entgegen. Bis ihm ein Gedanke in den Kopf schoss: Stopp, es geht hier nicht um mich, sondern um uns. Lieberknecht schaute über die Schulter, entdeckte die Mannschaft, hastet zurück und bedeutet mit propellerartigen Armbewegungen: Bitte, das ist euer Applaus, den habt ihr euch verdient, nicht ich.

Natürlich versteht sich Torsten Lieberknecht als wichtiger Teil des Darmstädter Erfolgs, vermutlich ist er der entscheidende Faktor des Fußballmärchens einer qualitativ durchschnittlich Zweitligatruppe, die plötzlich ganz oben mitmischt. Die Lilien sind Tabellenzweiter, haben vor dem Freitagsheimspiel gegen den SV Sandhausen (18.30 Uhr/Sky) beachtliche fünf Punkte Vorsprung auf Rang vier, der Traum von der Bundesliga lebt.

Doch Lieberknecht, und das zeichnet den Familienvater aus der Pfalz aus, würde deshalb nie abheben. Vielleicht mal für einen Moment der Ekstase, grundsätzlich aber verkörpert der 48-Jährige die totale Bodenständigkeit. Den Aufstieg gibt er auch neun Runden vor Schluss nicht als Ziel aus, verweist – zu Recht – auf die finanziell überlegene Konkurrenz, nimmt damit den Druck vom eigenen Team, vergisst aber auch nicht, das Umfeld in passendem Maße einzubinden. „Wir verfallen nicht in Träumereien, sondern werden weiter unsere Bodenständigkeit beibehalten. Die Fans dagegen dürfen träumen und genießen.“

Für Lieberknecht sind solche Sätze, vielfach wiederholt in dieser Saison, bis sich kaum ein Reporter mehr traut, überhaupt nachzufragen, keine Floskeln. Er glaubt und lebt sie. Schon zu Braunschweiger Zeiten, und es waren lange Zeiten bei der Eintracht, zehn Jahre, zählte die Authentizität zu des Trainers größten Stärken.

Bretthartes Restprogramm

Er nimmt sein Umfeld mit, ob nun die Mannschaft, Fans oder die Medien, er erklärt auf Pressekonferenzen seine Ideen und vertieft sie in informellen Hintergrundgesprächen. Er macht kaum Geheimnisse über mögliche Aufstellungen oder Taktiken, sondern spricht gerade heraus. Vom extrovertierten TV-Experten Torsten Mattuschka lässt er sich bunte Hemdchen zuschicken und trägt sie mit viel Selbstironie auf Bingo-Abenden.

Diese Lockerheit gepaart mit dem nötigen Ernst für den Sport kommt an – vor allem bei seiner Mannschaft. Die Spieler glauben den Worten ihres Trainers, er gesteht extern wie intern auch eigenen Fehler ein. Die Profis folgen seiner Taktik, nehmen ihn als einer der Ihrigen wahr, ohne dabei den Respekt vor Entscheidungen des Coaches zu verlieren. Nicht umsonst betonte der nach dem Sieg gegen Heidenheim wieder mal die starken Leistungen der eingewechselten Profis.

Dabei baut Lieberknecht im Grunde seit dem dritten Spieltag, vorher hatte Corona gewütet, auf einen festen Stamm. Sein Motto: Was läuft, sollte nicht ausgebremst werden. Andernorts hätte es Störgeräusche geben können, am Bölle ist davon nichts zu vernehmen.

Bleibt die Frage: Kann das wirklich was werden mit dem Aufstieg? Es kann, warum nicht? Ehrlicherweise muss jedoch erwähnt werden, dass die Lilien ein bretthartes Restprogramm vor der angeschwellten Brust haben. Sie müssen noch nach Bremen, Nürnberg und St. Pauli, in Darmstadt ist Schalke 04 zu Gast. Allesamt Topduelle, die über Wohl und Wehe entscheiden werden. Das große Plus der Lilien-Profis: Sie haben nichts zu verlieren. Dies hat ihnen der Trainer Torsten Lieberknecht beinahe täglich eingetrichtert.

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