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Foul ohne Videobeweis: Sokratis (r.) grätscht Robert Lewandowski um.
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Foul ohne Videobeweis: Sokratis (r.) grätscht Robert Lewandowski um.

Videobeweis

Assistenten sollen zurückhaltend agieren

  • VonDaniel Theweleit
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Bisher ist es niemandem gelungen, eine ebenso überzeugende wie schlichte Definition für das Wortpaar „klare Fehlentscheidung“ zu formulieren.

Vielleicht wäre es hilfreich, einen Sprachvirtuosen wie Peter Handke oder einen großen Literaten wie Martin Walser darum zu bitten, sich einmal auf die Suche nach unmissverständlichen Formulierungen für ein großes Gegenwartsproblem des Fußballs zu begeben. Zwei, drei sauber durchdachte Sätze, die möglichst alle Interpretationsspielräume ausschließen, könnten ja schon ausreichen, um den Berg der Missverständnisse aus der Welt zu schaffen, unter dem die Idee des Videobeweises derzeit erdrückt wird.

Weniger begabte Rhetoriker wie der DFB-Präsident Reinhard Grindel neigen nämlich dazu, sich auf die Frage, wann genau der Videobeweis eingesetzt werden soll, gehörig zu verzetteln. „Es geht um die Vermeidung von Wahrnehmungsfehlern, es geht nicht darum, Schiedsrichterfehler zu korrigieren“, hatte Grindel am vorigen Wochenende erläutert. Die Fußballnation horchte erstaunt auf.

Ein Video-Assistent, der keine Schiedsrichterfehler korrigieren soll? Nein, nein, so war es doch nicht gemeint, am Abend stellte Grindel klar, dass er sich ungeschickt ausgedrückt habe und verkündete: „Der Video-Assistent soll sich strikt an das Protokoll des Ifab halten, sprich nur bei ganz klaren Fehlentscheidungen einschreiten.“ An genau diesem Punkt hat das Projekt im August begonnen, der große Haken: Bisher ist es niemandem gelungen, eine ebenso überzeugende wie schlichte Definition für das Wortpaar „klare Fehlentscheidung“ zu formulieren.

Dieses Problem stand nun im Mittelpunkt eines Workshops, zu dem alle in das Projekt involvierten Verbände nach Zürich eingeladen worden waren. „Wir sind dabei, den Teilnehmern am Experiment zu helfen, besser zu definieren, wann sie tatsächlich eingreifen können“, fasste Lukas Brud die drängendste Aufgabe zusammen, die in den kommenden Wochen bewältigt werden muss. Brud ist Geschäftsführer des globalen Regelgremiums Ifab, er koordiniert die Tests der unterschiedlichen Verbände und sagt: „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir immer noch in der Experimentierphase sind und dass manche Kinderkrankheiten noch behoben werden.“

Wobei natürlich offen ist, ob es sich bei der bislang vergeblichen Suche nach einer Definition für die „klare Fehlentscheidung“ tatsächlich um eine Kinderkrankheit handelt. Oder ob hier nicht eher ein unlösbares Problem vorliegt. In Portugal und in Australien führt die Grauzone zwischen „unzweifelhaft falsch“ und „suboptimal, aber noch vertretbar“ zu ähnlich hitzigen Debatten wie in Deutschland. In Italien und Holland sind Fans und Öffentlichkeit zwar bislang weniger kritisch, die Frage, wann ein Eingriff erforderlich ist und wann nicht, steht aber überall im Raum. Ein erster Schritt sei, nun zu sagen, „weniger ist manchmal mehr“, berichtet ein Kongressteilnehmer.

Das ist zumindest für die Bundesliga ein Paradigmenwechsel. Der inzwischen abgesetzte Projektleiter Hellmut Krug hatte ja noch den unglücklichen Plan verfolgt, nicht nur bei unstrittigen Fehlern, sondern auch „in schwierigen Situationen“ einzugreifen.

Lieber einen Fehler unkorrigiert lassen

Nach einem Saisondrittel haben die Schiedsrichterfunktionäre den Vorsatz gefasst, unbedingt zurückhaltender zu agieren. Ein sehr überzeugendes Argument für diese Strategie lieferte übrigens eine kaum wahrgenommene Szene aus dem Topspiel zwischen dem BVB und dem FC Bayern am vorigen Spieltag: Dort grätschte der Dortmunder Sokratis nach 15 Minuten als letzter Mann, verfehlte den Ball und traf das Bein des Münchners Robert Lewandowski.

Statt zu einer eigentlich zwingend erforderlichen Roten Karte und einem Freistoß führte die Aktion zu einer interessanten Erkenntnis: Wenn der Video-Assistent sich raushält, obwohl eine Korrektur erforderlich ist, entsteht im Gegensatz zu einem Eingreifen ohne für jeden klar erkennbaren Schiedsrichterfehler nicht das Gefühl der schreienden Ungerechtigkeit. Künftig sollen die Assistenten also lieber mal einen Fehler ihres Chefs auf dem Rasen unkorrigiert lassen, wenn sie sich nicht ganz sicher sind.

Spannend wird allerdings, ob die Herren im Hintergrund, die in den ersten Monaten mit der neuen Technik den Eindruck hinterließen, zur Wichtigtuerei zu neigen, diese neue Zurückhaltung aushalten können.

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