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Andries Noppert: Jenseits der Träume

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Von: Frank Hellmann

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Wollte schon Polizist werden, als es mit der Fußballkarriere nicht mehr lief: Andries Noppert.
Wollte schon Polizist werden, als es mit der Fußballkarriere nicht mehr lief: Andries Noppert. © afp

Dass der 28-Jährige bei der WM als Nummer eins der Niederlande die Bälle hält, traut sich nur ein Bondscoach wie Louis van Gaal.

Vielleicht stehen nirgendwo so viele Absperrgitter und Wachposten wie im Trainingscamp der Niederlande, das sich in Doha auf einem begrünten Areal des riesigen Geländes der Qatar University befindet. Viel Baumwerk umgibt den Trainingsplatz sechs, alle paar Meter steht ein Aufpasser. Einer wie Andries Noppert, imposante 2,03 Meter groß, könnte trotzdem einen Blick über die Sichtschutzplanen werfen, aber als niederländischer Nationaltorwart bildete er zusammen mit Virgil van Dijk ja die Abordnung, um im Medienzelt nebenan über das WM-Viertelfinale zwischen Niederlande und Argentinien (Freitag, 20 Uhr/ARD) zu sprechen.

Die beiden Funktürme vor dem Aufeinandertreffen mit dem gerne als „Zwerg“ bezeichneten Lionel Messi zu entsenden, bot sich irgendwie an. Vor wenigen Wochen wäre eine solche Besetzung vor einer Begegnung von historischer Dimension undenkbar gewesen. Klar, van Dijk, seit Jahren Leistungsträger beim FC Liverpool, wäre bei jedem Trainer der Welt gesetzt gewesen, aber Noppert ist erst seit einem Jahr Stammtorwart beim SC Heerenveen. Er kam mit null Länderspielen zur WM, auf dem Zettel als Nummer eins dieser stolzen Fußballnation hatte ihn niemand. Mit einer Ausnahme, wie der Schlussmann selbst sagte: „Es gibt nur einen Bondscoach, der mich hierher bringen konnte: Das ist unser Bondscoach.“

Rauchen ist nicht mehr

Der 28-Jährige weiß eben zu gut, wem er seinen neuen Status zu verdanken hat: Ohne die Eigenwilligkeit eines Louis van Gaal, der sich beim FC Bayern bekanntlich gegen die Verpflichtung von Manuel Neuer aussprach, weil es doch einen Thomas Kraft gäbe, käme der unverhoffte Aufstieg nicht zustande: „Ich habe als Junge auch davon geträumt. Aber wenn Sie meine Karriere sehen, werden Sie wissen, dass ich diesen Traum längst aufgegeben hatte“, erklärte Noppert der internationalen Reporterschar. Sein Vita ist eine der ungewöhnlichsten dieses Turniers.

Der Torwart, der es anstelle des erfahrenen Jasper Cillessen (NEC Nijmegen) oder der von Gaal auch schon ausprobierten Mark Flekken (SC Freiburg) in den Kader schaffte, hatte sich in halb Europa als Ersatztorhüter bereits den Hintern platt gesessen, als ihn vor zwei, drei Jahren nicht mal mehr Zweitligisten wie Calcio Foggia oder FC Dordrecht beschäftigen wollten. Aus Italien hieß es, dieser Keeper würde zu viel rauchen und trinken. Verbürgt ist, dass ihm die Eltern bereits rieten, sich für ein geregeltes Leben besser bei der Polizei zu bewerben. Großer Kerl, grimmiger Blick – dazu Hände, die zupacken können. So einer kann doch auch als Ordnungshüter was werden? Noppert muss sich jeden Abend beim Zubettgehen im feudalen Teamhotel im Luxusquartier The Pearl kneifen, was gerade passiert. Was er sich verkniffen hat: Jeden Abend sich wie früher die letzte Zigarette des Tages anzuzünden. In Palermo hat er damit mal einen Feueralarm ausgelöst.

Die wilden Geschichten von früher mit Zeitzeugen, die bis vor kurzem keiner kannte, werden jetzt natürlich gerne hervorgekramt. Gestern noch Versager, heute Volksheld – das geht im Fußball rasch. „Turm von Joure“ nennen sie ihn seinem Geburtsort in der Nähe von Heerenveen, wo sie gerade jede Aktion des Hünen feiern. Er selbst hat zuletzt gegen die USA (3:1) nach jeder Parade das Objekt der Begierde ausgesprochen lange unter seinem riesigen Körper begraben. Als ob er sich damit an etwas festkrallen wollte. Ihn treibt dasselbe an wie seine Vorderleute: „Wir sind gekommen, um die Weltmeisterschaft zu gewinnen.“

Gute Chemie mit der Abwehr

Er gab gerade im Achtelfinale einen Garanten, der gleich am Anfang mit einer tollen Fußabwehr gegen Christian Pulisic glänzte. Als der Schlusspfiff ertönte, umarmten sich van Dijk und Noppert innig. Der eine weiß, was er vom anderen hat. „Vor mir spielen die besten Verteidiger der Welt“, sagte der Torwächter über seine Abwehr. Ganze zwei Gegentore hat die bestens organisierte Elftal erst kassiert. Argentinien wird viel Kreativität und einige Geduld benötigen, um den „Oranje“-Block zu überwinden. Selbst wenn es einen Elfmeter geben würde – oder gar ein ganzes Elfmeterschießen – hätte der WM-Neuling keine Angst. Lionel Messi solle ruhig antreten. „Ich bin bereit dafür. Er ist auch nur ein Mensch. Natürlich kann ich einen Elfmeter von ihm halten.“ Wie, das weiß der lange Wachposten zwischen den Pfosten offensichtlich schon genau.

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