Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Abschied als Absteiger: Werders Verteidiger Theodor Gebre Selassie.
+
Abschied als Absteiger: Werders Verteidiger Theodor Gebre Selassie.

Abstieg

Werder Bremen: Am Ende einer Sackgasse

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
    schließen

Wie sich der SV Werder in eine schier ausweglose Situation manövrierte und zum zweiten Mal nach 1980 aus der Bundesliga absteigt.

Wer sehen wollte, was der Abstieg von Werder Bremen angerichtet hatte, der blickte auf die große Treppe vom Osterdeich auf Höhe der Verdener Straße. Der breite Zugang runter zur Ostkurve glich am Samstagabend einem Scherbengericht. Der am Pfosten kauernde Torwart Jiri Pavlenka und der vor 100 applaudieren Werder-Mitarbeitern traurig vom Rasen trapsende Verteidiger Theodor Gebre Selassie lieferten drinnen im Weserstadion die fernsehtauglichen Sinnbilder, das wahre Entsetzen kauerte draußen auf den Steinstufen. Einige von 2000 Fans hatten in einer aufgebrachten Menge am Marathon-Tor noch „Vorstand raus“ gegrölt, nun klammerten sich die letzten an Bierflaschen, die noch nicht kaputtgeworfen waren. In ihren Gesichtern mischte sich Trauer mit Wut, Enttäuschung mit Verzweiflung.

Der dienstälteste Bundesligist, länger erstklassig als der FC Bayern oder Borussia Dortmund, Dritter der Ewigen Tabelle, war gerade das zweite Mal nach 1980 abgestiegen. Man wird notgedrungen nun bald auf Nordderbys gegen den Hamburger SV, FC St. Pauli oder Hannover 96 anstoßen. Dynamo Dresden und Hansa Rostock, der FC Schalke 04, 1. FC Nürnberg oder Fortuna Düsseldorf kommen in die Spielstätte, wo die Weser einen Bogen macht.

Welche Rolle Bremen in diesem eigenartigen Konglomerat - eine Art Rehaklinik für vom Kurs abgekommene Traditionsvereine - spielen wird, überforderte am Pfingstwochenende die Verantwortlichen. „Wir brauchen einen Moment, um die Dinge einzuordnen“, sagte Aufsichtsratschef Marco Bode.

Der Ehrenspielführer kennt die enge Verflechtung von Stadt und Verein – und spürt die Besorgnis, dass es diesmal nicht so leicht gelingt, nach einer Strafrunde gestärkt zurückzukommen. Der 51-Jährige will vorerst „nicht davonlaufen“, deutete aber an, dass er sich eine Kandidatur bei den Aufsichtsratswahlen im September sehr genau überlegen will. Vor allem die fußballerische Armut macht die Hanseaten zu einem völlig verdienten Absteiger.

Trotzig verbreitete am Tag danach Bremens Bürgermeister einen Hauch von Zuversicht. „Wir bleiben der Verein der Herzen und spielen jetzt in der attraktivsten zweiten Liga seit Menschengedenken“, sagte Andreas Bovenschulte (SPD), „jetzt kämpfen wir alle darum, dass es nur ein einmaliges Gastspiel bleibt.“ Leichter gesagt als getan. Pandemiebedingt sind die Einnahmen bereits um 40 Millionen Euro eingebrochen, ungefähr eine ähnliche Größenordnung an Einbußen kommen nun noch obendrauf.

Alle Spielerverträge mit Ausnahme von Niklas Moisander, 35, und Gebre Selassie, 34, sind für die zweite Liga gültig, versehen mit Gehaltsabstrichen zwischen 40 und 60 Prozent. Dennoch: Wer jetzt noch die Mittelstandsanleihe zeichnet, muss wirklich ein grün-weißer Optimist sein.

Den Negativsog mit nur einem Punkt aus zehn Spielen erfasste auch das Trainer-Denkmal Thomas Schaaf. Mit brüchiger Stimme hielt der 60-Jährige nach der bodenlosen Darbietung gegen Borussia Mönchengladbach (2:4) fest: „Es hat nicht gereicht, was wir geliefert haben. Es ist eine Riesenenttäuschung und Leere bei mir.“

Mit Schaaf und Frank Baumann erlebten Steuermänner den Untergang, die 2004 noch gemeinsam das Double in die Hansestadt holten. Der schwer angezählte Sport-Geschäftsführer Baumann will auf jeden Fall weitermachen. „Ich glaube weiterhin, dass ich der Richtige für Werder Bremen bin. Wir haben klare Ideen, wie wir uns aus der sportlichen und wirtschaftlichen Situation befreien können“, erklärte der 45-Jährige, der bereits für Ende Mai einen „neuen Trainer“ und danach „einen großen Wandel im Kader“ ankündigt.

Nur wie soll der aussehen? Baumann ist nach dem Abgang des seit 2019 für Bayer Leverkusen arbeitenden Kaderplaners Tim Steidten das Gespür für entwicklungsfähige Profis abhandengekommen. Der Marktwert der meisten Akteure rauschte nicht nur wegen der Corona-Krise in den Keller.

Werder steht vor dem Dilemma, noch im Juni eine erhebliche Liquiditätslücke von fast zehn Millionen Euro mit Notverkäufen schließen zu müssen, sonst droht ein Sechs-Punkte-Abzug für die neue Saison. Wer schnappt sich einen Milot Rashica, Yuya Osako oder Ludwig Augustinsson auf einem Transfermarkt, der weitgehend brachliegt?

Dennoch verkündete Baumann in einer kleinen Medienrunde auf den Steinstufen der Südtribüne: „Unser Ziel muss sein, direkt wieder aufsteigen zu können.“ Dasselbe erklärte Klaus Filbry, Vorsitzender der Geschäftsführung am Sonntagabend im NDR-Sportclub, auch der 54-Jährige will weiterhin Verantwortung tragen. Es deuten sich also keine personellen Konsequenzen an, obwohl der Werder-Weg in der Sackgasse endete.

Dass der viermalige deutsche Meister erst in den allerletzten Minuten einer Saison nach dem Kölner Treffer gegen Schalke 04 auf einen Abstiegsplatz purzelte, mag dramatisch sein, überraschend war es mitnichten. Nach einem Arbeitssieg in Bielefeld (2:0) am 10. März verlor der gesamte Klub eingedenk von 30 Punkten – zwölf mehr als Mainz 05 zu diesem Zeitpunkt – den Kompass. Trainer Florian Kohfeldt inklusive. Der 38-Jährige muss sich vorhalten lassen, seiner Mannschaft jegliche Freude beim Spiel mit dem Ball ausgetrieben zu haben. Er hatte intern immer gewarnt, dass der mental und körperlich wenig robuste, läuferisch und gedanklich viel zu langsame Kader doppelt und dreifache Sicherungssysteme benötigt.

Die Bestätigung gab’s am 34. Spieltag, als Schaaf mit seinem offensiven Ansatz und seiner aus der Mode gekommen Mittelfeld-Raute scheiterte. Nach drei Minuten war die Messe am Pfingstsamstag gelesen, da konnten die Anhänger am Flussufer noch so viele Böller und Raketen zünden. Den einzigen Knalleffekt auf dem Rasen vergab Davie Selke nach 19 Minuten. Die verstolperte Chance des 26-jährigen Unglücksstürmers bleibt als Sinnbild des Abstiegs haften. Dass Werder nunmehr von der Zwölf-Millionen-Kaufoption für die Hertha-Leihgabe entbunden ist, tröstet niemanden. Zu viel ist kaputtgegangen. Nicht nur auf der Treppe am Osterdeich.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare