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Stammspieler beim Champions-League-Sieger FC Chelsea und im DFB-Team: Antonio Rüdiger. dpa
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Stammspieler beim Champions-League-Sieger FC Chelsea und im DFB-Team: Antonio Rüdiger. dpa

Kampf gegen Rassismus

Antonio Rüdiger vom FC Chelsea: Ein brüllender Löwe

  • Daniel Schmitt
    VonDaniel Schmitt
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Antonio Rüdiger entwickelt sich nicht nur zu einem Top-Verteidiger beim Champions-League-Sieger FC Chelsea, sondern auch zu einem Vorredner im Kampf gegen Rassismus.

Manchmal, das hat Antonio Rüdiger bereits vor einigen Jahren erzählt, kauft er sich zum Runterkommen von all dem Trubel einfach ein Ticket für den Zoo. Dort kann er abschalten, seine Gedanken sortieren, versuchen, Körper und Geist in Einklang zu bringen. Rüdiger also, Verteidiger beim amtierenden Champions-League-Sieger FC Chelsea und in der deutschen Nationalmannschaft, schreitet dann vorbei am tierischen Treiben, erfreut sich daran und steuert schließlich doch auf ein ganz bestimmtes Gehege zu, eigentlich immer auf jenes der Löwen. Diese anmutigen Raubtiere, deren durchdringenden Augen, die majestätischen Mähnen – sie haben es Antonio Rüdiger angetan. „Ein Löwe“, sagt er, „ist so mächtig, er hat eine Aura.“ Sie fasziniert ihn. In einem Löwe könne man nur Stärke erkennen, keine Schwäche. „Er hat keine Angst.“ Etwas, das Antonio Rüdiger tief beeindruckt, weil er auch so sein will, weil er diese pure Kraft, die Energie, das Zutrauen in sich selbst auch ausstrahlen möchte - zumindest auf dem Fußballfeld.

Antonio Rüdiger, 28, geboren in Berlin, aufgewachsen im heutigen Hipster- und einstigen Problembezirk Neukölln, verteidigt zurzeit auf dem Höhepunkt seines bisherigen fußballerischen Schaffens. Unter dem deutschen Erfolgstrainer Thomas Tuchel blüht er auf und lässt die düsteren Zeiten auf der Ersatzbank (oder der Tribüne) des Londoner Spitzenklubs hinter sich. Er führt die Abwehr der Blues an, obwohl es da ja noch andere Anführer gibt wie Thiago Silva, 37, oder César Azpilicueta, 32. Rüdiger aber zeigt regelmäßig Topleistungen, seinen wuchtigen Körper wuchtet er in die traditionell wuchtigen Zweikämpfe auf der Insel – das hat er zwar schon immer so gemacht, und auch geliebt, jetzt aber gewinnt er die Duelle eben auch zuhauf, deutlich häufiger jedenfalls als früher.

Antonio Rüdiger trifft mit Chelsea auf Juventus Turin

Schon früh, damals beim VfB Stuttgart, wo Rüdiger seine Profikarriere begann, ist dessen Talent zu erkennen. Er bringt als Rohdiamant bei den Schwaben viel mit, um zu einem veritablen Abwehrmann zu reifen: seinen stabilen Körper, auch gewisse fußballerische Fähigkeiten. Nicht umsonst schließt er sich später dem AS Rom und schließlich dem FC Chelsea an, wird unter Joachim Löw zum Nationalspieler.

Aber: Rüdiger offenbart eben immer auch die andere Seite, seine fahrige. Vermeidbare Unkonzentriertheiten mit fatalen Folgen. Mal tritt er irrwitzige Luftlöcher, mal den Gegner überhart um, dann passt er wieder den Ball dem Kontrahenten unbedrängt genau in die Füße. Antonio Rüdiger verkörpert immer auch einen Fußballertypen mit Hang zum Lapsus, keine Frage.

Mittlerweile ist das anders. Selbstverständlich macht er auch heute noch seine Fehler, aber eben deutlich weniger. Julian Nagelsmann, der Trainer des FC Bayern, lobt den Spieler des FC Chelsea, dessen Team an diesem Mittwochabend (21 Uhr) bei Juventus Turin in der Gruppenphase der Champions League ran muss, jüngst für dessen „super Entwicklung“. Nagelsmann streitet zwar jeglichen Zusammenhang mit Rüdigers am Saisonende auslaufenden Vertrag in London und einem möglichen Münchner Interesse ab, das Lob aber steht erst einmal. Wer weiß schon, was die Zukunft bringt.

Timo Werner beim FC Chelsea nicht mehr erste Wahl

Sportlich ist Rüdiger obenauf, im Gegensatz zu seinem deutschen Chelsea-Kollegen Timo Werner, der sich nach der Verpflichtung von Stürmer Romelu Lukaku vermehrt mit einem Bankdasein anfreunden muss. Selbst bei der aus DFB-Sicht enttäuschenden EM hat Rüdiger einige gelungene Momente, mal von seinem unappetitlichen, ja fiesen Biss in Paul Pogbas Schulter abgesehen.

Aber auch abseits des Feldes sticht der Sohn eines deutschen Vaters und einer sierra-leonischen Mutter heraus. Neben Prince Boateng ist er hierzulande sicher einer der lautesten Profis im Kampf gegen Rassismus, er hat sich diesem ein Stück weit verschrieben. Kampagnen, setzt Rüdiger an, reichten bei weitem nicht aus. Es müsse mehr geschehen, er hat das ja alles selbst erlebt, diese üblen Beschimpfungen. Als Kind in Berlin, als Heranwachsender, als Fußballprofi. Das Römer Stadtderby gegen Lazio hat sich eingebrannt im Kopf, die Affenlaute, die fliegenden Bananen.

Antonio Rüdiger und der Kampf gegen Rassismus

Gegenüber dem Onlineportal „The Players Tribune“ erinnert Rüdiger sich aber auch an eine Hoffnung machende Unterredung mit seinem Teamkameraden Daniele de Rossi. Der habe damals nichts gepostet, keinen solidarischen Tweet abgesetzt, sondern sei einfach auf ihn zugegangen. „Ich war immer noch sehr emotional und wütend. Er setzte sich neben mich und sagte: ‚Toni, ich weiß, dass ich das nie so nachempfinden kann wie du. Aber lass mich den Schmerz verstehen. Was geht in deinem Kopf vor?“. Es ging viel vor in ihm. „Er hat sich wirklich für mich interessiert, es war ihm wichtig.“ So soll es sein, so stellt sich Rüdiger den richtigen Umgang mit Rassismus vor.

Rüdigers Mutter Lily, deren Namen die Kickschuhe des Filius ziert, musste einst vor dem Bürgerkrieg in Sierra Leone nach Deutschland fliehen, später zieht sie ihre Kinder fast alleine groß, und diese sich auch teilweise selbst. Die Familie wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, die Jugendlichen beißen sich durch. „Das hat mich geprägt“, sagt Rüdiger. Eine überdurchschnittliche Durchsetzungsfähigkeit lernt er von Kindheit an in den Fußballkäfigen und auf den Bolzplätzen Berlins. Diese Mentalität bewahrt er sich bis heute, wenngleich er sie aus seiner Sicht in geordnetere Bahnen gelenkt hat. Er habe früher viel aus der Emotion heraus gehandelt, sagt er, „Ich wäre fast in eine Rambo-Schublade geraten.“ Manchmal, so ehrlich muss man sein, öffnet sich diese auch jetzt noch für ihn, aber eben immer seltener. Antonio Rüdiger ist gereift, er strahlt Stärke aus, vertritt seine Meinung, er weicht nicht zurück - wie ein brüllender Löwe.

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