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Auf dem Weg zum ersten Training: Co-Trainer Jens Lehmann.

FC Augsburg

Unter Torhütern

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Stärkt die Verpflichtung von Jens Lehmann die Position des Chefs Manuel Baum?

Ein sonniger Januar-Tag 2017 im Dunstkreis von Puerto Banus, dem Yachthafen von Marbella: Irgendwo in den verwirrenden Häuserschluchten in einem völlig verbauten Abschnitt an der Costa del Sol hatte sich damals der FC Augsburg sein Winterquartier genommen. In einem eher unscheinbar wirkenden Hotel. Mit einer winzigen Lobby. Wer aus dem Fahrstuhl kam, stand fast schon vor der Tür. Aber hatte nicht auch der Bundesligist gerade eine kleine Lösung gewählt, nachdem der Versuch mit Dirk Schuster gescheitert war? Der bis dahin weitgehend unbekannte Fußballlehrer Manuel Baum war im Dezember 2016 erst bis auf weiteres und dann kurz nach Weihnachten endgültig zum Cheftrainer ernannt worden.

Das Eigengewächs aus dem Nachwuchsleistungszentrum begleiteten ins erste Trainingscamp einige Vorbehalte: Zu jung, zu unerfahren und zu zurückhaltend sei der gebürtige Niederbayer, hieß es. Und war er nicht bereits zu kleingewachsen, als in der Jugend beim TSV 1860 München sein Traum von der Profikarriere als Torhüter platzte? Das Vertrauen, sagte er damals in einem Nebenraum der Hotellobby, sei ein „Sechser im Lotto“. Denn: „Das Spieltempo ist bei den Profis schneller, die Physis eine andere, und die Jungs sind deutlich lernfähiger.“ Er nehme den Job gerne an, weil er doch schon als Aktiver den besten Blick aufs Spielfeld hatte. „Als Torhüter fängst du früh an, das Spiel zu lesen.“ Diese Position sei prädestiniert für den Rollentausch zum Trainer: „Moderne Torhüter sind extrem intelligent und verstehen den Fußball sehr gut.“

Insofern müsste Baum, 39, eigentlich in die Hände klatschen, wenn er sieht, wer zwei Jahre später seinen Trainerstab verstärkt: Jens Lehmann, 49, der vor mehr als einem Jahrzehnt schon seiner Zeit so voraus war, dass ihm das Heiligtum der deutschen Nationalmannschaft bei der Heim-WM 2006 anvertraut wurde. Am Dienstag betraten die zwei Ex-Keeper erstmals gemeinsam den Trainingsplatz. Nicht nur ihre Vita weist gewaltige Unterschiede auf, auch ihre Erscheinung: Baum misst vom Scheitel bis zur Sohle 1,69 Meter, Lehmann hingegen werden 1,90 Meter zugeschrieben.

Wegen dessen ersten Arbeitstag als Assistenztrainer – gut verpackt in schwarzer Winterjacke inklusive Mütze – herrschte ein ungewöhnlicher Medienrummel am Augsburger Stadtrand. Der Auflauf soll bitte Ausnahme bleiben. Als Co-Trainer werde Lehmann „die sonstige Medienarbeit Cheftrainer Manuel Baum überlassen“, hieß es vorsorglich in der ersten Vereinsmitteilung. Botschaft: Presseanfragen an den 61-fachen Nationaltorhüter, WM-Dritter und Vizeeuropameister, deutscher und englischer Meister, sind beim Verein ungefähr so willkommen wie das nächste Lob nach einer Niederlage.

Was kann der Weltmann Lehmann, der sich die Eigenschaft bewahrt hat, erst nachzudenken bevor er losplaudert, beim Tabellen-15. bewirken? „Ich bin dankbar, dass ich hier mitarbeiten kann“, sagte Lehmann auf der Pressekonferenz am Dienstag. Er sehe sich als „unterstützendes Teil des Trainerteams“. Ansonsten war der polarisierende Ex-Profi sichtlich bemüht, nicht großspurig rüberzukommen. „Ich bin einer, der gerne lernt. Das gilt als Spieler wie als Trainer. Die Grundlage sehe ich hier gegeben.“ Seine Rolle als Fernsehexperte bei Länderspielen will der gebürtige Essener übrigens weiterführen – auch RTL sieht diesbezüglich keine Interessenskonflikte.

Eine erhebliche Rolle bei dem Deal dürfte die persönliche Bande zum 1990er-Weltmeister Stefan Reuter gespielt haben, mit dem Lehmann von 1999 bis 2003 bei Borussia Dortmund zusammenspielte. „Wir bekommen einen absoluten Top-Profi mit Siegermentalität. Ich freue mich, dass wir verkünden können: Jens Lehmann beim FC Augsburg“, sagte der Geschäftsführer. Der 52-Jährige führte aus, dass sich die ehemaligen Torhüter Baum und Lehmann zuvor getroffen und gegenseitig Gefallen an der Zusammenarbeit gefunden hätten.

In der Trainerkabine wird es damit noch ein bisschen enger: Mit Tobias Zellner, Michael Wimmer und Jonas Scheuermann stehen schon drei Assistenten auf der Gehaltsliste, dazu kommt Torwarttrainer Zdenko Miletic. Alle verblassen hinter der neuen Figur, die als ausgewiesener Querdenker neue Ansätze einbringen will, wobei Demut auch eine Tugend sein soll: „Als Trainer bin ich unerfahrener als Manuel – deshalb kann ich viel dazulernen.“ Vor allem seine internationale Prägung soll helfen, dass die FCA-Profis künftig weniger Fehler machen. Als erstes Indiz für seine verstärkte Einflussnahme werteten Beobachter, dass der neue Nothelfer schon erstaunlich viele Kommandos im Übungsbetrieb gab – und als Letzter in die Kabine ging.

Selbst will der bis 30. Juni 2020 gebundene Lehmann weitere Erfahrungen einsammeln, nachdem er eine Saison (2017/2018) schon der Trainerlegende Arsene Wenger beim FC Arsenal assistieren durfte. Abwegig ist nicht, dass ihm irgendwann selbst die Chefrolle zugetraut wird. Lehmann versicherte pflichtschuldig, Baum keine Konkurrenz zu machen: „Im Moment habe ich keine Ambitionen, weil ich hier Co-Trainer bin. Für mich stand immer im Mittelpunkt, auch bei Arsenal, loyal zu sein.“ Sollte er mal unerwartet befördert werden, dürfte der Nebenraum einer Hotellobby nicht mehr reichen.

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