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Auf links gedreht

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Von: Frank Hellmann

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Reif für die Insel: Wout Weghorst verlässt Wolfsburg via FC Burnley. Foto: afp
Reif für die Insel: Wout Weghorst verlässt Wolfsburg via FC Burnley. © dpa

Stürmer Max Kruse kommt, Stürmer Wout Weghorst geht: Warum der stark ins Trudeln geratene VfL Wolfsburg seine Transferphilosophie verwirft.

Es ist schon ein bisschen her, dass Florian Kohfeldt ausführlich darüber sprach, wie er es denn als eher unerfahrener Bundesliga-Trainer in Bremen geschafft habe, einen ausgebufften Profi wie Max Kruse auf seine Seite zu ziehen. „Ich muss mich fragen, wo lasse ich die Linien etwas weicher werden, für jemanden, der besondere Leistungen bringt“, verriet er mal bei einer Podiumsdiskussion an der Uni Bremen. Zur langen Leine gehörte damals beim SV Werder, dass ein Fußballlehrer mit Masterstudium in Sport- und Gesundheitswissenschaften seinem unangepassten Ausnahmekönner beispielsweise den Nutella-Konsum in der Kabine erlaubte. Der legere Umgang mit der kalorienreichen Verköstigung hat letztlich niemand geschadet: Kohfeldt brachte es 2018 zum DFB-Trainer des Jahres, Werder Bremen schnupperte im Jahr darauf am Europapokal und Kruse klopfte fast wieder ans Tor zur A-Nationalmannschaft.

Es ist die vielleicht kurioseste Kehrtwendung auf dem Winter-Transfermarkt, dass sich der 33-Jährige ein zweites Mal dem kriselnden VfL Wolfsburg anschließt, wo eben jener Kohfeldt arbeitet, der ohne einen Sieg im nächsten Bundesligaspiel gegen Greuther Fürth (Samstag 15.30 Uhr) als Coach kaum zu halten sein dürfte. Fünf Millionen Euro Ablöse und ein sehr fettes Jahresgehalt bis Sommer 2023 kostet der nicht mehr völlig austrainierte Offensivallrounder, der im Zentrum einer gewaltigen Rochade am Mittellandkanal steht.

Am letzten Tag der Transferperiode verschickte der Werksverein fast stündlich die Vollzugsmeldungen: Erst die Verpflichtung von Jonas Wind, 22, zwölffacher dänischer Nationalstürmer, der für angeblich zwölf Millionen Euro vom FC Kopenhagen kommt. Dann der Weggang von Wout Weghorst, 29, niederländischer EM-Teilnehmer und mit 59 Toren in 118 Bundesligaspielen immerhin zweitbester Torschütze der VfL-Geschichte, der für rund 14 Millionen zum Premier-League-Schlusslicht FC Burnley wechselt.

Fast wirkte es so, als würde der VfL an zwei Tagen die Versäumnissen von zwei Transferperioden aufholen wollen. Die Verantwortlichen waren so mit den Kaderkorrekturen beschäftigt, dass nicht einmal mehr eine Pressekonferenz in den Zeitplan passte. Zuvor waren bereits Josuha Guilavogui (31 Jahre, Girondins Bordeaux), Daniel Ginczek (30, Fortuna Düsseldorf) und Admir Mehmedi (30, Antalyaspor) gegangen. Ein Perspektivtransfer wie der des erst 18-jährigen US-Talents Kevin Parades ging zuletzt fast unter. So viele Wechselspiele im Winterschlussverkauf waren mit Wolfsburger Beteiligung zuletzt nur in der Ära Felix Magath zu besichtigen.

Reinigung der Kabine

Möglicherweise hatten Geschäftsführer Jörg Schmadtke und Sportdirektor Marcel Schäfer schon seit einiger Zeit erkannt, dass die Kabine eine Grundreinigung benötigt – mit dem eisernen Besen wird aber erst spät durchgekehrt, nachdem alle Ansagen auf taube Ohren stießen. Dass der Klub in höchster Not alles auf links dreht, ist einerseits verständlich. Andererseits hat die großzügig alimentierte VW-Tochter auch ihre gesamte Transferphilosophie über den Haufen geworfen.

Wo ansonsten vor allem hungrige Perspektivspieler wie Ridle Baku, Lukas und Felix Nmecha oder Luca Waldschmidt mit der Aussicht auf den Karrierefortschritt gelockt wurden, hat der Hoffnungsträger Kruse das Angebot nach eigenem Bekunden vor allem deshalb angenommen, weil es „langfristig und hoch dotiert ist“. Offiziell erklärte er: „Unsere gemeinsame Geschichte ist noch nicht zu Ende geschrieben.“ Dass sich die Wölfe die eine oder andere skandalträchtige Episode dazukaufen, müssten sie nach der Saison 2015/2016 eigentlich wissen, als weniger sechs Tore und acht Vorlagen in Erinnerungen blieben, sondern eine bei einer Berliner Spritztour in einem Taxi vergessene größere Summe Bargeld.

Dass der instinktsichere Techniker trotzdem in fast jeder Lebenslage seine Vereine besser gemacht hat, daran klammert sich auch der nach elf sieglosen Pflichtspielen angezählte Kohfeldt, der sich ein zweites Mal in die Abhängigkeit dieses unangepassten Profis begibt. Gelingt gegen den Tabellenletzten Fürth mit seinem Wunschspieler nicht der Befreiungsschlag, dürften Kohfeldts Tage als Bundesliga-Trainer vorerst gezählt sein – im Gegensatz zu Kruses Karriere.

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