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„Es reicht nicht, nur Banner aufzuhängen“, sagt Antonio Rüdiger vom FC Chelsea.

Rassismus im Sport

„Du bist ein Mittäter, wenn du schweigst“

Nationalspieler Antonio Rüdiger fordert „Taten“ gegen Rassismus

Herr Rüdiger, Sie galten einst als Rüpel auf dem Platz. Nun spielen Sie beim FC Chelsea. Wie ist es Ihnen gelungen, das schlechte Image abzulegen?

Wenn die Leute Berlin-Neukölln hören, werden alle über einen Kamm geschert. Ja, es ist eine harte Gegend, aber für mich die schönste auf dieser Welt, ich mag’s dort. Klar, man wollte immer zeigen: Man ist unverwundbar, man ist hart. Das war, als ich jünger war, da habe ich die Dinge mit anderen Augen gesehen.

Und jetzt?

Jetzt bin ich entspannter. Aber Fußball ist Emotion – und die wird und kann mir keiner nehmen. Aber es muss alles im Rahmen bleiben, fair.

Auch, weil Sie gereift sind, werden Sie für die EM als deutscher Abwehrchef gehandelt. Bereit?

Also, ich kriege das immer nur durch die Medien mit: Abwehrchef, puh. Ich bin da ganz entspannt, ich kenne meine Rolle, ich muss da nicht viel reden. Ich weiß, was zu tun ist.

Haben Sie nicht das Gefühl, im DFB-Dress bisher unter Wert gespielt zu haben?

Na klar. Wenn man meine Leistungen bei Chelsea und für den DFB vergleicht – da ist der Abstand ein bisschen groß. Deswegen freue ich mich auf die EM, dass ich da ein anderes Gesicht zeige.

Themawechsel: Wie haben Sie die jüngsten Rassismusfälle im Fußball bezüglich Torunarigha und Kwadwo aufgenommen?

Ich bin sprachlos darüber, was passiert. Das sind arme Jungs, wirklich arme Jungs, die tun mir so leid. Ich stand mit beiden in Kontakt, als das passiert ist. Das macht mich einfach nur traurig.

Sie selbst haben einst in Jena ähnliches erlebt. Hätten Sie es für möglich gehalten, dass das auch in einem Bundesligastadion wie in Gelsenkirchen passiert?

Man rechnet nicht noch mal mit so etwas. Das ist einfach traurig.

Was kann man dagegen tun?

Taten müssen folgen. Leute, die daneben sitzen, müssen endlich aufstehen und solche Sachen melden. Man sagt ja: Mitgehangen, mitgefangen. So sehe ich das auch. Da gibt einer neben dir solche Sachen von sich – da bist du Mittäter, wenn du schweigst. Manche Leute können anscheinend damit leben – dann haben wir verloren. Die Reaktionen der Fans in Münster haben aber gezeigt, dass es möglich ist, richtig zu reagieren. Das macht Mut.

Sind die Verbände und die Politik noch mehr gefordert?

Politik ist nicht mein Gebiet. Aber von den Verbänden erwarte ich mehr. Es reicht nicht, nur immer Banner aufzuhängen oder die Kapitäne etwas vorlesen zu lassen.

In Portugal hat sich der Staatspräsident vor einen rassistisch beleidigten Profi gestellt.

Ich würde mich freuen, wenn man die Leute fasst, die das gemacht haben. Dann kann ich sagen: Okay, das ist ein guter Schritt. Wenn sich ein Politiker zu Wort meldet, dann ist das schön und gut. Aber ändert sich dann was bei mir? Kann er diesen Schmerz lindern, den ich habe? Nein, tut mir leid, da ändert sich nichts.

Für Kinder spielt die Hautfarbe oder Religion meist keine Rolle. Warum schaffen wir Erwachsenen es nicht?

Als ich kleiner war, haben wir alle zusammen Fußball gespielt, ob Deutscher, Asiate, Araber, Afrikaner: Wir waren alle zusammen, wir konnten nicht mal dieselbe Sprache. Aber jetzt – ich habe darauf keine Antwort. Ich kann Ihnen die Hand geben, ohne darüber nachzudenken, für mich sind alle gleich, ich kann vom selben Löffel essen, kein Problem. Aber andere denken anders. Warum? Schlechte Erziehung, keine Bildung.

Interview: Marco Mader, sid

Antonio Rüdiger, 26, kam über den VfB Stuttgart und AS Rom 2017 zum Londoner Klub FC Chelsea. Für das deutsche Fußball-Nationalteam, bei dem er 2014 debütierte, lief der Innenverteidiger bislang 30-mal auf. FR

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