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Augmented Tuten

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Von: Jakob Böllhoff

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Sind bereit für die WM: die Magentis, darunter Johannes B. Kerner und Michael Ballack (rechts).
Sind bereit für die WM: die Magentis, darunter Johannes B. Kerner und Michael Ballack (rechts). © Wolfgang Kumm/dpa

Zwischen angereicherter Architektur und schwereloser kernerschen Grammatik fasst sich die Fieldreporterin ans Ohr. Ein magentafarbener TV-Auftakt, eher suboptimal ausgeleuchtet. Eine Glosse,

Die Telekom stürzt sich mit großem Engagement in diese WM, nur bei Magenta TV, dem Streaming-Angebot des Unternehmens, kann man sich restlos alle 64 Spiele des Turniers live zu Gemüte führen, vorausgesetzt, das Gemüt kollabiert nicht bei Spiel 33 oder so. Um diesem Turnier mit all seinen „Facetten“ gerecht zu werden, haben die Magentis (so nennen wir sie jetzt einfach mal) ein hypermodernes Studio in den Sand gesetzt, also nach Katar, ein sogenanntes Hybridstudio, das durch eine „Kombination aus realer Setarchitektur und Augmented Reality“ besticht, wie die Magentis einen freudig auf ihrer Website wissen lassen.

Augmented Reality bedeutet so viel wie angereicherte Realität, und das ist sehr, sehr gut, denn die normale Realität ist viel zu luftig zusammengesetzt, da muss entsprechend nachverdichtet werden, wobei zu hoffen bleibt, dass die Realität gut vernäht ist. Platzen sollte sie dann vielleicht doch nicht. Wer soll das alles sauber machen.

Johannes B(aptist) Kerner jedenfalls nicht, unter seiner Würde, das muss man einfach so festhalten. Wie der entspannteste Schiffskapitän aller Zeiten hat er die Setarchitektur für sich vereinnahmt, ja, vereinnahmt hat er sie, mit fluffigen An- und Ab- und Zwischen-Moderationen, die aus Kerner regelrecht herausschweben, sodass man gar nicht mehr weiß, warum man ihn früher mal nicht leiden konnte. Bis einem einfällt: Womöglich genau deshalb.

Kerner bei Magenta TV

Kerner hat am ersten Abend mit dem Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft wirklich alles im Griff am Steuerrad zwischen Realität und Superrealität. Die Expertin Tabea Kemme (auch Politik) und der Experte Michael Ballack (nur Fußball) sind aufgestiegen auf den seidigen Strom der Kernersätze, lediglich den schwer angereicherten Ballack trägt es manchmal ein wenig aus der Kurve, zum Beispiel, wenn er den VAR als WAR bezeichnet, weil ihm das Angelsächsische wieder auf die sächsische Zunge gerutscht ist. Aber derlei verliert sich natürlich sofort in den unendlichen Weiten der kernerschen Grammatik.

Draußen allerdings, im Stadion, haben die Magentis ein wenig zu kämpfen. Kommentator Wolff Fuß verpasst beinahe den Anpfiff, weil der Busfahrer den Weg zu Stadion nicht kennt. Zuvor noch wird die Fieldreporterin Anna Sara Lange zugeschaltet, sie soll den berühmten Fußballer Javi Martinez interviewen, der mal beim FC Bayern spielte und jetzt in Katar. Könnte also was zu sagen haben, der Mann, denkt man sich und betrachtet Anna Sara Lange und wartet darauf, dass Anna Sara Lange endlich auf Johannes B. Kerners Anruf reagiert, aber Anna Sara Lange steht leider nur da und schaut recht angespannt in die Kamera, Martinez wirft ihr schon einen Blick zu von der Seite, verwundert und ein wenig belustigt. Dann fasst sich Anna Sara Lange ans linke Ohr. Sie ruft: „Ich höre wieder dieses Tuten!“ Womit klar ist: Kerner hört sie nicht. Von Tuten und Blasen hatte der nämlich noch nie eine Ahnung.

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