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Aus für die Allerbeste

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Von: Frank Hellmann

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Kein Fußball mehr, zumindest vorerst nicht: Alexia Putellas. Foto: Imago Images
Kein Fußball mehr, zumindest vorerst nicht: Alexia Putellas. Foto: Imago Images © Imago

Der Kreuzbandriss der Weltfußballerin Alexia Putellas schockt den deutschen Gruppengegner Spanien und beschädigt die gesamte EM

Das Klacken der Krücken erklang in erschreckender Monotonie. Anders war Alexia Putellas nicht in der Lage, den Weg aus dem Fahrstuhl, über einen langen Gang durch die Tür bis in den Kleinbus zurückzulegen, der die spanische Weltfußballerin ins Hospital King Edward VII’s in Marylebone im Zentrum von London brachte. Spaniens Fußball-Verband (RFES) verbreitete die Sequenz selbst über Twitter, ehe die bittere Nachricht folgte: Alexia Putellas, 28, in den vergangenen drei Jahren zur Stilikone des Frauenfußballs aufgestiegen, hat einen Riss des vorderen Kreuzbands erlitten. Es ist ein Ausfall, den die Frauen-EM 2022 in England am wenigsten gebraucht hat.

Dass die Kapitänin der „La Furia Roja“ fehlt, verdrängte sogar das tägliche Rumoren von den Männern beim FC Barcelona oder Real Madrid auf die hinteren Seiten. „Drama Alexia!“ titelte die Fachzeitung „Sport“, von einem „kaputten Traum“ schrieb „AS. Da mit Rekordtorschützin Jennifer Hermoso eine zweite Leistungsträgerin verletzt ist, sind die am 12. Juli gegen das deutsche Team spielenden Spanierinnen ihre Rolle als Mitfavorit los. Ein Stern bei dieser EM verglüht, bevor das Turnier eröffnet ist.

Es passierte am Ende einer Trainingseinheit in der Vorbereitung auf das Gruppenspiel gegen Finnland (Freitag 18 Uhr/ZDF), als die Starspielerin vom FC Barcelona mit rechts passen wollte und dann mit dem linken Standbein ein „Knacken“ spürte.

Zuvor hatte Alexia, die gerade als erste Spanierin ihr 100. Länderspiel gemacht hat, noch freudestrahlend Freistöße versenkt. „Dass solche Dinge passieren, ist einfach ungerecht“, klagte Nationaltrainer Jorge Vilda in einem Radiointerview. „Ich bin fassungslos und schockiert.“ An sein Team appellierte er: „Wir müssen uns zusammenreißen, stark auftreten und nach vorne schauen.“ Wenn das so einfach wäre: Der 40-Jährige muss nun in Windeseile, die gesamte Statik seiner Elf verändern.

Alexia stand im Zentrum des spanischen Spiels – im wahrsten Sinne des Wortes. Wie keine andere erspähte sie den richtigen Moment für Abspiel oder Abschluss. Viel von ihrer Gabe, sagte sie häufiger, habe sie sich abgeschaut, wenn sie in einer der vorderen Reihe des Camp Nou einem Rivaldo, Andres Iniesta oder Lionel Messi zusehen konnte. Auch sie gefiel sich im Rollenwechsel als Vorbereiterin und Vollstreckerin. Eine besondere Bewunderung entwickelte sie für Xavi Hernandez, heute Cheftrainer der Barça-Männer.

Die Katalanin aus Mollet del Vallès stieg auch deshalb zu einer Pionierin auf, weil sie so viel durchgemacht hat: Als Kind gab es im Nachwuchsbereich bei den Barça-Mädchen nur rudimentäre Strukturen. Mit zwölf musste sie ihren Herzensverein sogar verlassen, weil es kein adäquates Team gab.

Als sie mit 18 Jahren nach Abstechern über den Lokalrivalen Espanyol und UD Levante zurückkehrte, war ihr Vater Jaume gestorben, der sie überhaupt für den Fußball begeistert hatte. Seitdem lebte sie noch mehr für den Sport. „La Reina“, die Königin, wird sie genannt; sie ist auf Werbeplakaten und in einer eigenen Wandmalerei in Barcelona verewigt.

Die Uefa kürte sie zuletzt zur besten Spielerin der Women’s Champions League. Sie glänzte im vollen Camp Nou gegen Real Madrid (5:2) und den VfL Wolfsburg (5:1), als sie ob der überwältigenden Resonanz auf den Rängen feuchte Augen bekam. Der letzte ihrer elf Champions-League-Tore war der Ehrentreffer im verlorenen Finale gegen Olympique Lyon (1:3). Danach wollte sie mit ihrem Nationalteam den ersten Titel holen – alles schien angerichtet. Nunmehr ist fraglich, ob Spaniens Nummer 14 überhaupt in einem Jahr die WM in Australien und Neuseeland (20. Juli bis 20. August 2023) spielen kann.

Ihre Verletzung ist nämlich tückisch, gerade Fußballerinnen haben oft weit mehr als sechs Monate gebraucht, um wieder zurückzukommen. Es gibt mittlerweile genügend wissenschaftliche Untersuchungen, dass Frauen häufiger einen Kreuzbandriss erleiden als Männer. Auch der DFB hat dazu eigene Untersuchungen angestellt. Das Frauenfußballmagazin „Elfen“ hat dem Thema in seiner aktuellen Ausgabe einen mehrseitigen Report gewidmet.

„Endstation Kreuzband“ heißt der Beitrag, der Erklärungsansätze von der Anatomie, über den Hormonhaushalt bis zur Periode liefert. Wirklich Klarheit herrsche über das Thema aber bis heute nicht, halten die Autoren fest. Es braucht noch mehr Daten. Fest steht: Immer wieder würden Kreuzbandrisse die Karrieren von viel zu jungen Fußballerinnen beenden. Im Falle Alexia ist Fakt: Unter diesem Kreuzbandriss leidet ein ganzes Turnier.

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