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Argentinien lebt seine Sehnsucht

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Von: Klaus Ehringfeld

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Enthemmte Freude: der argentinische Mannschaftsbus bahnt sich seinen Weg durch Buenos Aires.
Enthemmte Freude: der argentinische Mannschaftsbus bahnt sich seinen Weg durch Buenos Aires. © Tomas Cuesta/afp

Der WM-Titel lässt das Land kurz die Krise vergessen. Darüber freut sich am meisten der umstrittene Präsident Alberto Fernández.

Argentinien feiert seine Fußballweltmeister. Ganz Argentinien? Ganz Argentinien. Man muss dazu zwei Dinge wissen. Wohl in keinem Land der Welt wird Fußball mit so viel Passion gelebt wie im Land am Südzipfel Südamerikas. Weder im fußballverrückten Lateinamerika noch in irgendeiner anderen Ecke der Welt. Wenn es einen Ort gibt auf dem Globus, wo das Bonmot von Bill Shankly, Liverpools berühmtem Trainer aus den 1960er und 1970er Jahren wirklich gelebt wird, dann ist es Argentinien. Shankly versicherte damals, Fußball sei mehr als eine bloße Frage von Leben und Tod – es sei sehr viel mehr als das.

Das hat man im ganzen Land gespürt und gesehen in jenem Moment, als der Sieg im WM-Finale endlich feststand. Und das hat die nächtliche Ankunft der Mannschaft um Superstar Lionel Messi am Dienstag noch einmal unter Beweis gestellt: Hunderttausende Fans erwarteten seit den frühen Morgenstunden die neuen Weltmeister rund um den 68 Meter hohen Obelisken, dem Wahrzeichen von Buenos Aires.

Vor der Triumphfahrt auf der 160 Meter breiten Prachtstraße Avenida 9 de Julio waren den Helden eine kurze Schlafpause und ein Mittagessen im Hauptquartier des argentinischen Verbandes vergönnt. Selbst die Unterkunft der gefeierten Mannschaft wurde die ganze Nacht hindurch von Tausenden Anhänger:innen der Albiceleste geradezu belagert.

Drinnen fand Messi ein wenig zur Ruhe. Auf Instagram (wo sonst?) veröffentlichte er ein Bild von sich selbst, scheinbar selig schlummernd im Bett, und nicht alleine: neben ihm auf dem Kopfkissen der goldene WM-Pokal.

Kurz vor drei Uhr morgens Ortszeit war der Kapitän als erster Spieler aus dem Airbus A330 der Fluggesellschaft Aerolinas Argentinas geklettert und hatte auf dem roten Teppich den Pokal präsentiert, bevor das blau-weiße Freudenmeer ihn verschlang.

Wenn man im Hinterkopf behält, dass Argentinien gerade mal wieder in einer tiefen Krise steckt, dass die Armut wie ein Virus um sich greift, die Inflation dreistellig wird zum Jahresende, dann weiß man, dass dieser Sieg alles überdeckt und alle politischen, kulturellen, fußballerischen Feindschaften zumindest für ein paar Wochen verstummen lassen wird.

Darüber freut sich am meisten der umstrittene linksliberale Präsident Alberto Fernández, der es vorzog, aus „Aberglauben“ nicht nach Katar zu fliegen, wie es Frankreichs Präsident Emmanuel Macron getan hatte. Argentiniens Staat war beim großen WM-Triumph nur durch den Botschafter in Katar vertreten. Die politische Lesart in Argentinien des Stubenhockers Fernández – der für Dienstag einen Nationalfeiertag anordnete – ist aber, dass er fürchtete, das Volk würde ihm eine Niederlage in Katar als eine Art Pechmarie anheften. Das hätte seine Lage daheim noch mal verkompliziert. Man muss dazu wissen, dass auch Präsident Raúl Alfonsin nicht nach Mexiko flog, als Argentinien 1986 Weltmeister gegen Deutschland wurde.

Martín Caparrós, ein in Spanien lebender Schriftsteller, der die WM mit einer Art Tagebucheinträgen begleitete, schrieb vor dem Finale: „Ich denke, dass es ungeachtet dessen, was man über die Zeiten der Diktatur glauben mag, als Argentinien 1978 erstmals Weltmeister wurde, im Land noch nie so viel Verzweiflung gab wie heute, dass die argentinische Gesellschaft noch nie so kaputt war – und dass der Fußball deshalb der Ort ist, an dem alle Illusionen leben. Einerseits ist es bewegend, andererseits ist es traurig.“

Genau das machte das Endspiel am Sonntag „so wichtig und so seltsam“, wie Caparrós schrieb. Für viele Argentinierinnen und Argentinier ist der Fußball im Moment eben tatsächlich eine Frage von Leben und Tod. Zumindest für ein paar Wochen.

Je nachdem, mit wem man spricht, wurde Argentinien von der Korruption, dem Peronismus, den Oligarchen, den Faulen, den Armen, den Reichen, dem US-Imperialismus, dem Populismus, dem Kommunismus oder dem Neoliberalismus gegen die Wand gefahren. Es ist unmöglich, einen gemeinsamen Nenner zu finden in einem chronisch streitsüchtigen Land.

Doch was die Politiker jahrelang mühsam zerstört haben, hat der Fußball in nur einem Monat wieder repariert: Für den Moment gibt es einen neuen Glauben an die Zukunft. Der Erfolg in Katar hat die Argentinier um eine Mannschaft, ihren Star Lionel Messi und ihren Trainer Lionel Scaloni zusammengeschweißt.

Jetzt feiern sie erst einmal und vergessen alles andere, jedenfalls die, die es sich erlauben können. Präsident Fernández gehört nicht dazu. Noch bevor das siegreiche Team bei ihm im Palast „Casa Rosada“ eintraf, nutzte er die Gelegenheit, nach einem Telefonat mit Wladimir Putin via Twitter die Blicke auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine zu richten: „Auf dass die Freude, die Argentinien heute mit so vielen Völkern der Welt eint, als Beispiel dient. Unsere Gesellschaften brauchen Einheit und Frieden.“

Dies zu erreichen, ist auf Dauer vielleicht etwas viel verlangt vom Fußball. Dem Ort, an dem alle Illusionen leben. mit sid/böl

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