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Carlo Ancelotti: Zukunft ungewiss.

Bayern München

Ancelottis notwendiger Abschied

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Der Führungsstil des Altmeisters Ancelotti ist nicht mehr zeitgemäß für die höchsten Ansprüche an den modernen Profifußball. Ein Kommentar.

Bislang waren wir davon ausgegangen, dass der FC Bayern die Saison mit Carlo Ancelotti noch irgendwie halbwegs angemessen absolvieren und dann im kommenden Sommer den Nachfolger Julian Nagelsmann präsentieren würde. Nach dem, was am Mittwoch im Pariser Prinzenpark passiert ist, ist dieser Plan obsolet. Denn der erfahrene Trainer hatte sich eine Personal- und Spielidee ausgedacht, die in eine verheerende 0:3-Niederlage führte. Er hat damals seinen letzten vorhandenen Kredit bei den Münchner Führungsspielern und Führungskräften verspielt. Zudem hat der 58-Jährige nicht den Hauch von Kampfgeist offenbart, die verzwickte Lage noch irgendwie meistern zu können. 

Dass Fans und Medien nicht immer verstehen, was ein Trainer macht und tut, liegt in der Natur der Sache, wenn aber die wichtigsten und erfahrensten eigenen Profis dem Vorgesetzten nicht mehr folgen können und intern über dessen Entscheidungen schon seit geraumer Zeit nur noch den Kopf schütteln, besteht Handlungsbedarf. Und zwar dringend. Kalle Rummenigge und Uli Hoeneß haben das offenkundig genauso gesehen – und notwendigerweise schneller und konsequenter gehandelt, als man sich das vor Wochenfrist noch vorstellen konnte. 

Klingt einfach, ist aber schwierig. Denn ein großer Klub, der die Bayern ja noch immer sind, bestellt keinen kleinen Interimstrainer bis zum Saisonende, der lediglich als Platzhalter für Nagelsmann dient. Also braucht es einen neuen Plan. 

Für eine strategische Nachfolge seriös infrage kommt aktuell allenfalls der ohnehin in München beheimatete, derzeit joblose Thomas Tuchel – und mit dem Guardiola-Klon Tuchel das Eingeständnis, dass der Führungsstil des Altmeisters Ancelotti nicht mehr zeitgemäß war für die höchsten Ansprüche an den modernen Profifußball. Nach den anstrengenden drei Jahren mit dem Perfektionisten Pep Guardiola, der die Bayern auf ein neues Niveau hob, aber den angestrebten Titel in der Champions League deutlich verpasste, sollte mit Ancelotti ein Gegenentwurf funktionieren. In Wahrheit holte man sich einen Mann, der nicht mehr in der Lage war, Spieler progressiv zu entwickeln und der es hinnahm, dass das von Guardiola in mühseliger Kleinarbeit entwickelte perfekte Positionsspiel sich peu a peu wieder zurückbildete. 

Abgekühltes Verhältnis

Bei nüchterner Betrachtung sind – aller Aufregung zum Trotz – die unmittelbaren sportlichen Folgen der Abreibung von Paris gering. Denn ernsthafte Zweifel, die Bayern könnten die Gruppenphase überstehen, bestehen nach wie vor ganz und gar nicht. Aber die Verwerfungen zwischen Trainer und Team waren dem Vernehmen nach zu groß. Paris hat das in 90 Minuten komprimiert gezeigt. Klubchef Rummenigge mag nicht zu den sensibelsten Geschöpfen gehören, aber er hat sehr präzise gespürt, wie Gefriertruhen-tief das Verhältnis vieler Profis zum Trainer bereits abgekühlt war. Was die Zukunft angeht: Eine vergleichbare Gefahr wäre künftig mit Nagelsmann vermutlich geringer als mit Tuchel. 

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