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Auf Zeit spielen

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Von: Frank Hellmann

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Hilft er dem DFB aus der Patsche? Rudi Völler, der Volkstribun. Foto: dpa
Hilft er dem DFB aus der Patsche? Rudi Völler, der Volkstribun. Foto: dpa © dpa

Rudi Völler könnte dem DFB vorübergehend aus der Bredouille helfen. Die wahren Probleme beginnen aber erst nach der EM 2024. Fachleute sehen schwarz.

Es scheint beim DFB bei der Suche nach einem starken Mann mit positiver Aura nun schneller voranzugehen als gedacht. Jedenfalls lassen Äußerungen von DFB-Präsident Bernd Neuendorf vermuten, dass man sich auf Rudi Völler als Wunschkandidat für die Nachfolge von Oliver Bierhoff festgelegt hat, der über die auf allen Ebenen vermasselte WM in Katar gestolpert ist. Im Deutschen Sport und Olympia Museum in Köln hat Neuendorf viele lobende Worte für den 62-Jährigen verloren, der im Sommer bei Bayer Leverkusen mit viel Brimborium verabschiedet wurde.

Offenbar möchte der krisengeschüttelte DFB sehr rasch von dessen Beliebtheit profitieren. „Tante Käthe“ hat schon einmal in einer Sinnkrise geholfen. So unverhofft der gebürtige Hanauer im Jahr 2000 zu seinem Job als Teamchef kam, könnte er nun zu einer Tätigkeit als Geschäftsführer gelangen. Angeblich hat sich Volksheld Völler Bedenkzeit erbeten.

Bereits am Dienstag bittet die Deutsche Fußball-Liga (DFL) in Offenbach zum Neujahrsempfang. Zwei Tage später tagt wieder die Taskforce, aus dessen Männerzirkel der mächtige Liga-Aufsichtsratschef Hans-Joachim Watzke im Grunde ebenfalls grünes Licht für „Rudi Riese“ gab. Zu bedenken ist nur: Völler ist kein Anhänger von zu vielen wissenschaftlichen Ansätzen, die Tobias Haupt als Akademieleiter vorantreibt. Vielleicht aber kümmert sich der „absolute Sympathieträger“ (Neuendorf über Völler) zuvorderst um die Außendarstellung und die A-Nationalmannschaft – und mischt sich bei Talentförderung, Frauen- und Jugendfußball gar nicht ein. Danach könnten Planspiele greifen, mit den bis 2024 in Berlin gebundenen Fredi Bobic wieder einen zupackenden Tausendsassa zu gewinnen, der unweit der DFB-Heimat bei Eintracht Frankfurt die Grundlage für die aktuelle Hochphase legte.

Zeitnah ist für die Nationalelf zu klären, welche Länderspiele die DFB-Auswahl in diesem Jahr bestreitet. Es verwundert schon, dass der Verband noch keine Abmachung getroffen hat. Noch immer herrscht im Terminkalender gähnende Leere für die März-Termine. Die meisten europäischen Topnationen sind in der Qualifikation gefordert. Wie wäre es denn, für EM-Gastgeber Deutschland mit einem Freundschaftsspiel gegen die Ukraine am 23. März etwas Gutes zu tun. Die Ukraine steigt erst am 26. März in England in die Qualifikation ein. Dann könnte der DFB alle Einnahmen aus dieser Partie spenden und das Stadion voll bekommen.

Viele Baustellen beim DFB

Schwieriger zu lösen sind die langfristigen Defizite, auf die Joti Chatzialexiou, der Sportliche Leiter Nationalmannschaften, hinweist. Er hatte die WM mit einem profunden Team beobachtet und festgestellt, dass die DFB-Auswahl nicht das Problem hatte, „zu wenig Qualität für mehr zu haben“. Da könnten bis zur Heim-EM einfache Handgriffe genügen.

Mehr Sorge bereiten deutsche Juniorenteams, die kaum mehr konkurrenzfähig sind: Seit 2018 ist zu viel Zeit vergangen, ohne die angesprochenen Reformen wirklich umzusetzen. Die Realität ist, dass sich die Bundesligisten bei jungen Spielern fast nur noch aus dem Ausland bedienen, eine gefährliche Entwicklung. Hier erwächst für die Nationalmannschaft bald ein riesiges Qualitätsproblem, um dessen Lösung sich Rudi Völler aber nicht mehr kümmern wird. Er würde nur ein Helfer auf Zeit sein. Aber wohl der beste, der gerade verfügbar ist.

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