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Atletico Madrid: Die Spielzerstörer

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Von: Thomas Kilchenstein

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Mit allen Mitteln, zuweilen auch unfairen: Jack Grealish am Boden.
Mit allen Mitteln, zuweilen auch unfairen: Jack Grealish am Boden. © AFP

Warum der spanische Spitzenklub in der Champions League eigentlich nichts zu suchen hat.

Der spanische Spitzenklub Atletico Madrid hat tatsächlich in seinem 660 Millionen Euro teuren, 22 Profis umfassenden Kader sechs Stürmer gelistet, drei mit der Arbeitsplatzbeschreibung: hängende Spitze. Sehr hängend, könnte man spöttisch anführen, nachdem die Madrilenen am Dienstagabend in Manchester gegen City 90 Minuten reinsten Beton angegossen und dazu zwei weitere Mannschaftsbusse vor das eigene Tor geparkt hatten. Und irgendwie versteht man als Außenstehender die Klubpolitik nicht: Warum werden denn bei Atletico überhaupt Stürmer ein- und aufgestellt? Weil: Sie dürfen ja alles tun, nur nicht stürmen.

Der Dienstagabend war wieder so ein Beispiel, wie Atletico tickt. Trainer Diego Simeone, der Mestize, wie der Argentinier genannt wird, hat in seinen bald elf Jahren Tätigkeit das Unsympathische im Fußball kultiviert und seinem Team ein Böse-Buben-Image verpasst. Für das Viertelfinale hatte er Atletico eine gnadenlose, radikale Verteidigungstaktik mit auf den Weg gegeben, die der Torschütze zum 1:0-Endergebnis , Kevin de Bruyne, kurz und treffend so beschrieb: „5-5-0“, bei Bedarf wurde es auch ein „10-0-0“. Im ersten Abschnitt hatte City um die 75 Prozent Ballbesitz, die Feldüberlegenheit war erdrückend, die Mauer aus weiß-roten Leibern aber, bis zur 70. Minute, schier unüberwindbar. Atletico gab in 90 Minuten nicht einen Schuss aufs Citytor ab, nicht einen. Und nahm später gar die nominellen Angreifer Griezmann und Felix vom Platz.

Streng genommen ist es eine Schande, wie Simeone, einer der am besten bezahlten Trainer Spaniens, Fußball spielen lässt, im Grunde lässt er ja Fußball zerstören. Dabei spielen klasse Kicker bei Atletico, Joao Felix, Antoine Griezmann, Marcos Llorente, Yannick Carrasco, selbst der alte Beißer Luis Suarez ist noch da. Am Dienstagabend etwa hatte der Weltmeister Griezmann nach 45 Minuten fünf Ballkontakte, fünf. Joao Felix, ein filigraner Halbgott am Ball, musste, das Messer zwischen den Zähnen, grätschen, nach hinten arbeiten, destruktiv sein. Was für ein Frevel, was für eine Verschwendung! „Eigentlich“, sagte Simeone später allen Ernstes, „wollten wir gewinnen“.

Klar, verteidigen ist nicht verboten, und der Erfolg heiligt Mittel, zweimal im Champions League-Finale (2014, 2016), zweimal die Europa League gewonnen (2012, 2018), die spanische Meisterschaft 2014, (2021), und aktuell sind sie Tabellendritter - aber gerne guckt denen niemand zu.

Nein, diese Art von Fußball darf nicht erfolgreich sein. Noch dazu, wenn Atletico-Profis wieder alles tun, um das Urteil von Thomas Müller zu bestätigen, der sie einst als „die größten Rabauken im europäischen Fußball“ bezeichnet hat. In Manchester hatten sie es auf Jack Grealish abgesehen, einen Stürmer, der mit Strähnchen im Haar und Haarspange polarisiert. Ihn traktierten sie, zogen ihn an den langen Haaren und schossen ihm, als er am Boden lag, den Ball ins Gesicht. Auch das: unschön.

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