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Aus Liebe

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Von: Daniel Schmitt

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Sprunggewaltig und gut: Youssef En-Nesyri lässt Marokko weiter träumen. Foto: dpa
Sprunggewaltig und gut: Youssef En-Nesyri lässt Marokko weiter träumen. Foto: dpa © dpa

Die marokkanische Fußballer überraschen bei der WM die Welt, spielen für einen ganzen Kontinent - und für ihre Familien

Inmitten all des Trubels, der außer Rand und Band geratenen Spieler Marokkos, der sich im Unglauben über das, was da gerade passiert war, nahezu im Sekundentakt gegen die Stirn fassenden Fans, auch inmitten von weinenden Anhängerinnen und Anhängern ob dieses im Grunde unvorstellbaren Erfolgs der Fußballer ihres Landes, inmitten dieses fröhlichen Chaos also erlebte Walid Regragui, der Trainer, seinen ganz persönlichen Höhepunkt.

Er schien, da ihn aus der Ferne die Objektive der Fotoapparate einfingen, als verschwinde er für eine kurze Zeit im Momentum, tauche tief ab in seine eigene Welt. Keine Schulterklopfer mehr, kein Gewummer aus den Boxen, keine Fotoapparate, stattdessen: Ruhe, nur er und sie, seine Mutter, Fatima, weißes Kopftuch, schwarze Brille, reine Liebe. Walid Regragui verweilte, genoss, drückte jene Frau ganz fest an sich, die vor dieser WM noch nie rausgekommen war aus ihrer Heimatstadt Paris, selbst für Spiele ihres Sohnes nicht. Ein Kuss auf die Wange, einer auf die Stirn. Sein Moment für die Ewigkeit.

Der Überraschungscoup im WM-Viertelfinale gegen Portugal (1:0), der nächste nach jenen gegen Spanien, Belgien und Kroatien zuvor, brachte etliche solcher Szenen hervor, nahbare, rührende. Etwa die des marokkanischen Ballfängers Yassine Bounou, nur Bono genannt, bisher einer der besten dieses Weltturniers, der auf dem Feld seinen kleinen Sohn Isaac packt und ihm die riesengroßen Torwarthandschuhe überstülpt. Oder Sofiane Boufal, Mittelfeldspieler, der seine Mutter im Innenraum vor den enthusiastischen Fans zum Tänzchen bittet. Bilder, die um die Welt gehen.

Überhaupt: Marokko ist zumindest für diesen Abend präsent rund um den Globus. In der Heimat sowieso, etwa in der Hafenstadt Casablanca, wo die Straßen fast überlaufen vor Menschen. Wo die Flagge, jene rote mit dem grünen Stern, quasi jede Häuserfront ziert, jedes Geschäft, jedes Auto. Oder in Palästina, in Ost-Jerusalem, dem Gaza-Streifen und Ramallah - Feuerwerke, Jubelschreie. In Paris auf dem Champs-Elysees, in Italien, in Deutschland, auch in Frankfurt, überall Getöse, Getrommel, Menschen, die ausrasten. Die allermeisten von ihnen im positivsten Sinne des Wortes, wenige, zum Beispiel in Brüssel, geraten mit der Polizei in Clinch.

Marokko im Rausch. Und Walid Regragui als entscheidender Faktor mittendrin. Der Trainer, der wie 14 seiner Spieler nicht im nordafrikanischen Land geboren wurde, sondern in Frankreich, der noch nie eine Mannschaft in Europa trainierte, der auf der Weltkarte des Fußballs vor diesem Turnier ein Niemand war, hat es geschafft, binnen kurzer Zeit eine Mannschaft bestehend aus viel durchschnittlichem Personal und vergleichsweise wenig starken Individuallisten (Bono, Hakim Ziyech, Achraf Hakimi) zu einen, ihnen klare Leitlinien zu vermitteln.

Auch im Viertelfinale wehrte Marokko die portugiesischen Angriffe ab mit allem, was es zu bieten hat. Laufbereitschaft, Wille, Härte. Die Offensivspieler verteidigen erst, ehe sie attackierten. Weiterhin steht ein Gegentor in der Statistik, ein Eigentor im Spiel gegen Kanada.

Das sieht alles nicht sonderlich schön aus, zumindest fürs doch oft verwöhnte europäische Fußball-Auge, das Ergebnis aus Sicht der Afrikaner aber stimmt. Als sich dann Youssef En-Nesyri dem Abendhimmel Dohas näherte, er über den Köpfen aller portugiesischen Abwehrkanten schwebte und einnickte, kannte die Freude kaum eine Grenze mehr.

„Wir leben einen Traum und wollen nicht aufwachen“, sagt Flügelspieler Boufal. „Wir sehen uns bald, mein Freund“, adressierte Verteidiger Hakimi an seinen Pariser Klubkumpel Kylian Mbappé voller Vorfreude aufs Halbfinale am Mittwoch (20 Uhr). Trainer Regragui findet: „Wir haben das Recht zu träumen. Es steht nirgends geschrieben, dass ein europäisches oder südamerikanisches Team die WM gewinnen muss. Wenn du dir Rocky ansiehst, bist du für ihn, weil er derjenige ist, der von unten kommt. Wir sind so etwas wie der Rocky der WM.“ Endlos lange 92 Jahre hat es gedauert, ehe die schier unzähmbaren „Löwen vom Atlas“ als erstes afrikanisches Team unter die Top vier einer WM stürmten, der historische Erfolg wird bleiben, komme, was da wolle.

Dabei sah es noch im Frühjahr alles andere als gut aus, die Mannschaft war in eine tiefe Krise gestürzt, ihr Bester, Hakim Ziyech vom FC Chelsea, zurückgetreten nach Streitereien mit dem erfahrenen Trainer Vahid Halilhodzic. Doch der Verband entschied: Der 70-Jährige musste gehen, Ziyech konnte bleiben, Walid Regragui kam. Und schließlich gibt es noch diese eine Geschichte, jene abseits von Taktik, Kampfgeist, Spielglück. Sie handelt von den Familien, die auf ausdrücklichen Wunsch des Trainers mitreisen sollten zur WM nach Katar, auch ins Mannschaftsquartier regelmäßig Einlass erhalten, die den Protagonisten Kraft schenken. „Wir sind die beste Mannschaft“, sagt Regragui, „wenn es ums Herz geht.“

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