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Und wieder gewonnen: Ole Gunnar Solskjaer.

Manchester United

Der Anti-Mourinho

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Klublegende Ole Gunnar Solskjær lächelt ein abgewirtschaftetes Team von Sieg zu Sieg.

Der Fußball wird immer mehr zur Wissenschaft, doch manchmal kann er ganz einfach sein, wie in den Tagen um die Jahreswende bei Manchester United zu sehen ist. Seit drei Spielen sitzt Ole Gunnar Solskjær auf der Trainerbank, als Übergangslösung bis zum Ende der Saison, und es gab drei klare Siege: ein 5:1 bei Cardiff City, ein 3:1 gegen Huddersfield Town und ein 4:1 gegen Bournemouth. Ursache dafür sind weder umfassende Veränderungen bei der Aufstellung noch komplizierte taktische Maßnahmen. Der 45 Jahre alte Norweger, der von den Fans im Old Trafford wegen seines Siegtreffers im Finale der Champions League 1999 gegen den FC Bayern verehrt wird, ist einfach nur das Gegenteil seines vor Weihnachten freigestellten Vorgängers José Mourinho. Ein Anti-Mourinho, sozusagen.

Während der selbsternannte Special One vor allem in den letzten Monaten seiner Regentschaft durchgehend schlecht gelaunt war und negativen Fußball spielen ließ, lächelt Solskjær die ganze Zeit und schickt seine Mannschaft mit der Vorgabe auf den Platz, offensiv aufzutreten und die Zuschauer zu unterhalten. Während sich Mourinho mit Frankreichs Weltmeister Paul Pogba überwarf und auch zu anderen Schlüsselspielern wie Anthony Martial oder Marcus Rashford ein angespanntes Verhältnis pflegte, schenkt Solskjær ihnen demonstrativ das Vertrauen.

Während Mourinho immer den Eindruck erweckte, dass der Trainer-Job bei Manchester United eine Zumutung ist, kann sich Solskjær offensichtlich nichts Schöneres vorstellen, als bei dem englischen Rekordmeister an der Seitenlinie zu stehen. Während die Mannschaft unter Mourinho oft unter ihren Möglichkeiten spielte – und möglicherweise auch gegen Gegner wie Cardiff, Huddersfield oder Bournemouth Probleme gehabt hätte –, scheint Solskjær einfach nur das aus ihr herauszuholen, was in ihr steckt. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

Die Profis wirken wie befreit durch den Wechsel auf der Trainerbank, vor allem Pogba. Ihm gelangen in den jüngsten beiden Partien genauso viele Tore wie in den letzten 20 Spielen unter Mourinho, nämlich vier. Außerdem bereitete er seit Solskjærs Übernahme drei Treffer vor. Pogba spielt endlich wie der Spieler, den sich Manchester United versprochen haben dürfte, als der Verein im Sommer 2016 die damalige Rekordsumme von mehr als 100 Millionen Euro ausgab. Ohne ein bisschen Nachtreten gegen Mourinho geht es allerdings nicht für den Mittelfeldmann. „Wir haben auch unter dem alten Trainer Spiele gewonnen, aber wir spielen jetzt anders. Wir sind offensiver, stehen höher und kreieren mehr Chancen. Wir wollen angreifen. Das will der neue Trainer auch“, sagte Pogba nach dem Sieg gegen Bournemouth.

Zum Geschehen auf dem Platz passt die Stimmung auf den Rängen. Das Old Trafford war in den vergangenen Monaten ein deprimierender Ort, manchmal war es so leise, dass man die Anweisungen der Trainer hören konnte. Das Flehen des Publikums nach mehr Offensivgeist („Attack! Attack! Attack!“) verhallte ungehört. Mit Solskjær ist die Freude in die Spielstätte zurückgekehrt. Die Zuschauer besingen sein berühmtes Tor gegen den FC Bayern („Wer hat den Deutschen den Ball ins Netz geschossen?“) und andere alte Helden wie Eric Cantona und George Best. Bei den Angriffen vibriert das Stadion. Erinnerungen werden wach an die glorreichen Jahre unter Sir Alex Ferguson.

Mit Solskjærs Verpflichtung auf Zeit hat die Vereinsführung um Vizepräsident Ed Woodward den Sinn für Nostalgie bei den Fans des Rekordmeisters bedient. Das war ein leicht zu durchschauendes Manöver, um die Atmosphäre zu heben. Aber ein Manöver, das funktioniert – zumindest für den Moment. Dem Publikum dürfte klar sein, dass sich die tiefergehenden Probleme nicht einfach dadurch lösen lassen, dass man eine dauerlächelnde Klublegende aus Norwegen vorübergehend auf die Trainerbank setzt. Der Verein benötigt dringend einen Sportdirektor. Auch die Suche nach einem dauerhaften Nachfolger für Mourinho könnte kompliziert werden.

Es gilt als nahezu ausgeschlossen, dass Solskjær über die Saison hinaus im Amt bleibt. Der Verein strebt nach einer größeren Lösung. Als Wunschkandidat gilt Mauricio Pochettino von Borussia Dortmunds Champions-League-Gegner Tottenham Hotspur. Allerdings hat der Argentinier bei seinem aktuellen Arbeitgeber erst im Frühjahr einen neuen Vertrag bis 2023 unterschrieben. Sportlich gibt es für ihn keine Dringlichkeit zu einem Jobwechsel. Pochettino hat in Nordlondon mit Spielern wie Heung-min Son, Christian Eriksen, Dele Alli und Harry Kane eine Mannschaft aufgebaut, die in den vergangenen drei Jahren zweimal Dritter und einmal sogar Vizemeister wurde. Auch in der laufenden Saison spielt Tottenham oben mit. Manchester United ist nur Tabellensechster – trotz des Aufschwungs unter Solskjær, dem Anti-Mourinho.

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