Die Geldverteilung der UEFA gefährdet die nationalen Wettbewerbe.
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Die Geldverteilung der UEFA gefährdet die nationalen Wettbewerbe.

UEFA

Aus dem Gleichgewicht

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Die enormen Geldströme in der Champions League gefährden den nationalen Wettbewerb. Wenige Topklubs greifen viele Milliarden ab.

Geplant war alles mal anders. Als Endspielort für die Champions League 2020 hatte die Europäische Fußballunion (Uefa) eigentlich Istanbul benannt, das Atatürk Olympiastadion weit draußen am Stadtrand der türkischen Metropole sollte ursprünglich am 30. Mai Schauplatz für das Finale gewesen sein. Durch die Corona-Krise kommt ein Ausweichmodell zur Anwendung. Sofern es die Infektionslage erlaubt, wird nun am 23. August im Estadio da Luz in Lissabon der nächste europäische Champion gekürt. In einer zurückhaltenden Atmosphäre, die sich gewaltig von den zuletzt rauschhaften Final-Inszenierungen in Cardiff, Kiew oder Madrid unterscheidet, als Popstars und Pyrotechnik das Vorprogramm bestimmten.

Portugals Hauptstadt wird ein Finalturnier erleben, dessen geisterhaftes Ambiente dann auch ein Mahnmal sein kann: dass es so im europäischen Klubfußball nicht weitergehen kann. Zu schnell hat sich das Rad nämlich für die immer Superreichen gedreht, die auch jetzt wieder bei der Vergabe des Henkelpotts in der ersten Reihe stehen: Es wäre keine Sensation, würden der FC Barcelona und der FC Bayern, Manchester City oder Real Madrid sowie Juventus Turin nach den Achtelfinalrückspielen im Viertelfinale stehen. Die Zulassung haben mit Atletico Madrid und Paris St. Germain zwei Klubs aus dem elitären Zirkel der üblichen Verdächtigen schon sicher. Dazu kommen mit RB Leipzig und Atalanta Bergamo zwei Vertreter, die für einen gewissen Überraschungseffekt stehen. Was aber längst die Ausnahme geworden ist.

Wie die UEFA das Geld verteilt

Mittlerweile seien 85 Prozent der Uefa-Wettbewerbsspiele vorhersehbar, weil die wirtschaftlichen Unterschiede so groß sind. Das hat die European Leagues, eine Vereinigung von 990 Klubs aus 36 Ligen in 29 Ländern, bereits im Herbst vergangenen Jahres angeprangert. Deren langjähriger Generalsekretär Georg Pangl trug in Frankfurt Fakten zur Finanzlage vor, die vor dem Hintergrund der immer derselben Meister in vier der fünf nationalen Topligen (Bayern in Deutschland, Paris in Frankreich, Juventus in Italien, Real oder Barcelona in Spanien) aktueller denn je erscheinen.

Schere weiter auseinander

Die Hauptursache, dass die nationalen Ligen zu Monokulturen entartet sind, liegt im explosionsartigen Anstieg der Uefa-Ausschüttungen. Die Einnahmen für die 14 europäischen Topklubs aus den Uefa-Geldern waren in den 26 Jahren zwischen 1992 und 2018 mit sieben Milliarden Euro genauso hoch, wie in den nächsten sechs Jahren zwischen 2018 und 2024 geplant ist.

Die Reform vor zwei Jahren hat dazu geführt, dass die Schere noch viel weiter auseinanderklafft. Aus Angst, die Topvereine könnten sich in einer eigenen Europaliga abnabeln, knickte die Uefa ein. „Natürlich war Druck da, aber es ist klipp und klar festgehalten, dass die Uefa sich um alle Klubs kümmern muss“, kritisierte Pangl. Der Österreicher, der sich inzwischen mit einer Agentur selbständig gemacht hat, sieht eine Endlosschleife, „die jede Spannung in der nationalen Meisterschaft zerstört“.

Die generierten Gelder in den Uefa-Wettbewerben sind von 2010/11 bis 2018/19 jährlich um durchschnittlich 13,8 Prozent gestiegen. Von den zu verteilenden 2,54 Milliarden Euro entfallen derzeit allein 1,98 Milliarden Euro auf die Champions League. In den K.o.-Runden gibt es das Meiste zu verdienen: Bayern hatte als Achtelfinalist 74,19 Millionen Euro an festen Prämien aus dem Topf der Uefa sicher.

Seit der Saison 2018/2019 profitieren die Schwergewichte nämlich nicht nur vom Startgeld, Erfolgsprämien und Geldern aus dem sogenannten Marktpool, sondern auch noch einer vierten Säule, einer Koeffizientenrangliste, die das Abschneiden der vergangenen zehn Jahre belohnt. Der deutsche Rekordmeister bekommt über diesen Weg 33,2 Millionen Euro. Wer erfolgreich war, erhält noch mehr. Und wo der Erfolg ist, wollen auch die Werbetreibenden sein: So konzentrieren sich 39 Prozent der Sponsorengelder im europäischen Fußball auf die Top Zwölf.

Die Champions League ist ungeachtet seiner sportlichen Güteklasse ein Wettbewerb, der massiv das wirtschaftliche Gleichgewicht gefährdet. Denn 81 Prozent der Uefa-Mehreinnahmen wanderten auf das Konto von nur 4,5 Prozent der Klubs, während 700 Vereine sogar noch schlechter gestellt wurden als vorher, hat die European Leagues ermittelt. Von 500 Klubs aus kleineren und mittleren Ligen qualifizieren sich nur noch vier für die Gruppenphase. Die vier Eliteligen aus Spanien, Deutschland, England und Italien haben hingegen vier Fixstarter sicher. Für die globalen Marken ist damit das Risiko minimiert, nicht dabei zu sein.

Entwicklungen, die auch Bundesliga-Vertreter mit zunehmender Besorgnis verfolgen. Jan Lehmann, Finanzvorstand des FSV Mainz 05, begründet seinen Vorstoß, die nationalen Fernsehgelder zu gleichen Teilen zu verteilen, genau damit. „Die Argumentation Leistungsprinzip ergibt keinen Sinn mehr, weil die Erträge in den Uefa-Wettbewerben enorm gewachsen sind.“ Thomas Röttgermann, Vorstandschef von Fortuna Düsseldorf, betrachtet die TV-Gelder aus den internationalen Wettbewerben als „Gift für die Wettbewerbsfähigkeit in den nationalen Ligen.“ Es herrsche keine Spannung mehr, das beträfe auch die Bundesliga. Bayern München und Borussia Dortmund hätten Planungssicherheit, „aber der Sport, die Unwägbarkeit der sportlichen Auseinandersetzung muss gewahrt bleiben. Wenn wir das nicht tun, vergraulen wir die Menschen, die sich das ansehen. Dann können wir alle Modelle, die wir jetzt haben, in die Tonne kloppen.“

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