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Aus Spiel wird Krieg: Über die Verstrickungen von Politik und Fußball in der Ukraine

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Von: Frank Hellmann

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Kann seit vielen Jahren nicht genutzt werden: die Donbass-Arena in der Kriegsregion Donezk.
Kann seit vielen Jahren nicht genutzt werden: die Donbass-Arena in der Kriegsregion Donezk in der Ukraine. © Alexander Nemenov/AFP

Die Fußballklubs Dynamo Kiew und Schachtjor Donezkaus der Ukraine haben seit Jahren ein Spannungsfeld bespielt, nun sind sie besonders betroffen vom Krieg.

Kiew – Nach Fußball ist niemand in der Ukraine zumute. Und so ziert auch die Homepage von Dynamo Kiew, dem mit Abstand populärsten Verein in dem vom Krieg geplagten Land, ein Bild von einem schwer beschädigten Gebäudekomplex. „Dies sollte auf jeder ukrainischen Website zu sehen sein. Einschlag einer Rakete aus Russland in ein Wohnhaus von Kiew“, heißt es da. Zudem leuchtet ein Statement von Andrej Schewtschenko auf, dem bei Dynamo ausgebildeten Weltstar, der bis zur EM noch als Nationaltrainer der Ukraine arbeitete.

LandUkraine
HauptstadtKiew
PräsidentWolodymyr Selenskyj
Bevölkerung44,13 Millionen (2020)

Nach Erreichen des Viertelfinals gegen England (0:4) konnte sich Schewtschenko nicht mit dem Verband auf eine Weiterbeschäftigung einigen. Nun teilte er mit: „Ich bin jetzt in London, aber meine Mutter, meine Schwester und meine Verwandten sind in der Ukraine. Deshalb mache ich mir natürlich große Sorgen um sie.“ Einen expliziten Dank richtete das beliebte Idol „an unsere tapfere Armee, an den Präsidenten, an die Menschen, die die Ukrainer verteidigen, die unsere Interesse verteidigen. Ich bin stolz auf sie, stolz auf mein Land!“

Wie dramatisch die Situation vor Ort ist, schilderte Oleg Zadernovsky, Korrespondent des Fachmagazins „Kicker“, am Montag in einem Gastkommentar. „Statt über Tore müssen wir nun über Tote berichten. Leider konnten meine Familie und ich Kiew noch nicht Richtung Polen verlassen. Meine Tochter ist mit ihrem Mann und dem acht Monate alten Baby Wladislaw gezwungen, vor den Bombardierungen in einen Luftschutzbunker zu fliehen. Sie harren dort seit Tagen aus.“

Die Verbindungen von Fußball und Politik im Russland-Ukraine-Krieg

Der für die Plattform Komanda-Online tätige Experte sieht vor allem die Verflechtungen des Energiegiganten Gazprom in den internationalen Fußball kritisch: „Dieser Gasriese, bei dem der russische Staat Mehrheitsaktionär ist, hat jahrelang riesige Summen in die russische Armee gepumpt. Blutgeld aus heutiger Sicht.“

Zadernosvky hat selbst auch kritisch über die Verbindungen zwischen dem Fußball und der Politik in seiner Heimat geschrieben. „Wir haben freie Medien. Wir berichten über Korruption, auch im Fußball.“ Tatsächlich waren die zwielichtigen Zahlungsströme bei der gemeinsam mit Polen ausgerichteten EM 2012 bei ihm oft ein Thema. Dominiert wird der ukrainische Fußball von zwei polarisierenden Großklubs: Dynamo Kiew und Schachtjor Donezk, beide eng auch mit dem Oligarchentum verflochten.

In Kiew zogen die nicht unumstrittenen Brüder Grigori und Ihor Surkis die Strippen, deren langer Arm nicht nur zu den jeweiligen Herrschern der Hauptstadt, sondern bis ins Exekutivkomitee der Uefa reichte. In Donezk geht alles auf den Milliardär Rinat Achmetov zurück, der mit seinen Investments den Bergarbeiterverein zu einem Stammgast der Königsklasse aufpumpte. Sein Vermächtnis ist die seit vielen Jahren nur noch für humanitäre Zwecke genutzte Donbass-Arena, in der bei der EM 2012 die ukrainische Nationalmannschaft zweimal antrat. Häufig erklangen dort damals „Rossija, Rossija“-Rufe. Als Schachtjor nach dem Einmarsch russischer Separatisten 2014 einige der ersten Spiele im Exil austrug, gab es Pfiffe und Plakate, auf denen stand: „Geht nach Noworossija, da seid ihr zu Hause.“ Noworossija, Neurussland.

Ukraine-Krieg: Wie reagiert der Sport auf den Einmarsch von Russland?

So standen die Klubs seit längerem für die Spaltung des Landes, jetzt werden sie in die Wirren des Krieges gezogen. Während in den Sozialen Medien jüngst Bilder auftauchten, wie Profis von Dynamo Kiew sich in Kampfmontur in den Krieg stürzen wollen, sind viele der Legionäre von Schachtjor Donezk geflüchtet. Spieler und Trainer wohnten zuletzt in Hotels oder Apartments in der Hauptstadt Kiew.

Der Brasilianer Marlon Santos berichtete von seiner verzweifelten Ausreise mit mehreren Spielern, Frauen und Kindern. Der früher beim FC Barcelona spielende Profi bestieg am Wochenende einen Zug nach Rumänien. Fast drei Dutzend Südamerikaner stehen in der ukrainischen Premjer Liga unter Vertrag. Nach langem Warten konnte jetzt offenbar auch der italienische Trainer Roberto De Zerbi die Ukraine verlassen, der mit seinem Trainerteam mit dem Zug bis Ungarn fuhr und dann einen Flieger nach Rom nahm.

Bereits im April 2017 beschädigt: die Donbass-Arena.
Bereits im April 2017 beschädigt: die Donbass-Arena. © imago/ITAR-TASS

Ukraine-Krieg: Welt des Sports im Aufruhr nach Invasion durch Russland

Die Uefa muss sich nicht damit beschäftigen, wie sie mit ukrainischen Vertretern im Europapokal umgeht. Kein Klub hat es in die K.o.-Phase der drei Wettbewerbe geschafft. Dynamo Kiew und Schachtjor Donezk verabschiedeten sich jeweils als Gruppenletzter aus der Champions League. Der Trainer des FC Bayern, Julian Nagelsmann, erinnerte am Wochenende erneut daran, wie die Münchner erst vor drei Monaten noch beim Auswärtsspiels in Kiew „durch die Stadt gelaufen sind, sehr viele nette Menschen kennengelernt haben, die mit uns gequatscht und Fotos gemacht haben – und jetzt in Angst leben.“ Das Olympiastadion liegt mitten in der Stadt, wird gesondert bewacht.

Wie dramatisch die Lage anderswo ist, verdeutlichte auch der Notruf, den der Zweitligist SV Werder Bremen absetzte, weil er seinen Ex-Spieler und Ex-Trainer Viktor Skripnik nicht erreichen konnte, der seit 2019 als Chefcoach bei Sorja Luhansk arbeitet. Der letztjährige Überraschungsdritte war zwar aus der Europa Conference League ausgeschieden, hätte aber die Rückrunde der ukrainischen Meisterschaft am vergangenen Freitag eröffnen sollen, ehe die russische Invasion begann. Skripniks Verein spielte ohnehin nicht mehr in der Heimatstadt unweit der Grenze, sondern war westlich nach Saporischschja umgezogen – die für die Energieversorgung des gesamten Ostens wichtige Stadt wird als besonders umkämpfte Region beschrieben, in der offenbar weder Internet noch Handys funktionieren. (Frank Hellmann)

Die Welt des Sports reagierte umfassend auf den Ukraine-Krieg: Unter anderem will die FIFA Russland von der WM 2022 ausschließen.

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