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Analyse zu Borussia Dortmund: O du wundersamer BVB

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Von: Christian Thomas

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Frustrierend: Die Dortmunder spielten am Sonntag nur 1:1 gegen Köln.
Frustrierend: Die Dortmunder spielten am Sonntag nur 1:1 gegen Köln. © dpa

Zufrieden als Zweiter, bringt im Sport nicht weiter! Auch Borussia Dortmund nicht. Eine Analyse.

Damit fängt es an, mit dem Einwurf. Es beginnt mit mangelnder Energie und Konzentration. Wahrscheinlich zwei Drittel der Einwürfe für Borussia Dortmund bringen den Gegner in Ballbesitz. Die Einwürfe ohne Körperspannung, der Ball nicht in den Händen, sondern zwischen den Fingern wie ein Wattebäuschchen. Wird dem Mitspieler oft so serviert, dass er damit technisch ein Problem bekommt. Ein Manko, das sich im Grunde im Handumdrehen abstellen ließe.

Noch so eine BVB-Standardsituation: die Ecken, häufig zu kurz, erreichen am naheliegenden Fünfer des Gegners aufnahmebereiten Fuß flach. Es gab Gegenbeispiele. Bälle, die sogar hoch bis zum langen Fünfer flogen, blieben selten. War aber komischerweise erfolgreich. An der Technik kann es eigentlich nicht liegen. Konzentrationsmängel?

Das Spielsystem: Rose hat lange an einer Viererkette festgehalten. Nach der Umstellung auf drei Verteidiger, endlich, lief es besser, am Sonntagabend auch gegen Köln (1:1). Zuvor in der Viererkette spielte Guerreiro wieder hinten links. In der Offensive sehr stark, in der Defensive ist er schwach. Erhebliche Stellungsspielfehler bei langen Bällen, kläglicher Kopfball in der Verteidigung. Verzettelt sich hinten in Wühlaktionen, fehlt vorne mit seinem nicht selten brillanten Aufbauspiel. Ein Systemfehler.

Die gesamte defensive Mittelachse von Hummels über Dahoud und Witsel ist sehr langsam. Dahoud mit starker Tagesform, dann wieder mit schwachen Wochen. Witsel ist im Zweikampf enorm durchsetzungsfähig, für den Spielaufbau kommt allerdings kaum Konstruktives von ihm. Das große Manko beim BVB die Sechs oder Doppelsechs. Zu langsam, zu wenig Überraschendes. Das muss Reus mitübernehmen, ein Kraftakt. Thomas Delaney, kämpferischstark hätte man nicht abgeben dürfen. Der hochbegabte Bellingham wird auf halbrechts, mehr noch auf halblinks verschlissen. Noch ein Systemfehler, frustrierend, für ihn zuallererst.

Die Gegentorfabrik Abwehr. Wahrhaftig eine Achillesferse ist die rechte Seite. Meunier mit vielen Abspielfehlern nach vorne, Brandt defensiv ein Totalausfall. Nicht nur die Eintracht-Erfolge im Januar gezielt über die für sie linke Außenbahn. Auch andere Teams gingen strategisch so vor, weil Passlack, für den verletzten Meunier aufgestellt, noch mehr überfordert ist. Die Fußballkultur in der Defensive lastet auf den Schultern von Hummels, auch Akanji. Wenig Schöpferisches für einen gepflegten Spielaufbau trägt der Torwart bei. Reaktionsschnell ist er.

Zum Autor

Christian Thomas war von 1993 bis 2021 Feuilleton-Redakteur bei der FR, ab 2010 als Ressortleiter. Glühender Borussia-Fan ist er seit seiner Kindheit in Dortmund. (FR)

Unter den individuellen Fehlern vor allem eine eklatante Kopfballschwäche der Verteidigung. Der Ball wird nicht geklärt, sondern steht wie die Flamme über einer Kerze. Und schon brennt es im Strafraum lichterloh. Bei einem Hinteregger, dem Frankfurter, könnten sie in die Kopfballschule gehen, quasi die Kopfballbank drücken.

Überheblichkeit ist ein großes Problem. Die Personifikation des Problems ist Emre Can. Gibt auf dem Platz den Dirigenten mit seinem linken erhobenen Arm. Ist aus verschiedenen Gründen gefährlich. Er hat mehrfach schon durch dieses Dirigieren den Weg des Passes so offensichtlich angezeigt, dass der Gegenspieler prompt in Ballbesitz kam. Dieses Markieren von Absichten anstelle von Dirigieren – lächerlich. Und noch etwas ganz Triviales. Ein erhobener Arm hindert stets am energischen Spurten, bringt zudem aus dem Gleichgewicht, auch Can wackelt dann. Umso größer die sowieso vorhandenen technischen Defizite Cans, erst recht beim Spielaufbau.

Brandt spielt, unfreundliches Wort, Häschenfußball. Die Quote der gewonnenen Zweikämpfe, die aus dem ZDF-Videotext abzulesen sind, liegt bei unter 20 Prozent. Sobald er körperlich bedrängt wird, ist der Ball weg – und wird, wofür ein Ball eigentlich nicht vorgesehen ist, zum Bumerang.

Thorgan Hazard, ebenfalls hoch veranlagt, hat lichte Momente in der Offensive, ist defensiv ebenfalls ein Totalausfall, also noch einer. Brandt und Hazard sind keine Strategen – wie Reus an guten Tagen. Allerdings sind es drei Spieler, die sich in ihrer Spielanlage sehr ähneln, was es dem Gegner leichter macht. Malens Spiel über den Flügel mag erfreulich sein, hinterlässt aber auch sentimentale Erinnerungen an solche Ausnahmekönner wie Sancho oder Pulisic. Seit diesen Abgängen ist das bis dahin für Gegner so unberechenbare BVB-Spiel statischer geworden. Meisterschaftsträume hängen an solchen Erinnerungen, sie beruhen nicht auf realistischen Einschätzungen.

Einiges ließe sich trainieren: die Einwürfe, die Ecken – auch Konstanz und die vermaledeit mangelhafte Mentalität. Der BVB, das war bereits vor der Saison klar, hat mehrere Großbaustellen. Es riecht nach Verlängerung.

Nach dem Abpfiff. In meinem unmittelbaren Umfeld heißt es: Aber sie sind doch, vergiss das nicht, Zweiter. Genau das ist das Problem. Zufrieden als Zweiter, bringt im Sport nicht weiter! Was die kommende Saison angeht, wird ein zukunftsfähiges BVB-Gefüge buchstäblich neu aufgestellt werden müssen. Wird äußerst anspruchsvoll sein. Umso ambitionierter diese Aufgabe, sollte unser aller Haaland gehen.

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