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Wenn Niko Kovac sich nach dem Premierendouble für sein zweites Jahr ein wenig mehr Gelassenheit herbeigesehnt haben sollte, wird sich dieser Wunsch wohl kaum erfüllen.

Niko Kovac

Niko Kovac und sein Auftrag bei den Bayern

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Niko Kovac soll die Profis des FC Bayern nicht nur zu Erfolgen führen, sondern ihnen auch zu einem spektakulären Spielstil verhelfen – über allem schwebt der große Traum vom Titel in der Champions League.

Als Spieler zählten Dribblings durch des Gegners Reihen früher weniger zu den Stärken von Niko Kovac. Der gebürtige Berliner war auf dem Feld doch eher ein Raubein, ein Dauerläufer im defensiven Mittelfeld, auch ein Stratege. Während das fußballerische Verständnis und sicher auch der ausgeprägte Ehrgeiz den 47-Jährigen bis zum Cheftrainerposten beim FC Bayern nach oben gespült haben, musste er sich gerade in der vergangenen Saison, seiner ersten beim deutschen Branchenprimus, auch des Themas Dribbling vermehrt annehmen. Immer wieder kam es zu verbalen Fouls der Münchner Bosse in Richtung des Fußballlehrers, vermehrt war es Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, der grob dazwischen grätschte. Kovac befand sich ständig in der Rolle des Ausweichenden. Selbst Meisterschale und Pokaltrophäe waren nur ein Tröpfchen auf den glühenden Stein.

Wenn Niko Kovac sich nach dem Premierendouble für sein zweites Jahr an der Säbener Straße ein wenig mehr Gelassenheit herbeigesehnt haben sollte, wird sich dieser Wunsch wohl kaum erfüllen. Schon jetzt, rund dreieinhalb Wochen vor dem ersten Pflichtspiel im Supercup gegen Borussia Dortmund am 3. August, fahren die Vereinsoberen verbal wieder auf. Das Münchner Umfeld bleibt für Kovac ein gefährliches Minenfeld, das eine gewisse Dribbelfertigkeit benötigt, um am Ende nicht frontal umgehauen zu werden. Der Trainerjob in München ist stets einer auf Abruf.

Karlheinz Rummenigge hat hohe Ziele

So erneuerte Boss Rummenigge, ohnehin als Kritiker der Kovacschen Defensivfußballkunst bekannt, gerade wieder seine hehren Ziele für die kommende Saison, nichts Geringeres als der Champions-League-Titel schwirrt im Oberstübchen des 63-Jährigen herum. „Die Meisterschaft ist der wichtigste Titel, aber der schwerste ist die Champions League. Und schwere Aufgaben reizen mich“, ließ er sich im vereinseigenen Klubmagazin zitieren. Das Aus in der vergangenen Saison im Achtelfinale der Königsklasse habe ihn geärgert, „das war eindeutig zu früh“. Dass die Bayern am späteren Sieger aus Liverpool scheiterten, also an der besten Mannschaft des Wettbewerbs, ist Rummenigge keine Silbe wert. Für ihn zählen nur die reinen Fakten: Raus im Achtelfinale, direkt nach der Gruppenphase, geht gar nicht.

Gestern legte er noch einmal nach und schraubte die Ambitionen des deutschen Rekordmeisters weit nach oben. „Dieser Klub lechzt nach der Champions League“, sagte Rummenigge zu Sport 1. Auch glaube er, Kovac müsse sich an die Spielkultur des FC Bayern anpassen, „und nicht umgekehrt“. Am Ende des Tages müsse es ein Bayern-System geben, wie es ein Barcelona-System gibt. Das beinhalte, so Rummenigge, „spektakulärsten Fußball. Wir haben damit die Champions League gewonnen, standen dreimal im Finale und quasi immer im Halbfinale. Es wird jetzt eine wichtige Aufgabe von Niko Kovac sein, diese Spielkultur zu kultivieren.“

Niko Kovac hat Hernandez und Pavard, will aber mehr

Der Trainer selbst hat die Aufgabenstellung vernommen, gestern auf der Eröffnungspressekonferenz ging er mit dem auf ihm lastenden Druck souverän um. „Wir arbeiten in einem Klub, in dem die Ambitionen hoch sind. Wir haben das Double geholt, wir möchten es verteidigen“, sagte Kovac, „und international wollen wir sehr viel besser abschneiden, als wir es in der vergangenen Saison getan haben.“ Gerade für die hohen europäischen Weihen braucht es aber auch das passenden Personal, jenes das Spitzenqualität mitbringt, aber naturgemäß auch viel Geld kostet. 118 Millionen Euro haben die Bayern bisher ausgegeben, für die Verteidiger Lucas Hernandez (80 Millionen Euro Ablöse) und Benjamin Pavard (35), sowie Nachwuchsstürmer Fiete Arp (3).

Einer, der in ähnliche finanzielle Sphären wie der französische Weltmeister Hernandez vorstoßen könnte, ist der deutsche Nationalspieler Leroy Sané. Der Angreifer von Manchester City ist der Münchner Wunschkandidat. Ob Sané den Bayern weiterhelfen würde, wurde Kovac gefragt. „Ja. Ausrufezeichen“, lautete dessen Antwort. Und weiter: „Er kann uns auf jeden Fall helfen. Man hat bei der Nationalmannschaft und Manchester City gesehen, was er für Fähigkeiten hat.“ Vor allem paart Sané eine filigrane Technik mit einem furiosen Tempo, auch Torgefahr bringt der häufig auf den linken Flügel ausweichende 23-Jährige mit. „Wir haben vorne sicher Bedarf, wir versuchen natürlich, Franck Ribery und Arjen Robben zu ersetzen“, sagte Kovac.

Was wird aus Jerome Boateng?

In der Abwehr dagegen baut der Meistertrainer nicht mehr auf die Dienste von 2014er-Weltmeister Jerome Boateng. Zwar bekomme jeder Spieler, der einen Vertrag beim FC Bayern besitzt, dieselbe Aufmerksamkeit. Auch wolle man versuchen, jeden Spieler fit zu bekommen, „so lange er hier ist“, sagte Kovac. Eine längerfristige Zukunft von Boateng in München, das war zwischen den Zeilen deutlich herauszuhören und ist ja längst auch kein Geheimnis mehr, wird es nicht geben. „Auf dem Transfermarkt müssen wir Geduld an den Tag bringen“, sagte Kovac, „aber ich bin mir sicher, dass wir zum Saisonstart eine gute Mannschaft haben und konkurrenzfähig sein werden.“

Und der Traum vom Titel in der Champions League? „Das auszusprechen, geht einfach“, antwortete Kovac klug, „es umzusetzen, ist sehr schwierig.“

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