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Amputiertenfußball in Sierra Leone: „Behinderung heißt doch nicht, dass wir nichts können“

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Von: Felix Lill

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„Man spielt sieben gegen sieben“, erklärt Trainer Manley Mustapha. „Das ist quasi unsere Nationalmannschaft.“
„Man spielt sieben gegen sieben“, erklärt Trainer Manley Mustapha. „Das ist quasi unsere Nationalmannschaft.“ © Javier Sauras

Der brutale Bürgerkrieg in Sierre Leone hat auch junge Menschen für immer versehrt. Doch die Liebe zum Fußballspielen schenkt ihnen neue Hoffnung – auch auf eine Weltmeisterschaft.

Wenn die Menschen aus Freetown vom Lumley Beach erzählen, strahlen normalerweise ihre Augen. Nirgends könne man sich so gut entspannen und vergnügen wie an der schönsten Promenade der Stadt. Beachclubs und Hotels finden sich hier sowie ein kilometerlanger natürlicher Sandstrand. Aber an diesem Samstagmorgen schläft die sonst so geschäftige Hauptstadt von Sierra Leone lieber aus. Es regnet und der Wind weht.

Die Ausnahme findet sich auf einem entlegenen Stück Sand, jenseits der geschlossenen Geschäfte, wo zwei Tore aufgebaut sind. „Leute!“, ruft eine kräftige Männerstimme in einen Pulk von ungefähr 20 jungen Frauen und Männern. „Die Qualifikation zur Weltmeisterschaft ist möglich! Lasst das nicht aus den Augen!“ Erst wird genickt, gefolgt von einem entschiedenen Echo. „Jawoll!“, schreit eine Frau. „Ja!“, hallt es im Chor.

Sie klatschen in die Hände, müssen dabei ihr Gleichgewicht bewahren. Die meisten von ihnen haben nur ein Bein. Ihre Gehstützen lehnen sie für den Moment an ihre Rümpfe. Kurz darauf ertönt ein Pfiff. Im trüben Wetter formieren sie sich in einer Linie und warten auf Anweisungen. Auf Kommando ihres Trainers sprinten sie nacheinander auf Gehstützen um die Wette. Alles durch den Sand. „Sieht gut aus, Leute! Ihr seht so gut aus wie noch nie!“

Sport mit Behinderung: Amputiertenfußball verleiht Kriegsversehrten in Sierra Leone Mut

Albert Manley Mustapha, der eben noch laute Trainer, erklärt das Spiel in aller Ruhe: „Amputiertenfußball wird mit sieben gegen sieben gespielt. Mit den Gehstützen balancieren sich die Spieler.“ Den Ball dürfen sie damit nicht berühren, das wäre sozusagen Handspiel. „Die Torwarte haben zwei Beine, sind aber armamputiert. Sie dürfen ihre Torzone nicht verlassen.“ Und diese Spieler, die sich hier am Strand warmmachen, seien die Crème de la Créme des Landes. „Das ist quasi die Nationalmannschaft.“

Als das Training begonnen hat, lässt sich erahnen, wovon Mustapha spricht. Die Fußballer jonglieren den Ball mit einem Fuß, obwohl ihnen das andere Bein zum Stehen fehlt. Sie werfen sich in Zweikämpfe, auch wenn das Abrollen zum Problem werden könnte und schlagen Finten, woraufhin sie mit ihren Gehstützen davondribbeln. „2022 findet in der Türkei die WM statt. Das ist unser großes Ziel“, sagt Mustapha, den aber alle „Wizzy“ nennen.

Glaubt man dem fülligen Mann, der von Beruf Pastor ist, dann stehen die Chancen nicht schlecht. „Den da vorne haben wir auf den Namen Lewandowski getauft, er schießt Tore ohne Ende. Einen Messi, der gut dribbeln kann, haben wir auch.“ Ein weiterer Vorteil dieser Truppe könnte sein, dass die Auswahl an potenziellen Spielern groß ist. „Im ganzen Land gibt es noch viel mehr Amputierte. Alles Kriegsüberlebende.“ Wizzy, dem selbst kein Körperteil fehlt, bleibt einen Moment still. „Ich bewundere sie für ihren Lebenswillen. Sie haben viel durchgemacht.“

Amputiertenfußball in Sierra Leone: „Als es nur ums Spiel ging, zählte meine Behinderung endlich mal nichts!“

Vor 20 Jahren endete im westafrikanischen Sierra Leone ein Bürgerkrieg, der wohl zu den brutalsten Konflikten der jüngeren Geschichte gehört. Im benachbarten Liberia hatte der Putschist Charles Taylor ab Ende der 1980er Jahre einen Kampf um die Macht begonnen, suchte für seine Bemühungen bald nach frischem Geld. Im nordwestlich gelegenen Sierra Leone waren Diamanten zu holen. So expandierte Taylors Feldzug ab 1991 nach Sierra Leone, das daraufhin nach und nach im Chaos verfiel.

Über die Jahre ging jedes Maß verloren. Die Rebellengruppen, die gegen die Regierung und zivile Kräfte kämpften, machten früher oder später sogar Kinder zu Soldaten. Sie schossen aber auch auf Minderjährige, als Vergeltungsschläge gegen den Widerstand der etablierten Kräfte. Durch das Eingreifen internationaler Truppen endete der Krieg am 18. Januar 2002. Die bittere Bilanz nach elf Jahren: um die 70 000 Todesopfer, 2,6 Millionen Menschen ohne Zuhause, noch mehr wurden verwundet. Die überlebenden Opfer sind bis heute weitgehend auf sich allein gestellt.

Der Staat übernimmt die Gesundheitskosten, aber Prothesen gibt es selten.
Der Staat übernimmt die Gesundheitskosten, aber Prothesen gibt es selten. © Javier Sauras

In der Trainingspause ruht sich Aruna Thullah am Straßenrand aus. „Mein Bein hab’ ich 1996 oder 1997 verloren“, erzählt er mit hastigem Atem. „Ich war ungefähr zehn Jahre alt. Die Rebellen stürmten unser Dorf, wir mussten in den Dschungel flüchten, eine Streukugel traf mein Bein.“ Eine Woche lang hielt sich Aruna versteckt. Erst als die Luft rein war, konnte er einen Arzt aufsuchen. „Der sagte mir dann, dass nur eine Amputation mein Leben retten konnte.“

Der kräftige Typ mit einem freundlichen Lächeln ist heute nicht nur Verteidiger in der Nationalmannschaft. Er ist auch Präsident des Amputiertenfußballverbands. „In den Monaten und Jahren nach dem Krieg hat Wizzy ganz Freetown abgesucht, um Leute wie uns zu finden und eine Mannschaft zu gründen. Mit Fußball wollte er uns neuen Mut geben.“ Thullah, der rund zwei Jahre nach Kriegsende zu seinem ersten Training an den Strand kam, erinnert sich so: „Als ich mit diesen Leuten zusammentraf und es nur ums Spiel ging, zählte meine Behinderung endlich mal nichts!“

20 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs in Sierra Leone macht Fußball den jungen Menschen Mut

Heute sei dies das Programm der Truppe. „Einige Leute im Land halten uns noch immer für nutzlos“, sagt Aruna Thullah. „Wir sehen uns nicht so. Wir kämpfen. Behinderung heißt doch nicht, dass wir nichts können.“ Wenn Aruna Thullah nach seiner wöchentlichen Trainingseinheit im Fußballtrikot nach Hause fährt, wird er jedes Mal angesprochen, ob er wirklich Fußball spiele. „Die Leute können sich das nicht vorstellen. Manchmal fordere ich sie dann heraus.“

Der Bürgerkrieg

In Sierra Leone dauerte der Bürgerkrieg von 1991 bis 2002. Er war einer der gewalttätigsten postkolonialen Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent. Die Rebellen der Revolutionary United Front kämpften mit ihren Verbündeten gegen regierungstreue Milizen und zeitweise auch gegen die Armee. Nach einem, auch durch internationale Friedenstruppen beförderten Entwaffnungsprozess rief der damalige Präsident Ahmad Tejan Kabbah am 18. Januar 2002 den Frieden aus.

Nach den Wohlstandskriterien der Vereinten Nationen fällt Sierra Leone in die Kategorie der „least developed countries“, also der ärmsten Länder der Welt.

Aruna Thullah gehört zu jenen, die Glück im Unglück hatten. Im Krieg kam er nicht nur mit dem Leben davon, sondern fand danach einen Beruf. Durch Hilfe aus seinem Bekanntenkreis wurde er Lehrer an einer Schule. Viele seiner Mitspieler leben hingegen unter der Armutsgrenze. Auf dem prekären Arbeitsmarkt des Acht-Millionen-Landes gehört gerade unter jungen Menschen Unterbeschäftigung zu den größten Problemen. Wer eine Behinderung hat, wird besonders deutlich marginalisiert. Und selbst wenn der Staat die Gesundheitskosten für Kriegsopfer übernimmt, bleiben auch hier Wünsche offen. Eine Beinprothese haben zum Beispiel die wenigsten.

„Für mich ist es heute schwer, genug Essen zu finden“, sagt Maxwell Kallon, ein Stürmer der Mannschaft. Als die Rebellen seinen Heimatort außerhalb von Freetown überrannten, war der heute 38-jährige an der Uni eingeschrieben, studierte Kunst. „Das war im Januar 1999. Sie brannten unser Haus nieder und schossen mir ins Bein. Meine Mutter hatten wir in Sicherheit gebracht. Die meisten meiner Verwandten starben. Dann gab es niemanden mehr, der mir helfen konnte.“ Die Amputation war die letzte Rettung.

„Ich bettle jetzt tagsüber. Die ganze Woche sammle ich Geld, damit ich mir die Busfahrt aus der Innenstadt an den Strand leisten kann.“ Hin und zurück sind das 15 000 Leonen, etwas mehr als ein Euro. Aber hier muss er eben sein, jeden Samstagmorgen am halb acht. „Das ist mein Highlight der Woche!“ Als er ein Tor aus der Distanz schießt, weht ein Raunen über den Strand. „Kallon mal wieder!“ Der Torschütze selbst lacht und wiederholt die Worte: „Kallon hat wieder geknipst!“

„Den da vorne haben wir auf den Namen Lewandowski getauft, er schießt Tore ohne Ende. Einen Messi, der gut dribbeln kann, haben wir auch.“

Trainer Albert Manley Mustapha

Für ihn sind es Erinnerungen an die größten Tage seiner Karriere. Vor einigen Jahren führte er seine Truppe zu einem Turnier nach Manchester. „Wir haben im Old Trafford gespielt.“ Heimische Medien berichteten drüber. Genauso wie von der WM, die sie im Jahr 2005 in Brasilien spielten. Weit kamen sie zwar nicht, aber als Erklärung dienten die schwierigen Trainingsbedingungen: Große Turniere werden in Stadien auf Rasen gespielt. Für das Amputiertenteam aus Sierra Leone, wo es selbst in der nationalen Profiliga gelegentlich an Spielorten mangelt, bleibt nur der Sandstrand.

Die Spieler kommen aus armen Verhältnissen, manch einer kann sich kaum die Busfahrt zum Training leisten.
Die Spieler kommen aus armen Verhältnissen, manch einer kann sich kaum die Busfahrt zum Training leisten. © Javier Sauras

„Der Mangel ist ja noch viel schlimmer“, sagt Wizzy am Rand. Die Spieler haben sich auf zwei Spielhälften aufgeteilt, in A- und B-Mannschaft. „Wir hoffen, mit den Besten bald zu einem Einladungsturnier reisen zu können, um uns fitzuhalten. Es fehlt aber noch ein Geldgeber.“ Auch wollen die Trainer seit einigen Jahren ein Dach am Rand des Spielfelds bauen, damit sich die Spieler in ihren Pausen vor Sonne und Regen schützen können. „Das würde ungefähr 500 Euro kosten.“ Noch hat der Verband das Geld nicht beisammen.

„Hallo! Entschuldigen Sie!“, ruft Wizzy mit dem Rücken zum Strand die nasse Straße entlang, als mal wieder ein Auto vorbeikommt. Der Heranfahrende kurbelt das Fenster runter, woraufhin Wizzy ungefragt die Mannschaft am Wasser hinter sich vorstellt. „Das sind unsere Kriegsüberlebenden. Haben Sie eine Spende? Jedes Geld hilft …“ Einer bringt daraufhin Getränke, ein anderer sorgt für Sandwiches. „Die Sponsorensuche läuft nur so“, erzählt Wizzy. „Vom Staat oder vom Fußballverband der Profis kriegen wir nichts. Dabei würden uns schon Bälle und Leibchen helfen.“

Vor kurzem hat Wizzy einen neuen Geldgeber gefunden. Ein hoher Beamter aus der Regierung, der sich auch privat für die Mannschaft einsetzt. Berlindo, ein großer Mann mit schwarzer Sonnenbrille, hofft nicht nur, dass die nächste WM-Qualifikation gelingt, sondern auch, dass noch weitere Sponsoren gefunden werden. Dann stünden diese Spieler, die so oft zu den Verlierern der Gesellschaft gehören, wieder vor einer seltenen Chance: Sie würden Sierra Leone in der Welt vertreten. Und plötzlich würden auch die nationalen Medien wieder davon berichten, wie Maxwell Kallon, der an anderen Tagen auf der Straße lebt, ein Tor geschossen hat.

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