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Auf den Spuren von Uwe Seeler

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Von: Jan Christian Müller

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Beweglich wie eh und je: Thomas Müller.
Beweglich wie eh und je: Thomas Müller. © dpa

Thomas Müller hat sich für seine vierte Fußball-WM sehr viel vorgenommen / Vertragsverlängerung in München? „Es ist von beiden Seiten sehr viel Respekt füreinander da.“

Bundestrainer Hansi Flick hat sein Credo gerade noch mal sehr unzweideutig formuliert: „Mir ist wichtig, dass wir Spieler bei der Weltmeisterschaft dabeihaben, die alle drei Tage in der Lage sind, Topleistungen abzurufen. Voraussetzung dafür ist Topfitness.“

Das sind Parameter, die Thomas Müller seit zwölf Jahren beim FC Bayern erfüllt. Und genau deshalb ist der 32-Jährige noch immer Mitglied des DFB-Teams, das Samstag in Sinsheim gegen Israel spielt (20.45 Uhr/ZDF) derweil die mit ihm von Ex-Bundestrainer Joachim Löw im Frühjahr 2019 übereilt aussortierten Mats Hummels und Jerome Boateng nicht mehr dabei sind. Hummels schaffte nur kurz die Rückkehr bei der EM 2021, Boateng gar nicht mehr.

110 Länderspiele, 42 Tore, 40 Vorlagen: Das sind klasse statistische Werte für Thomas Müller, der schon 20 Länderspiele weiter und somit straff auf Kurs Rekordnationalspieler wäre, wenn Löw ihn nicht zwischen März 2019 und März 2021 unberücksichtigt gelassen hätte.

Verletzungsbedingt gefehlt hat der widerstandsfähige Offensivspieler beim DFB in all den langen Jahren nur zweimal wegen Muskelfaserrissen, einmal wegen einer Daumenverletzung und ein weiteres Mal wegen Adduktorenbeschwerden. Er sagt, er höre durchaus immer mal wieder tiefer in seinen Körper hinein, um herauszufinden, was gut für ihn ist: Wie viel Extratraining bringt wirklich was? Wie lassen sich Ernährung, Atmung, Regeneration und Umgang mit Druck optimieren? Sensible Fragen, deren Antworten fein austariert werden müssen, um, so Müller, „im Geflecht des Optimierungsgedankens auch einen Schuss Freiheit“ zu bewahren.

Wahr ist aber auch: Weder bei der gründlich missratenen WM 2018 noch nach seiner Rückkehr im EM-Sommer 2021 war der meistens bestgelaunte Schlaks eine wirkliche Hilfe. Symbolträchtig: die vergebene Riesenchance beim Achtelfinal-Aus in Wembley gegen England beim Stand von 0:1. Jetzt will er „den Titel ins Visier nehmen“ und fühlt sich „in meiner Rolle deutlich gefestigter“.

Brandt nachnominiert

Der einstige Plan von Joachim Löw, dass der am Mittwoch für den erkrankten Serge Gnabry kurzfristig angereiste Julian Brandt oder das ewige Talent Julian Draxler die Rolle von Thomas Müller einnehmen könnten, erfüllte sich nicht. Dafür spielt Brandt nach wie vor zu unseriös Fußball, ist zu instabil in seinen Leistungen und zu nachlässig im Zweikampfverhalten. Und dafür darf Draxler – von der Fifa zum besten Spieler des Confederations Cups 2017 gekürt – bei Paris Saint-Germain viel zu selten mitspielen. An Neymar, Mbappé, Messi und di Maria kommt er nicht vorbei, der Bankplatz ist nach der Vertragsverlängerung aber finanziell sehr, sehr weich gepolstert. Flick hält grundsätzlich eine Menge von Draxler, den er trotz mangelnder Spielpraxis überraschend zurück in den A-Kader holte. Im Training sieht Draxler gerade gut aus, aber das tat er schon oft.

Thomas Müller, den Unberechenbaren, muss das alles nicht großartig interessieren. Er ist gesetzt im zentralen Mittelfeld. Von Rechtsaußen über halbrechts ist der ewige Bayer ins Zentrum gerückt und für Flick dort eine feste Größe. Wenn Müller sich zurückerinnert an seine ersten Auftritte im A-Team im Jahr 2010, wird es lustig: „Da ging es anfangs nur darum, mich zu konzentrieren, dass ich unfallfrei geradeaus laufen kann und die Mitspieler nicht störe.“

Das ist ihm derart eindrucksvoll gelungen, dass er inzwischen nur ein Tor weniger für Deutschland erzielt hat als Uwe Seeler, und darauf ist er allemal stolz: „Mit den Legenden des deutschen Fußballs auf einer Stufe zu stehen, ist schon eine tolle Sache.“

Um bei der WM in Katar erfolgreicher zu agieren als bei den letzten beiden großen Turnieren 2018 und 2021, braucht es laut des sehnigen Freigeists auch einen „Hang zur Arroganz“, um in entscheidenden Situationen klaren Kopf zu behalten – was ihm 2021 in Wembley abhanden gekommen war.

Vertrag bis 2025 geplant

In München füllt Müller aufgrund seiner Vertragssituation gemeinsam mit Robert Lewandowski, Manuel Neuer und Serge Gnabry gerade ganze Sportteile der Zeitungen. Alle vier Verträge laufen 2023 aus. Mit allen vier Vorzeigeprofis möchte der Klub verlängern, muss angesichts des fortgeschrittenen Alters von Müller, Neuer und Lewandowski und pandemiebedingten Mindereinnahmen von mehr als 200 Millionen Euro aber hart verhandeln. Denn es geht um Jahresgehälter um die 20 Millionen Euro. Kein Pappenstiel in diesen Zeiten. Müller sagt: „Es ist von beiden Seiten sehr viel Respekt füreinander da.“

Das klingt derart vertrauenswürdig, dass es niemanden überraschen sollte, würde der Spieler, der den FC Bayern verkörpert wie kein anderer, alsbald bis 2025 verlängern. „So lange will ich noch auf Topniveau spielen“, hofft jener Mann, der sich Zeit seiner Profikarriere äußerlich so gut wie gar nicht verändert hat. Frisur und Muskulatur trotzen verlässlich dem aufgestylten Mainstream. Jetzt muss sich Müller bei seiner vierten WM nur noch so verlässlich an den richtigen Stellen herumschleichen wie 2010 und 2014, als er zusammengezählt zehnmal traf und sechs Assists beisteuerte – und zu einem Weltstar wurde. Einer mit besonderer Bodenhaftung.

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