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Die nicht gewonnene Meisterschaft von 1992 ist identitätsstiftend für Fans von Eintracht Frankfurt.

Contra

Angriff auf das Wesen des Spiels

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Der Videobeweis ist ein Gefühlsblocker. Auf den Rängen geht es um individeulle Erfahrungen, mit denne Identität gestiftet wird.

Am Anfang waren fast alle irgendwie dafür. Weil es auch nicht leicht war, dagegen zu sein. Gegen mehr Gerechtigkeit. Und mehr Gerechtigkeit beim Fußball war ja das erklärte Ziel, als im Sommer in der Bundesliga der Probelauf für den Videobeweis gestartet wurde. Interne Auswertungen vermerken seitdem rund 75 Prozent zu Recht erfolgter Interventionen. Nicht schlecht.

Warum also dieses mittlerweile greifbare Unbehagen? Weil die 25-Prozent-Fehlerquote immer noch zu hoch ist? Weil es obendrein oft sehr lange dauerte bis zur Entscheidungsfindung? Und weil manchmal gar nicht klar war, worüber gerade entschieden wurde? Klar, auch deshalb.

Obendrein wissen sollte man, dass der Beitrag zur Gerechtigkeit auch bei der videogestützten Fehlerfahndung überschaubar bleibt. Nach seinen „Sportstudio“-Auftritten als Experte konstatierte der damalige DFB-Schiedsrichter-Lehrwart Eugen Strigel schon vor 15 Jahren, dass nur ein Drittel aller umstrittenen Aktionen darüber eindeutig bewertet werden könnte.

Aber das eigentliche Problem des Videobeweises sind weder die Reibungsverluste bei der handwerklichen Umsetzung noch die begrenzten Potenziale bei der Wahrheitsfindung. Das Problem ist, dass er das Stadionerlebnis komplett vermasselt. Wer zwei Minuten darauf warten muss, wer im kafkaesken Kölner Nirgendwo was entscheidet, empfindet beim Tor kein reines Glück mehr. Und beim Gegentreffer keine pure Verzweiflung, keine höchste Verzückung und keine tiefe Trauer.

Aber genau das ist Fußball jenseits von Sieg und Niederlage, von Meisterschaft und Abstieg: Auf den Rängen geht es um die kollektive Verdichtung individueller Erfahrung, um Gewinnen oder Verlieren, Gelingen oder Scheitern, Vertrauen und Verrat, kurzum ums Leben. Das macht das Stadion zum Ort, an dem – auch über negative Erfahrungen – Identität gestiftet wird. Deutschland ist nicht nur Bern ‘54, sondern auch Wembley ‘66, wie Frankfurt nicht nur für den Meistertitel ‘59 steht, sondern auch für das von den Fans selbst so betitelte „Rostock-Trauma“ ‘92.

Konstituierendes Element für ihre Aufnahme ins kollektive Gedächtnis ist die Spontaneität und Wucht, mit der Fußballgefühle freigesetzt werden. Heißt auch: Der Videobeweis ist als Gefühlsblocker ersten Ranges ein Anschlag auf die Unmittelbarkeit dieser Erfahrungen und damit aus Fanperspektive ein Angriff auf das Wesen des Spiels. Ein hoher Einsatz für ein paar falsche Entscheidungen weniger und ein paar richtige mehr.

Oder geht es noch um etwas ganz anderes? „Um die Zuspitzung des Entertainments für den TV-Kunden“, wie Peter Unfried in der „taz“ mutmaßte? Ist „das Ziel offensichtlich“, so Unfried weiter, „Fernsehen soll nicht mehr Medium sein, sondern unabdingbarer Teil des Spiels und so mit ihm verschmelzen, dass es keinen Fußball ohne Fernsehbilder mehr gibt.“ Noch mal anders gefragt: Frisst das virtuelle Leben jetzt das Fußballstadion als einen der letzten Orte authentischer Erfahrung?

Viele Fragen. Höchste Zeit, sie zu stellen. Zumal eines sicher ist: Seine latente Ungerechtigkeit und der Schiedsrichter als ihre Projektionsfläche sind ein Kernstück der dramaturgischen Konstruktion des Fußballspiels, heißt: seiner Faszination – und dafür braucht es keinen Videobeweis.

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