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DFB-Präsident Reinhard Grindel darf sich über das Ergebnis freuen - steht aber weiter unter Druck.

Uefa-Entscheidung

DFB atmet auf: EM 2024 in Deutschland

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Deutschland richtet die Fußball-EM 2024 aus - und dem DFB fällt eine Last von der Schulter. Trotzdem ist Präsident Grindel angezählt. Ein Kommentar.

Die Erleichterung war am Genfer See mit Händen zu greifen. Und wer weiß, vielleicht war es ja wirklich ratsam, zur Vergabe am Stammsitz der Europäischen Fußballunion (Uefa) auch den ehemaligen Bundestrainer Berti Vogts oder den Ex-Teamchef Rudi Völler auftreten zu lassen, die alle Höhen und Tiefen des deutschen Fußballs erlebt haben.

In der Niederlage hätten sie Trost spenden können, nun konnten sie gratulieren: Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat sein Leuchtturmprojekt mit großer Zustimmung (12:4 Stimmen) bekommen. Allein die zittrige Stimme von Präsident Reinhard Grindel in Nyon verriet, welche Last da abfiel.

Niederlage hätte beim DFB für Grundsatzdiskussion gesorgt

Nach WM-Vorrundenblamage und Dauer-Politgezänk im Lande hätte eine Niederlage in der Abstimmung über die Vergabe der EM 2024 nicht nur dem deutschen Fußball eine Grundsatzdiskussion beschert. Verlierer ist mit der Türkei ein Land, das zwei Kontinente verbindet, aber durch den gerade auf Deutschland-Besuch weilenden Staatschef Recep Tayyip Erdogan zum Synonym der Polarisierung geworden ist.

Die zunehmende Vermischung von Politik und Religion gepaart mit einem autokratischen Führungsstil ruft berechtigterweise Unbehagen hervor. Hinzu kommt, dass Oppositionelle massenhaft eingesperrt, Menschenrechte nicht beachtet werden. Und auch mit der Pressefreiheit nimmt es der Erdogan-Staat nicht so genau. Das sind zu Recht K.o.-Kriterien.

Offenbar war dem Entscheiderzirkel vor allem das finanzielle Risiko zu groß, dem in eine schwere Wirtschaftskrise gedrifteten Staat diese Verantwortung zu übertragen. Die Lira hat extrem an Wert verloren, die Milliardeninvestitionen wären nicht abgesichert gewesen. Und beim Geld schauen die großen Organisationen wie Fifa oder Uefa ganz genau hin.

WM und EM sind die aufgeblähten Großereignisse, mit denen der ganze Apparat am Laufen gehalten wird. Deutschland bietet nicht nur die größeren Stadien, sondern kann auch Partnerrechte besser vermarkten. Dass hierzulande die Behörden keine Steuerfreiheit garantieren wollten, war bei der Uefa daher zu verschmerzen. 

Die Frage ist müßig, was passiert wäre, wenn ein dritter Bewerber, beispielsweise die Skandinavier, den Hut in den Ring geworfen hätte. Ob dann Deutschland ebenfalls so locker durchmarschiert wäre? Wohl kaum.

Einerseits ist der gesamte deutsche Fußball nun gut beraten, den Rückenwind des Zuschlags sinnvoll zu nutzen. Das geht bei der Modernisierung und Erweiterung von Stadien wie in Frankfurt los, führt über Initiativen bei der Nachwuchsförderung bis hin zu Programmen, die den Fußball wirklich wieder zu dem Bindeglied der Gesellschaft machen, die er lange war, bis die Affäre um Mesut Özil mit Verschulden aller Beteiligten viele gut gemeinte Integrationsbemühungen an der Basis gefährdet hat.

Reinhard Grindel macht keine gute Figur

Andererseits darf der DFB nicht die Augen davor verschließen, dass vor allem der Präsident angezählt ist. Grindel hat sich zuletzt sogar auf höchster Funktionärsebene wie ein Elefant im Porzellanladen benommen. Bei Fifa-Boss Gianni Infantino oder Uefa-Mann Michael van Praag zu intervenieren, nachdem diese sich mit Erdogan unterhielten, zeugt beinahe von törichter Selbstüberschätzung. 

Dass der 57-Jährige im September 2019 beim DFB-Bundestag wiedergewählt wird, gilt längst nicht als sicher. Wäre die Bewerbung gescheitert, hätte die gesamte DFB-Struktur inklusive Besetzung der Führungsriege auf den Prüfstand gemusst.

Dass der ranghöchste Repräsentant bei seiner spontanen Rede nicht mal mit einer Silbe den türkischen Verlierer erwähnte, war gleich das nächste Zeichen fehlenden Instinkts. Selbst in der Stunde seines wichtigsten Sieges machte der DFB-Boss keine gute Figur.

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