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Erlebt die Grenzen des Corona-Schutzes: Andrej Schewtschenko.

Positive Corona-Tests

Augen zu und durch

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
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Nach fünf positiven Tests und zwei Negativtestreihen durfte die Ukraine in Leipzig gegen Deutschland spielen.

Leipzig war hilflos. Also rief es die Polizei. Die stellte sich vor das Hotel „Steigenberger Handelshof“, mit bis zu fünf Einsatzwagen. Doch wozu? Um – wie es rund um größere Fußballspiele häufig erforderlich ist – eines der beteiligten Teams zu schützen? Oder – der Fall diesmal – um Kontakt zwischen Coronavirus drinnen und der Welt draußen zu unterbinden? Keiner darf mehr rein ins Hotel, keine Aerosolwolke raus. Am Sonntag wurde die Szenerie aufgelöst, die ukrainische Mannschaft reiste in getrennten Gruppen ab. „Die infizierten Spieler werden von einem eigenen Flugzeug abgeholt und nach Kiew gebracht“, hatte Nationaltrainer Andrej Schewtschenko nach dem 1:3 gegen Deutschland mitgeteilt.

Vier Spieler plus der Teammanager waren am Freitag positiv getestet worden, von da an war das Gesundheitsamt Leipzig im Spiel. Es konnte sich nur auf die Aussagen der Betroffenen verlassen: Wie nah waren sie anderen aus dem Kader gekommen? Angeordnet wurde schließlich nur die hotelinterne Isolierung der Infizierten. Am Samstag weitere Tests. Gleich zwei. „Das war sehr nervenaufreibend“, sagte Schewtschenko, „psychologisch schwierig. Die Ungewissheit hat uns Sorgen bereitet, dass weitere Spieler ausfallen könnten.“ Aber zwei Schnelltestreihen brachten negative Ergebnisse. Um 16.30 Uhr war abgesegnet, dass die Partie um 20.45 Uhr würde stattfinden können. DFB-Kapitän Manuel Neuer hatte intern, auf „60:40, dass es ausfällt“ getippt.

Auch auf deutscher Seite musste eine Positionierung zur plötzlichen Coronalage gefunden werden. Teamarzt Tim Meyer, der auch der Hauptverfasser des Hygienekonzepts für den Fußball ist, hält Übertragungen des Virus auf dem Spielfeld, weil die Kontaktzeiten sich auf Sekunden-Phasen beschränken, für unwahrscheinlich. Dennoch: Ausgeschlossen ist es nicht, im Profisport häufen sich trotz der Bildung von Blasen die Ansteckungsfälle. Man kann infektiös sein, ohne es zu wissen. „Man denkt darüber nach“, räumt Leon Goretzka ein. „Doch uns wurde versichert, dass man kein gesundheitliches Risiko eingeht. Sonst hat man den Kopf nicht frei für das Spiel.“

„Falscher Ansprechpartner“

Bundestrainer Joachim Löw nennt sich „den falschen Ansprechpartner“ für tief greifende Fragen wie: Wäre es nicht angemessen gewesen, dieses Spiel nicht auszutragen? Besorgnis könne er nachvollziehen, aber: „Die Entscheidungsgewalt liegt beim Gesundheitsamt oder der Uefa. Ich als Trainer kann das Spiel nicht absagen. Wenn Spiele angesetzt sind, können wir nicht im Hotel bleiben, auch nicht am Dienstag in Sevilla. Wir halten uns an die Vorgaben.“ Damit ist das Thema für ihn, der im Frühjahr noch über das Virus philosophiert hatte („Die Erde wehrt sich gegen den Menschen“), mit maximalem Pragmatismus durchgepaukt. Obwohl er in Ilkay Gündogan einen Spieler hat, der richtig krank war, und in Robin Gosens einen, der das Sterben in Bergamo mitverfolgt hat.

Die deutschen Spieler versichern, sich der Gefahr bewusst zu sein, „dass das Virus sich wie ein Lauffeuer verbreiten kann“, wenn man im Spiel zwei, drei Leute ansteckt, wie Timo Werner (FC Chelsea) sagt. Er hat in England zwei Tests pro Woche: „Ich sitze dann nicht wie auf heißen Kohlen daheim, ich gehe davon aus, dass es negativ ist.“ Und wenn man das Virus aufschnappe, „hoffe ich, dass es nicht schlimm wird“.

Am Montag reist die deutsche Mannschaft nach Spanien. Hochrisikogebiet. Joachim Löw nimmt alle 23 Spieler mit, obwohl er bei weitem nicht alle braucht. Kein Kompromiss.

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