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Stellt sich immer vor die Mannschaft: Bundestrainer Joachim Löw beim Training am Hamburger Millerntor.

Nationalmannschaft

Auffällig unauffällig

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Das aktuelle Geschäftsprinzip der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wird von Manager Oliver Bierhoff vorgelebt: Bloß nicht zu viel Prahlerei.

Beim FC St. Pauli wird hoher Besuch selbstverständlich höchstpersönlich begrüßt. So kam es, dass Andreas Rettig an der Eingangstür zur Pressekonferenz ausharrte, um Oliver Bierhoff genau dort kurz abzufangen. Der bald scheidende Geschäftsführer des Hamburger Zweitligisten und der Manager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft kennen sich seit vielen Jahren, wenngleich der DFB-Mann die zweiten Schritte in seine Profikarriere einst beim ungeliebten Stadt- und Spielklassenrivalen Hamburger SV tätigte.

In dessen Arena findet am Freitag (20.45 Uhr, RTL) das EM-Qualifikationsspiel gegen die Niederlande statt, aber weil das Volksparkstadion mitsamt Trainingsplätzen ein bisschen weit draußen vor den Toren der Hansestadt liegt, hat der Verband sich zur Vorbereitung lieber fürs Millerntor am Rande des berühmtesten Kiezes der Republik entschieden. Und natürlich werden die in der Heimstätte des FC St. Pauli unübersehbaren Statements gegen Rassismus auch nicht mehr - wie noch beim vorletzten Besuch der Nationalmannschaft - von übereifrigen Mitarbeitern abgehängt. Schon beim letzten Mal war das nicht mehr der Fall gewesen, weil das Bewusstsein geschärft war. Der DFB hat unter dem Ex-Präsidenten Reinhard Grindel gewiss nicht nur negative Entwicklungen erlebt.

Auch unter dem alten und neuen Bundestrainer Joachim Löw sollen die Schritte, die zuletzt in die richtige Richtung gingen, natürlich fortgesetzt werden. Die Ansprache des Chefcoaches vorm Training geriet noch eindringlicher als gewohnt, am Ende gab es unbeschwerten Beifall für den Abwehrhünen Niklas Süle, der am Dienstag 24 wurde. Löw hatte die Spieler im Verlaufe des Vorabends allesamt persönlich begrüßt, ganz so, wie es üblich ist, nachdem der 59-Jährige zuletzt verletzt gefehlt hatte. Inzwischen hat er offenbart, dass es sich Ende Mai beim Unfall mit einer Hantel beim Krafttraining keinesfalls um eine Arterienquetschung gehandelt habe, wie seinerzeit offiziell verlautbart wurde, sondern konkret um einen Arterienanriss unter einem Brustbeinbruch. Kein Spaß, so was.

Für Löw und seinen Vertrauten Bierhoff stellen sich in diesem Herbst zwei generelle Aufgaben, die geschickt miteinander verwoben gehören: Einerseits die kurzfristige operative Ausrichtung auf eine gelungene Qualifikation für die in zehn Ländern stattfindenden EM-Endrunde 2020, andererseits die strategische Ausrichtung mit einer blutjungen Truppe, die im November/Dezember 2022 in Katar bei der WM und vor allem 2024 bei der EM im eigenen Land am Scheitelpunkt ihrer Entwicklung stehen soll.

Bierhoff beschäftigt sich in diesen Tagen in Hamburg in seiner Doppelfunktion als Manager des Nationalteams sowie DFB-Direktor der Elitemannschaften und der neuen Akademie keinesfalls nur mit der Tagesarbeit, sondern blickt weit in die Zukunft. Gestern nach seinem Auftritt bei der Pressekonferenz am Millerntor referierte der 51-Jährige deshalb noch beim Innovationskongress am anderen Ende der Stadt.

Bei seinen öffentlichen Statements wirkte Bierhoff, anders als oft in der Vergangenheit gewohnt, auffällig unauffällig. Wo sich früher in Bierhoffs Botschaften gern ein „wahnsinnig gut“ fand, versteckt sich derzeit nur ein nüchternes „gut“, etwa, wenn er sagt: „Wir haben die technischen und taktischen Qualitäten, gut zu spielen.“ Die generelle Botschaft: Bloß nicht zu viel der Prahlerei nach der vermurksten WM, der ernüchternden Nations League und jetzt gerade mal wieder zwei, drei, vier ordentlichen Spielen, denn: „Diese Mannschaft steckt mitten in einem Prozess“, viele Spieler seien zwar schon recht weit, müssten aber „in ihrer Persönlichkeit noch reifen“.

Mehrfach wiederholte der einstige Kapitän, der ein sensibler Erfühler für die innerbetriebliche Temperatur ist, wie sehr es ihn freue, dass er „Spaß, Freude und Stolz“ bei den Spielern zu einhundert Prozent wahrgenommen habe. Der Manager wirkt schwer erleichtert über diese Entwicklung, er wusste ja, dass die Trennung von verdienten Führungsspielern gewiss nicht ohne Risiko gewesen ist. Bislang können sich Löw und Bierhoff jedenfalls bestätigt fühlen, die Müller-Hummels-Boateng-Rochade im Frühjahr in einer wahren Nacht-und-Nebel-Aktion vollführt zu haben.

Die übrig gebliebenen Dienstältesten unterstützen die zurückhaltende Rhetorik ihres Verbandsmanagers. Toni Kroos, nach einer Auszeit im Juni wieder dabei, sagt, „es fehlt uns schon noch ein bisschen was“, um bei der EM ganz vorne mit dabei zu sein, Manuel Neuer sekundiert, es sei vor allem nötig, „die Mechanismen immer wieder zu trainieren“. Denn diese Mechanismen, die Löw mit seinen erfahrenen Männern zwischen 2010 und 2018 immer wieder eingeübt hatte, die praktisch jedem Spieler in Fleisch und Blut übergegangen waren und an denen jeder Neuling sich orientieren konnte, sind mit dem Abbruch alter Hierarchien und Seilschaften verlorengegangen.

Sie waren allerdings am Ende auch zu sehr zur Routine geworden, anstrengende Tiefenläufe hatten kaum noch stattgefunden, sie werden im neuen Löw-Land umso mehr verlangt und von Kerlen wie Serge Gnabry, Timo Werner, Leon Goretzka, Julian Brandt und Timo Werner auch regelmäßig vollführt. Dass Top-Tiefenläufer Leroy Sané verletzt fehlt, empfindet Löw ausdrücklich als schmerzhaft, „das tut weh“, könnte aber durch einen formstarken Werner kompensiert werden. Eine neue Torhymne will der DFB am Freitag einweihen. Zwölf Jahre lang war bei jedem Heimspieltreffer Oli Pochers „Schwarz und Weiß“ abgenudelt worden. Jetzt wurde per Fanumfrage ein Dancefloorhit zum Nachfolger-Jingle ernannt: „Kernkraft 400“ von Zombie Nation. Man kann es mögen, muss aber nicht.

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