Zeigte Mitgefühl an alter Wirkunsstätte: Gladbachs Trainer Marco Rose (Mitte) nach dem Sieg in Mainz.
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Zeigte Mitgefühl an alter Wirkunsstätte: Gladbachs Trainer Marco Rose (Mitte) nach dem Sieg in Mainz.

FSV Mainz 05

Anders als unter Kloppo

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Gladbach gewinnt gegen Mainz, das historisch schlecht startet. Die Erinnerungen an eine frühere Krise des Ex-Nullfünfers Marco Rose ist gut gemeint, doch hat mit 2020 wenig gemein.

Marco Rose schien einer inneren Überzeugung zu folgen, es nicht mit dem obligatorischen Händedruck vor der Trainerbank für sein Gegenüber Jan-Moritz Lichte bewenden lassen zu wollen. Der Coach von Borussia Mönchengladbach spürte, wie beim FSV Mainz 05 nach der 2:3-Heimniederlage gegen einen spät aufs Gaspedal drückenden Champions-League-Teilnehmer die Köpfe nach unten gingen. Er betätigte sich sodann als Aufbauhelfer, der jeden einzelnen Protagonisten in den rot-weiß-rot gemusterten Trikots abklatschte.

So viel ehrliches Mitgefühl ist selten in einer derzeit auf Kontaktbeschränkungen gepolten Branche. Rose sah die Aufmunterung als seine Pflicht an: „Ich hatte hier meine schönste Zeit als Fußballer, habe ganz tolle Menschen kennengelernt und einen großartigen Verein stetig wachsen gesehen. Stadt und Verein liegen mir sehr am Herzen.“ Nachdem der 44-Jährige noch anfügte, dass seine Tochter in Mainz geboren sei, drückte er seine Hoffnung aus, dass man doch „gestärkt“ aus dieser schwierigen Zeit hervorgehen solle. So viel Zuspruch kann ein Klub gebrauchen, der durch einen törichten Spielerstreik und schlechter Kommunikation selbst im nahen Umfeld immens an Rückhalt verloren hat.

Der Gladbacher Coach war so freundlich, in der digitalen Pressekonferenz gleich noch die historische Einordnung der Mainzer Malaise zu übernehmen. „Wir sind unter ‚Kloppo‘ auch mal mit fünf Niederlagen gestartet und haben dann das Derby gegen Kaiserslautern gewonnen“, sagte der frühere Linksverteidiger Rose, der aus 199 Erst- und Zweitligaspielen am Bruchweg wie auf Knopfdruck an den Fehlstart 2005 mit dem inzwischen in Liverpool verehrten Trainer-Guru erinnerte. Damals brachte ein Sieg am Betzenberg am sechsten Spieltag die Wende, Klopp und Co. liefen am Ende als Elfter ein – und alle lagen sich in den Armen.

Die Brücke über anderthalb Jahrzehnte in die Vergangenheit zu schlagen, wirkte zwar ehrenwert, aber griff zu kurz, weil es sich im Herbst 2020 eben nicht nur um eine Ergebniskrise handelt, die allein auf fußballerischen Mängeln fußt. Dafür gibt es zu viele atmosphärische Verwerfungen in einem Klub, der vom Zusammenhalt leben müsste. Dass Klubchef Stefan Hofmann öffentlich eine Beratungsfunktion des ehemaligen Mainzer Managers Christian Heidel ausdrücklich öffentlich begrüßt, dürfte ebenfalls nicht zur Beruhigung beitragen, Sportvorstand Rouven Schröder darf das ruhig als Misstrauen ihm gegenüber werten.

Selbst der mit reichlich Verspätung veröffentlichte „Offene Brief“ der Mannschaft ging nicht weit genug. Immerhin lösten die Profis bei ihrer besten Saisonleistung vor leeren Rängen in der Arena am Europakreisel ihre schriftliche Ankündigung ein, „zu versuchen, mit Leistung auf dem Platz die Schlagzeilen der vergangenen Wochen vergessen zu machen.“

Lichte wirkt unsicher

Mittelstürmer Jean-Philippe Mateta beendete mit einem Doppelschlag (23. und 36.) zwar seine wochenlange Formkrise und belohnte ein mutigeres Offensivspiel, doch als Rose erst seinen Paradesturm mit Alassane Plea und Marcus Thuram und dann die Neu-Nationalspieler Jonas Hofmann und Florian Neuhaus einwechselte, war es um die Rheinhessen geschehen.

Kapitän Daniel Brosinski fasste treffend zusammen: „Fünf Spiele, null Punkte – das sagt eigentlich alles.“ So passt der Tabellenstand zu den Nullfünfern, die in Anspielung auf ihr Gründungsjahr in Vor-Corona-Zeiten stets eine Zuschauerzahl vermeldeten, die auf „05“ endete. Für derlei Zahlenspielchen ist gerade keine Zeit. Fast schon flehentlich stellte Schröder heraus, dass die Spieltage vier und fünf die Gewissheit vermittelt hätten, „dass wir absolut konkurrenzfähig sind.“ Man habe noch 29 Spiele. „In Mainz wird nie aufgegeben.“

Sein bislang nur vorläufig mit der Chefrolle betrauter Trainer Lichte gestand hinterher: „Nach dem 2:2 hatte ich das Gefühl, die Köpfe gehen runter, die Angst beginnt“. Noch immer wirkt der 40-Jährige oft unsicher, nun gab er vor, richtig „wütend“ zu sein. Seine trotzige Ansage: „Unsere Spiele werden besser. Wir investieren, wir investieren – irgendwann wird es anders ausgehen.“

Da scheint einer in den auch für ihn wegweisenden Partien in Augsburg und gegen Schalke zu ahnen, dass wohlwollende Unterstützung eines Ehemaligen allein zur Krisenbewältigung nicht ausreichen wird.

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