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Flugkurve leicht abwärts: Liverpools Mittelfeldspieler Naby Keita im Hinspiel gegen Jo Kimmich.

Bayern München

Aufwind gegen Abwind

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Der FC Bayern und der FC Liverpool stehen dafür, dass das Establishment in ihren Ligen wieder den Ton angibt.

Niko Kovac betrat auch gestern mit freundlichem Gesicht den Interviewraum in der Münchner Arena, er schickte Grüße ins Publikum und bemühte sich um verbindliche Antworten. Es war genau wie damals im November, erst vier Monate her und doch eine Ewigkeit. Die Freundlichkeit des Bayern-Trainers wurde an jenem Tag gleich bei der Eingangsfrage einer strengen Prüfung unterzogen: Ob er glaube, am Ende der Woche noch im Amt zu sein.

Seinerzeit, vor dem Champions-League-Heimspiel gegen AEK Athen, konnte Kovac noch nicht wissen, dass der Tiefpunkt erst ein paar Wochen später erreicht sein würde. Heute ist das nur noch eine blasse Erinnerung. Vor dem Achtelfinal-Rückspiel gegen den FC Liverpool haben sich die Verhältnisse so radikal verschoben, wie man es selbst in einer turbulenten Branche wie dem Profifußball nicht allzu häufig erlebt. Letztlich gibt es aktuell nur ein vergleichbares Beispiel: den FC Liverpool.

Der umgekehrte Weg

Der heutige Gegner hat ganz ähnliche Erfahrungen gemacht und doch völlig andere. Die Mannschaft von Jürgen Klopp erlebt die Verschiebungen aus der entgegengesetzten Perspektive. Zu einer Zeit, als die Bayern sieben bis neun Punkte hinter Borussia Dortmund rangierten, waren sie dem hohen Titelfavoriten Manchester City bis zu sieben Zähler voraus. Es war eine Phase, wo auf der britischen Insel wie auf dem europäischen Festland junge, hungrige, aufmüpfige Aufsteiger die alte Ordnung über den Haufen zu werfen schienen. Schöne Geschichten bahnten sich an (selbst wenn Liverpools Kader in Wahrheit ebenfalls sündteuer ist). Und dann schlug das Imperium zurück.

Inzwischen gibt in beiden Ligen das Establishment wieder die Richtung vor, nicht unangefochten, aber doch klar vernehmlich. Der Begriff „Momentum“ ist gerade sehr in Mode, vor allem in München, wo die Akteure so klingen, als habe man das Schicksal auf seine Seite gezwungen. „Wenn man hinfällt, muss man wieder aufstehen“, sagt Niko Kovac. „Nicht nur ich, sondern alle zusammen sind wieder aufgestanden.“ Er spricht von „intrinsischer Motivation“, vom festen Willen, allen Umständen zu trotzen, und kommt zu dem Ergebnis: „Diese Jungs sind Gewinnertypen.“

Man könnte komplett unterschiedliche Vorzeichen vermuten, unter denen Bayern und Liverpool in dieses zweite Duell ziehen. Der eine hat einen Vorsprung aufgeholt, der andere hat ihn eingebüßt. Der deutsche Meister hat einen Trend geschaffen, der englische Herausforderer muss gegen einen ankämpfen. Aber so einfach ist es dann doch nicht. In der ganzen Premier-League-Saison hat Liverpool nur ein einziges Mal verloren, zum Verhängnis wurde den Reds eine Serie von (meist torlosen) Unentschieden. Klopps Mannschaft hat momentan nicht konstant diese unwiderstehliche Wucht, mit der sie monatelang durch die Liga walzte. Aber ernsthaft verwundet ist sie auch nicht.

Dass er als Trainer dieses offensiv so begnadeten Teams in der Öffentlichkeit zuletzt regelmäßig in die Defensive gedrängt wurde, hat ihm die Stimmung verhagelt wie sonst nur das englische Wetter. Klopp haderte zuletzt mit dem Wind und dem Regen, der Qualität des Rasens und der Defensivtaktik des Gegners. Im Einzelfall ist sein Klagen für den Zuhörer manchmal anstrengend, in der Summe aber hat es faszinierende Züge. Denn niemals und unter gar keinen Umständen, nicht mal nach den enttäuschendsten Vorstellungen, richtete sich sein Ärger öffentlich gegen die eigene Mannschaft.

Das erste Finale

Wir gegen den Rest, das ist ein Motiv, das auch die Bayern gut kennen und immer wieder bemühen. Zuletzt vor ein paar Tagen gegen Wolfsburg, bloß dass mit dem Rest damals exklusiv der Bundestrainer gemeint war. In München hat man viel Erfahrung damit, die Reihen zu schließen, wenn der Einsatz am größten ist. Heute ist so ein Abend. „Es geht um alles“, weiß Hasan Salihamidzic. Verglichen mit Liverpool ist das Fernduell mit den Dortmundern nicht viel mehr als ein Vorspiel. Was diese Saison am Ende wert sein wird, entscheidet sich auf der europäischen Bühne. Manuel Neuer sagt: „Es ist ein Finale.“ Im besten Fall das erste von mehreren.

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