Alleine macht Fußball oft keinen Spaß. Frank Rumpenhorst/dpa
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Alleine macht Fußball oft keinen Spaß. 

Amateurfußball

Amateurfußball: Die soziale Frage

  • Steffen Herrmann
    vonSteffen Herrmann
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Die Corona-Krise als große Belastung für viele Jugend- und Amateurfußballer.

Mit Fußball hatte das nichts zu tun“, sagt Klaus Schleicher. Seit einigen Wochen wird bei Schleichers Heimatverein in Frankfurt, dem SV 07 Heddernheim, wieder trainiert. Aber wie bei vielen Amateurvereinen war der Re-Start nach der Corona-Zwangspause mühsam. Die Regeln für die Wiederaufnahme des Trainings waren streng. Kontaktfrei musste es sein; Kopfbälle, Einwürfe oder das Bier in der Vereinskneipe danach waren verboten. Der Sportliche Leiter der Heddernheimer Senioren vermisste das, was den Fußball ausmacht: Zweikämpfe, Schreie und Spiele über den ganzen Platz.

Inzwischen wurden die strengen Regeln gelockert, der 65-Jährige aber hatte schon vorher seinen Frieden mit dem neuen Training gemacht– auch, weil andere Sorgen größer waren: Der Zusammenhalt des Vereins stand auf dem Spiel, wie er sagt. „Jede Mannschaft ist ein sensibles Gebilde, das zerbröselt, wenn man sich lange nicht sieht.“

Die soziale Frage, sie stellt sich vielen Vereinen. Auch beim FSV Schierstein in Wiesbaden. Hier stand die Vereinsleitung der Wiederaufnahme des Trainingsbetriebes lange skeptisch gegenüber. Inzwischen rollt der Ball wieder, die Skepsis aber ist geblieben. Hans Groth hat in den vergangenen Wochen gespürt, wie der Ruf nach einer Rückkehr des Fußballs immer lauter wurde. Die Gründe für den Re-Start des Trainings waren dann auch keine sportlichen, sondern soziale, wie der FSV-Vorsitzende betont. „Fußball ist eben auch Sozialarbeit.“

Der hessische Fußballverband tagt

Am Samstag entscheidet der Hessische Fußballverband (HFV) über den Umgang mit der Saison 2019/20. Der Vorstand empfiehlt ein vorzeitiges Saisonende sowie die Anwendung der Quotientenregel zur Begradigung der Tabelle. „Ich habe keinen Zweifel daran, dass der Vorschlag angenommen wird“, sagte Präsident Stefan Reuß. Über die neue Saison und eine mögliche Verlängerung des Wechselfensters werde man aber nicht sprechen. (FR)

Das sieht auch Bettina Rulofs so. Die Professorin für Sportsoziologie an der Bergischen Universität Wuppertal sagt: Die Trainingspause sei für viele Kinder und Jugendliche ein großer Einschnitt gewesen. „Plötzlich fehlte ein Ort der persönlichen und körperlichen Begegnung – und ein Ort, an dem die Kinder positive Erfahrungen machen.“

Die Soziologin kritisiert, dass der gesellschaftliche Diskurs der vergangenen Wochen sich zu stark um die Öffnung der Schulen drehte: „Außerschulische Orte der Bildung wurden vernachlässigt.“ Für einige Kinder sei die Schule eben ein Ort, wo sie nur bei guten schulischen Leistungen Anerkennung bekommen. „Sportvereine stoßen in diese Lücke. Hier sind die Kinder Teil eines Teams, können sich entfalten“, sagt Rulofs.

Als eine Auffangstation für Kinder und Jugendlichen verstehen sich auch die „Schleifer“ der Spielvereinigung 02 Griesheim. In der trainingsfreien Zeit sei es nicht leicht gewesen, diese Aufgabe zu erfüllen, sagt der Vorsitzende Marcel Ruoff. Der Verein habe den jüngsten Kindern deswegen Freikarten für den Frankfurter Zoo organisiert. „So hatten die Kleinsten ein bisschen Abwechslung.“

Immerhin: Von Geldsorgen sind die Vereine in Griesheim, Schierstein und Heddernheim verschont geblieben. Das ist nicht überall so. Fixkosten laufen weiter, Einnahmen bleiben aus.

Nun stehen die Sommerferien vor der Tür. „Für viele Kinder ist der unendliche Zeitraum der Sommerferien mit nichts gefüllt“, sagt die Sportsoziologin Bettina Rulofs. Normalerweise hätten Tausende Kinder an Ferienfreizeiten der Vereine oder Sommercamps teilgenommen. Doch diese fallen aus oder finden virtuell statt. Ein Problem, warnt Rulofs: „Da bricht etwas weg.“

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