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Aufstand der Widerborstigen im Abstiegskampf der Bundesliga

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Von: Ingo Durstewitz

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Hertha Berlin’s Belgian defender Dedryck Boyata dpa
Hertha Berlin’s Belgian defender Dedryck Boyata dpa © AFP

Im Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga begehren zwei Kleine auf, drei Großklubs taumeln dagegen.

Die Bilanz ist eine des Schreckens, schlichtweg verheerend. Hier die nackten Zahlen: In den letzten elf Pflichtspielen kassierte der Champions-League-Starter VfL Wolfsburg sage und schreibe neun Niederlagen und holte von 33 möglichen Punkten nur zwei Zähler. In den letzten sechs Partien erzielten die Niedersachsen fünfmal kein eigenes Tor, auch nicht am Sonntag beim 0:2 in Leipzig. Eine der besseren Leistungen des VfL in dieser so desaströs verlaufenden Saison. Die Wölfe sind kurz vor der Abstiegszone angekommen, Platz 15, 21 Punkte, nur drei mehr als der Vorletzte aus Stuttgart.

An der Außenlinie steht nach wie vor Florian Kohfeldt, der mit drei Siegen furios gestartet ist und nun diesen beispiellosen Absturz zu verantworten hat. Am Mittellandkanal wissen sie selbst nicht so genau, wie es zu diesem Einbruch nach Platz vier in der Vorsaison kommen konnte, zumal das sündhaft teure Ensemble nicht nur zusammengehalten, sondern sogar für 50 Millionen Euro aufgepimpt wurde. Kohfeldt jedenfalls wird längste Zeit VfL-Trainer gewesen sein, sollte sein Team nach der Bundesligapause auch gegen Greuther Fürth nicht gewinnen können. Es ist sein persönliches Endspiel. Doch Vorsicht: Selbst die immer noch abgeschlagenen Franken sind mittlerweile konkurrenzfähig, haben von den letzten sechs Spielen nur eines verloren und zwei gewonnen. Das Schlusslicht präsentiert sich zurzeit jedenfalls deutlich lebendiger als einige namhafte Konkurrenten im Abstiegskampf.

Leblosigkeit und Lethargie

Denn der VfL Wolfsburg steht ja nicht als einziges Schwergewicht da unten drin. Er befindet sich in bester Gesellschaft. Da ist die mit 374 Windhorst-Millionen gestopfte Hertha aus Berlin, die trotzdem mal wieder den eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird. Auch unter Tayfun Korkut nicht, dem blassen Trainer. Die letzten Resultate: 1:3 gegen Köln, 0:0 gegen Wolfsburg, 2:3 im Stadtderby gegen Union und am Sonntag 1:4 gegen die Bayern – wobei das Ergebnis den Spielverlauf nicht mal annähernd widerspiegelt. Auch die Hertha steckt mit 22 Punkten knietief im Morast, nach dem Aus im Pokal gegen Union erhielt die Mannschaft beim nichtöffentlichen Training ungebetenen Besuch von einer 80 Mann starken Ultra-Gruppe, die den Profis die Meinung geigte. Selbst die Polizei rückte an. Die Stimmung in der Hauptstadt ist am Tiefpunkt.

Genauso wie in Mönchengladbach, das in Gefilden krebst, die man eigentlich nur aus der Entfernung kennt, Platz zwölf, 22 Punkte, nur drei mehr als Augsburg auf dem Relegationsplatz. Auch Trainer Adi Hütter steht schwer unter Druck, er hat nun zwei wegweisende Spiele vor der Brust, das erste gegen Arminia Bielefeld und das zweite gegen den FC Augsburg, zwei Konkurrenten im Abstiegskampf.

Für die drei Großklubs ist die Situation eine nicht zu unterschätzende und ungemein gefährlich, denn sie sind auf diesen Kampf ums Überleben ja gar nicht vorbereitet. Die mentale Beschaffenheit spielt eine große Rolle, da geht es weniger um fußballerische Klasse, sondern eher um Willen, Leidenschaft und Primärtugenden. An besagten Standorten ist eher Leblosigkeit und Lethargie auszumachen. Zudem werden sie zumeist von einer trügerischen Sicherheit eingenebelt: der vorgeblichen Qualität des Kaders.

Warnende Beispiele

Und: Diese Mannschaft stehen ja nicht zufälligerweise dort unten, sondern weil etwas gewaltig schiefläuft: Entweder stimmt es in der Mannschaft nicht oder das Verhältnis zum Trainer ist gestört oder es herrscht eine stetige Unruhe im Verein – wenn es ganz dumm läuft, kommt alles zusammen. Wo das hinführen kann, weiß man: Mal bei Schalke, Bremen, Hamburg nachfragen.

Die Lage spitzt sich dort unten auch deshalb zu, weil einige potenzielle Abstiegskandidaten mächtig aufbegehren. Sie haben den Vorteil, dass sie von der ersten Minute an wussten, worum es geht und was auf dem Spiel steht. Arminia Bielefeld etwa stellt die laufstärkste Mannschaft der Liga, in Frankfurt rissen die Ostwestfalen 128,2 Kilometer runter. Das ist der Spitzenwert in dieser Saison. Und sie spielen einen schnörkellosen Fußball, sind im Aufwind und seit fünf Spielen unbesiegt, haben von 15 Punkten elf geholt. The trend ist your friend. Oder eben nicht.

Und auch der VfL Bochum, nächster Gegner der Hertha, legt einen ungeheuerlichen Behauptungswillen an den Tag, ist enorm widerborstig und kratzbürstig. „Sperrig und respektlos“, wie der „Kicker“ titelte. Der Neuling ist zudem ungemein heimstark. Keine schlechte Referenz.

Vielleicht müssen die in die Bredouille geratenen Großkaliber also in Ermangelung der eigenen Stärke ihre ganze Hoffnung auf zwei Kellerkinder legen, die auf 16 und 17 liegen: Der FC Augsburg und der VfB Stuttgart warten beide seit fünf Spielen auf einen Sieg. Auch für sie rückt der Abgrund immer näher.

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