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Aufrecht mit Hitzlsperger

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Von: Jan Christian Müller

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Lächelnd voran: Ex-Bundesligaprofi Thomas Hitzlsperger (rechts) neben DFB-Chef Reinhard Grindel.
Lächelnd voran: Ex-Bundesligaprofi Thomas Hitzlsperger (rechts) neben DFB-Chef Reinhard Grindel. © dpa

Der gebeutelte Deutsche Fußball-Bund will sich bei Confed-Cup und WM werteorientiert positionieren - und große sportpolitische Versäumnisse der Vergangenheit nicht wiederholen.

Der Deutsche Fußball-Bund ist momentan nicht gerade bestens beleumundet. Nicht nur die leidige WM-Affäre, dieses von der Staatsanwaltschaft noch nicht aufgeklärte Delikt mutmaßlich schwerer Wirtschaftskriminalität, hängt wie Blei an den Beinen. Daran hat auch der Personalwechsel an der Verbandsspitze nichts Grundlegendes geändert. Hinzu kommt die zunehmend aggressive Fan-Kritik an Strafen des DFB-Sportgerichts, die beim Pokalfinale in ein von den Anhängern beider Finalteilnehmer aus Dortmund und Frankfurt minutenlang skandiertes „Scheiß DFB“ mündete. Verbalinjurien, die sodann sogar von Teilen des Publikums auf der Haupttribüne mit Beifall bedacht wurden.

Die „Helenefischerisierung“ des Fußballs

Hinzu kommt der leidenschaftlich debattierte Auftritt von Schlagerstar Helene Fischer in der Halbzeitpause des Endspiels von Berlin, in dem viele Menschen alles Böse der Kommerzialisierung im Profifußball erkannt haben wollten. Auch diese „Helenefischerisierung“ wurde in den Fanforen, an den Stammtischen und bei Facebook mit Inbrunst kontra Deutscher Fußball-Bund interpretiert, der einiges auszuhalten hat in diesen heißen Tagen. Präsident Reinhard Grindel macht es sich dabei zu leicht, wenn er den Verdruss vieler Menschen im Land über derartige (Fehl-)Entwicklungen auf ungehörige Fangemeinden aus Dortmund und Frankfurt herunterbricht, die „ganz offenbar ihre Unzufriedenheit“ über Strafen des DFB-Sportgerichts auf Helene Fischer abwälzten. So einfach ist es denn doch nicht. Den kollektiven Ärger sollte der DFB ernster nehmen.

Zumal der Dachverband von fast sieben Millionen Mitgliedern in 25 000 Vereinen seiner gesellschaftliche Verantwortung künftig wieder mehr gerecht werden will als unter Grindels Vorgänger Wolfgang Niersbach. Das soll schon bald beim Confederations Cup in Russland zum Tragen kommen und durch Thomas Hitzlsperger in der Funktion eines DFB-Botschafters für Vielfalt unterfüttert werden. Botschafter für Vielfalt? Was soll das sein? Was soll der tun?

Konkret wird sich der 52-malige Nationalspieler Mitte Juni zum Präsidenten Grindel in einen Flieger nach Moskau gesellen, um vor Ort zum Beginn des Confed-Cups Gespräche zu führen. Grindel war zum Wochenbeginn in Berlin zu Gast bei Amnesty International, der Vereinigung Reporter ohne Grenzen und Vertretern der Bundesregierung, um sich auf den Confed-Cup und die Weltmeisterschaft 2018 in Russland vorzubereiten,

Bei den „Petersburger Dialogen“ in Moskau am 17. Juni gehört der DFB-Boss zu den Rednern. „Wir werden den Confed-Cup nutzen“, verspricht der 55-Jährige, „um mit Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen zu sprechen.“ Der ehemalige CDU-Bundespolitiker will an der Seite von Hitzlsperger, der dafür eigens einige Kurse seiner Ausbildung zum Fußballlehrer sausen lässt, der Frage nachgehen: „Welche Inhalte können wir während der WM transportieren?“ Die Akzeptanz der WM bei den Fans hänge „entscheidend davon ab, ob wir klare Aussagen zum Beispiel gegen Hooliganismus, Doping und für Pressefreiheit bekommen“. Es sei die „Aufgabe, dass die WM 2018 nicht zur Imagebildung für Politiker missbraucht wird“, sondern zu einem „großen zivilgesellschaftlichen Dialog“ führe. Worte, denen auch Taten folgen sollten.

Hitzlsperger kann dabei, ebenso wie der seit einem halben Jahr als DFB-Botschafter für Integration zuständige Ex-Nationalspieler Cacau, besonders glaubwürdig hilfreich sein. „Der DFB meint es ernst mit dem Thema“, glaubt Hitzlsperger und sieht es als „als große und ehrenvolle Aufgabe an, den DFB dabei zu unterstützen. Seit der U 15 habe ich bereits für den DFB gespielt“ – dass er nun auf dieser Ebene für den Verband tätig werde, erfülle ihn „mit Stolz“. Zum Jobprofil gehört es, gegen homophobe oder rassistische Diskriminierungen einzutreten. „Ich will für Toleranz werben“, sagt der Deutsche Meister 2007 und Vize-Europameister 2008, der als jüngstes Kind mit sechs Geschwistern früh lernte, in großer Gemeinschaft Rücksicht aufeinander zu nehmen.

Der 35-Jährige führte bei seiner Vorstellung als neuer DFB-Botschafter in Frankfurt aus, sein Coming-out vor dreieinhalb Jahren habe „mein Leben bereichert und in einer schönen Art und Weise verändert, auch, wenn es nicht immer einfach war“. Er habe danach viele interessante Menschen kennengelernt – „ein großes Plus“. Auch vor der Reise nach Russland, wo Homosexualität gesellschaftlich überwiegend tabuisiert oder abgelehnt wird, gehe er ohne Angst oder Vorurteile: „Ich möchte vor Ort mit Menschen sprechen, ich möchte zunächst mehr zuhören als mitreden.“ Sodann will Hitzlsperger mithelfen, „Dinge zu erarbeiten, die Russland und Deutschland hoffentlich näher zusammenbringen“. Entscheidend sei, „dass man sich trifft und spricht“, nur dann könne es „Veränderungen geben“. Er befinde sich in einem Alter, in dem er das Gefühl habe: „Wenn ich mich jetzt nicht für meine Überzeugungen engagiere, wann dann? Ich habe sehr viel Kraft.“

Was die Kraft der aktuellen Nationalspieler für gesellschaftlich relevante Themen angeht, äußerte sich Hitzlsperger zurückhaltend. „Es gibt einige wenige, die sich Gedanken machen, welchen Platz sie in der Gesellschaft haben. Die meisten ziehen sich zurück.“ „The Hammer“ hat dafür Verständnis: „Ich finde es gut, wenn sich Profis engagieren, so wie es einige Nationalspieler mit ihren Stiftungen ja schon tun, ich unterstütze das.“ Er wisse aber auch, wie groß schon allein der sportliche Druck sei „und möchte niemanden noch zusätzlich unter Druck setzen“.

Anlässlich der Europameisterschaft 2012 in Polen hatte es der DFB weder geschafft, das gesamte Team geschlossen zu einem Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz zu bewegen, noch dazu, die unweit des Teamhotels in Danzig gelegene Westerplatte mit dem kompletten Kader zu besuchen – jenen Ort, an dem die deutsche Flotte am 1. September 1939 Polen angegriffen und so den Zweiten Weltkrieg ausgelöst hatte. Lediglich Präsidiumsmitglieder, angeführt vom damaligen Verbandschef Wolfgang Niersbach, waren während der EM 2012 zu einer Kranzniederlegung an der Gedenkstätte erschienen. Ein sportpolitisches Armutszeugnis.

Grindel wies in dieser Woche darauf hin, dass er seinerzeit nicht in verantwortlicher Position im DFB gewesen sei. Und er deutete an, dass der Verband die WM 2018 nicht vergleichbar ignorant verstreichen lassen würde. Die aktuelle deutsche U21 geht alsbald schon mal beispielhaft voran, sie besucht unmittelbar vor der U21-EM in Polen am 15. Juni geschlossen die KZ-Gedenkstätte Auschwitz.

Laut Grindel würden die von Bundestrainer Joachim Löw für den Confed-Cup auserwählten Profis „intensiv auf gesellschaftliche und politische Hintergründe“ in Russland vorbereitet, „es kommt darauf an, die richtigen sportpolitischen Gesten zu zeigen“. Hitzlsperger ergänzte: „Die Spieler dürfen die Augen nicht verschließen. Aus Erfahrung weiß ich: Die Spieler warten ab, was der Verband ihnen vorgibt.“

Bei der WM will der DFB die Profis aus dem Tunnel holen, vor allem dann, wenn der Spielplan sie zu Spielen in den geschichtsträchtigen Städten Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg, oder in Wolgograd, dem einstigen Stalingrad, verpflichten würde. Sich dort nicht in Demut zu präsentieren, wo im Zweiten Weltkrieg mehr als 700 000 Menschen ums Leben kamen, die meisten davon die von der später hilflos eingekesselten Wehrmacht angegriffenen Soldaten der Roten Armee, muss auch Nationalspielern und einem Bundestrainer abverlangt werden dürfen, die gemeinsam Weltmeister werden wollen.

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