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Antoine Griezmann profitiert von den Umbaumaßnahmen.

EM2016 - Frankreich

Der Anti-Benzema

Didier Deschamps hat Frankreichs Nationalteam umgekrempelt: Antoine Griezmann profitiert davon. Er, Pogba, Giroud und Coman bilden Frankreichs Offensive.

Von Christoph Ruf

Franck Ribéry, das ist das Mindeste, was man sagen kann, zählt nicht zu den Lieblingsspielern von Didier Deschamps. Im Grunde macht der Bayern-Star in Frankreich das gleiche Schicksal durch, das ein paar Jahre zuvor in Deutschland einem gewissen Kevin Kuranyi beschieden war. Bei dem damaligen Schalker hatte man ja auch den Eindruck, dass er mit seinem Fehlverhalten – der Flucht aus dem Dortmunder Stadion 2008 – dem Bundestrainer letztlich einen großen Gefallen getan hatte. So hatte Joachim Löw einen Vorwand, ihn auch in Zukunft zu ignorieren.

Auch Ribéry, der nach seinem Rücktritt 2014 zuletzt offensiv Lust auf die EM im eigenen Land angemeldet hatte, kann nicht den Eindruck haben, dass sein Trainer das wirklich bedauert – im Gegenteil. „Er ist zurückgetreten, andere Spieler haben mir das Vertrauen gegeben, und das gebe ich zurück. Es gibt keinen Grund, einen Platz im Kader für ihn zu opfern“, sagte Deschamps jüngst.

Und schob einen Satz nach, der eigentlich ganz unverfänglich klang. „Wenn man eine Mannschaft für ein großes Turnier zusammenstellen muss, dann wählt man nicht die besten Spieler aus, man versucht, die beste Mannschaft zusammenzustellen.“

Was wie eine Floskel klingt, ist die Benennung einer Kurskorrektur, für die Deschamps steht: Der Teamgeist steht über allem, auf große Namen nimmt der Mann, der früher als sachlicher Sechser die Drecksarbeit für Zidane und Co. verrichtete, keine Rücksicht. Ribéry ist dann auch längst nicht der einzige Prominente, der im EM-Aufgebot der Gastgeber fehlt.

Erwartungsgemäß konnten sich auch Karim Benzema von Real Madrid und Mathieu Valbuena (Lyon) auf einen freien Sommer einstellen. Ersterer soll letzteren mit einem Sexvideo erpresst haben. Auch hier wusste Deschamps die öffentliche Meinung hinter sich. Den Fans gilt der Mann, der in 81 Länderspielen 27-mal traf, als Vertreter einer Spielergeneration, der die Nation spätestens 2010 die Gefolgschaft aufkündigte.

Damals, bei der WM in Südafrika, hatten die Spieler aus Solidarität mit dem suspendierten Stürmer Nicolas Anelka das Training des schrägen Coachs Raymond Domenech bestreikt. In einem Land mit 24 Prozent Jugendarbeitslosigkeit und einer großen Unzufriedenheit mit den Eliten trug das nicht dazu bei, die sowieso nicht eben fußballversessenen Franzosen an ihre Auswahl zu binden. Deschamps, der in seiner aktiven Karriere als personifizierte Seriosität galt, war instinktsicher genug, einen Imagewechsel anzustreben, als er 2012 das Amt des „selectionneur“ übernahm.

Auf dem Weg zum Publikumsliebling

Auf europaweit bekannte Stars brauchen die französischen Fans dennoch nicht zu verzichten. Es gibt ja noch Antoine Griezmann. Der Mann, der vom Fußball-Magazin „So Foot“ als „Anti-Benzema“ geadelt wird, stellt den Real-Stürmer derzeit nicht nur sportlich in den Schatten, er ist in Frankreich auf dem besten Weg zum Publikumsliebling.

Der Mann, der vor 25 Jahren in Burgund geboren wurde und seinen Jugendtrainern als zu schmächtig für eine Profikarriere galt, wechselte im Teenageralter, mit 13 Jahren, ins Jugendinternat von Real Sociedad San Sebastian und schloss sich nach neun Jahren bei den Basken 2014 Atletico Madrid an, wo er – längst akzentfrei spanisch sprechend– endgültig durchstartete.

22 Treffer erzielte er in der gerade abgelaufenen Saison, siebenmal traf er in der Champions League. Kein Wunder also, dass halb Europa an ihm interessiert sein soll, doch nach Informationen der Sportzeitung „L’Équipe“ hat Griezmann dieser Tage seinen bis 2020 datierten Vertrag noch einmal um ein Jahr verlängert – möglicherweise auch, weil der allürenfreie Stürmer große Stücke auf den hierzulande so umstrittenen Coach Diego Simeone hält: „Ich lerne jeden Tag von ihm – er hat mich zu einem Gewinner gemacht“, sagt. „Er hat mich zu einem besseren Spieler gemacht, zu einem Torjäger.“

Doch Griezmann, dessen Schwester beim „Eagles of Death Metal“-Konzert war, als Islamisten im November vergangenen Jahres einen Anschlag auf den Klub „Bataclan“ verübten, scheint auch verborgene Seiten zu haben. „Der Griezmann, den ihr vor den Kameras seht, ist nicht der echte“; sagt Mannschaftskollege Paul Pogba in der Mai-Ausgabe von „So foot“. „Der echte Griezmann ist ein Verrückter, einer, der zu allem tanzt. Grizzou ist ein Reggaeman.“ Und einer, der seinen Gefühlen freien Lauf lassen kann: Nach dem 0:1 gegen Deutschland im Viertelfinale von Rio de Janeiro, weinte Grizzou auf dem Platz hemmungslos.

Pogba, der Mittelfeldspieler von Juventus Turin, muss es wissen, neben „Grizzou“ ist er der zweite große Star in einem französischen Team, das sich die Qualifikation als Gastgeberland naturgemäß sparen konnte. Doch die Bilanz bei den Testspielen kann sich in den vergangenen 18 Monaten durchaus sehen lassen. Gegen Portugal, Deutschland, die Niederlande und Russland gelangen Siege.

Nach dem überzeugenden 3:0-Sieg gegen Schottland vergangene Woche scheint sich eine Offensivformation um Griezmann, Pogba, Olivier Giroud (Arsenal London) und Kingley Coman (Bayern) herauszukristallisieren. „Wir haben eine enorme Offensivqualität“, sagt Torwart Steve Mandanda von Olympique Marseille, der gegen die „defensivstarken Rumänen ein schweres Spiel“ erwartet.

Bliebe die Frage nach den Ambitionen beim Turnier vor eigenem Publikum. Großspurige Ankündigungen darf man von einem Mann wie Deschamps nicht erwarten, die Fehler von manchem seiner Vorgänger will er nicht wiederholen. Einige seiner Spieler haben aber schon durchblicken lassen, dass sie das Sommerturnier 1998 in bester Kindheitserinnerung behalten haben. Damals wurde Frankreich bekanntlich vor eigenem Publikum Weltmeister.

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