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Argentinien im Achtelfinale: Wie ein Wüstensturm

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Von: Frank Hellmann

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Nehmen die gute Stimmung mit in die K.o.-Runde: Messi (von links), Alvarez und Fernández.
Nehmen die gute Stimmung mit in die K.o.-Runde: Messi (von links), Alvarez und Fernández. © Tom Weller/dpa

Argentinische Fans und Fußballer sind beseelt davon, in Katar etwas Großes zu erreichen:

Bei einem neu erbauten Stadion verhält es sich wie mit einem gerade fertig gestellten Haus: Ob wirklich alles den Belastungen standhält, zeigt erst der Alltagsbetrieb. Insofern muss es für die Konstrukteure des „974“ getauften Stadions am Hafen von Doha ein beruhigendes Gefühl gewesen sein, dass es in der Nacht zu Donnerstag zwar nicht ruhig, aber alles heil geblieben ist. Eine Herde Büffel in amerikanischer Prärie hätte kein größeres Beben auf den übereinander gestapelten Container auslösen können als die Menschenmengen, die Argentinien beim Einzug ins WM-Achtelfinale singen, tanzend und stampfend begleiteten.

Als Alexis Mac Allister und Julian Alvarez die krasse Überlegenheit des zweifachen Weltmeisters gegen Polen (2:0) krönten, wackelte der Boden in den provisorischen Bauten drumherum. Robert Lewandowski und seine Elf waren von Lionel Messi und seinem Ensemble schlicht überrannt worden. Der Luxus des verschossenen Elfmeters durch Messi – nach fragwürdiger VAR-Intervention übrigens – lächelten alle weg. Erst recht der 35-Jährige, der hinterher auch beim Interview bester Laune war. Dieser Sieg solle doch „Selbstvertrauen für die Zukunft“ geben, sagte der Superstar. „Wir haben wieder angefangen, das zu tun, was wir so lange getan haben, was wir aber seit Beginn der WM aus verschiedenen Gründen nicht umsetzen konnten.“

Maradona überholt

Die Pleite gegen Saudi-Arabien ist abgehakt, übermorgen wartet das Achtelfinale gegen Australien (Sonntag 16 Uhr). Messi, der mit seinen 22 WM-Einsätzen nun auch Diego Maradona überholt hat, wäre ein schlechter Kapitän, wenn er die „Albiceleste“ nicht vor dem Underdog aus Down Under warnen würde. „Wir haben erst kürzlich auf unsere Kosten gesehen, dass jeder Gegner ein gutes Spiel gegen dich machen und dich besiegen kann.“ Aber was bitte sollen die Australier gegen diese Wucht der Argentinier ausrichten?

Mit einer bei Paris St. Germain aus katarischen Quellen bezahlten Galionsfigur können sie wie ein Wüstensturm über Gegner hinwegfegen. Messis Tatendrang inspiriert das ganze Team: Die im Emirat auf allen Kanälen strahlende (Werbe-)Ikone läuft schon zum Aufwärmen mit Verve als einer der Ersten ein – früher ist er als letzter auf die Wiese geschlurft. Die völlig veränderte (Körper-)Haltung wird durch Zahlen belegt. Messi gewann den direkten Vergleich gegen Lewandowski haushoch, auch wenn die beiden Torgiganten leer ausgingen. 7:0 Torschüsse, 5:1 Torschussvorlagen, 97:36 Ballkontakte, 70:18 Pässe. Und während Messi jeden zweiten Zweikampf gewann, verlor Lewandowski zwei von dreien.

Wie wenig sich die beiden offenbar zu sagen haben, obwohl beide der aktuelle und ehemalige Arbeitgeber FC Barcelona verbindet, verriet eine Szene in der Schlussphase, als Lewandowski mit unerlaubten Mitteln einen Defensivzweikampf gegen Messi führte. Für das harmlose Foul wollte sich Polens Nummer neun eigentlich entschuldigen, aber Argentiniens Nummer zehn reagierte gar nicht drauf. Es deutet alles darauf hin, dass sich ihre Wege am Wochenende endgültig trennen.

Trainer rührt Beton an

Nur schwer vorstellbar, dass Lewandowski einen besseren Zugang findet, wenn es mit Polen ins K.o.-Duell gegen Frankreich (Samstag 16 Uhr) geht. Nationaltrainer Czeslaw Michniewicz verordnet wohl auch gegen den Weltmeister ein so destruktives Tun, dass in dieser Systematik die besten Offensivspieler schlecht aussehen müssen. Würde sein Torjäger für Argentinien antreten, meinte der Betonmischer auf der polnischen Trainerbank, „hätte er fünf Tore gemacht.“

Lewandowski hat diesen Pragmatismus akzeptiert. „Wenn du für Polen spielst“, sagte der 34-Jährige mit fatalistischem Unterton, „kann man nicht erwarten, dass wir viele Großchancen herausspielen.“ Es sieht nach einem stillen Abschied für den amtierenden Weltfußballer durch die Hintertür aus. Ohne lautes Singen und Stampfen, das an Spieltagen mit argentinischer Beteiligung von früh morgens bis tief in die Nacht einem Stresstest des gesamten Metronetzes gleichkommt.

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