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Als Klinsmann und Bierhoff sich im Wald verliefen

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Von: Jan Christian Müller

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Für sie ist die Zeit der Waldläufe längst vorbei: Jürgen Klinsmann (links) und Oliver Bierhoff.
Für sie ist die Zeit der Waldläufe längst vorbei: Jürgen Klinsmann (links) und Oliver Bierhoff. © Imago

Nach 18 Jahren kehrt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zurück ins Kempinski nach Gravenbruch vor die Tore von Frankfurt.

Oliver Bierhoff kann sich noch ganz gut erinnern. Damals, in den 1990er-Jahren, als der DFB-Direktor Torjäger der deutschen Nationalmannschaft war, fand hin und wieder mal ein wenig beliebter Waldläufe durch den Stadtwald vor den Toren von Frankfurt statt. Berti Vogts, der damalige Bundestrainer, mit dem (2015 verstorbenen) Teammanager Bernd Pfaff voran, die Spieler hinterher. „Irgendwann wussten Berti und Bernd nicht mehr den Weg zurück zum Hotel. Es wurde dann ein Felix-Magath-Gedächtnislauf“, berichtet Bierhoff lächelnd aus längst vergangenen Zeiten. Einige verirrte Spieler, so sagt die Legende, seien gar per Anhalter zurückgebracht worden, unter anderem Jürgen Klinsmann.

Lang, lang ist es her, seit die deutsche A-Nationalmannschaft zum letzten Mal an diesem Irrgarten-Wald im Kempinski Hotel gegenüber dem Autokino in Gravenbruch logierte. Bis 2004, als Rudi Völler noch Teamchef war, trafen sich die besten Fußballspieler des Landes regelmäßig dort zwischen Neu-Isenburg, Heusenstamm und Dietzenbach im Süden von Frankfurt. Trainiert wurde meist auf der Sportanlage am Martinsee in Heusenstamm. Alle waren zufrieden - bis Jürgen Klinsmann übernahm.

Seit diesem Montag, als die von Hansi Flick nominierten Spieler zur Vorbereitung auf die Testspiele gegen Israel in Sinsheim (26. März) und in Amsterdam gegen die Niederlande (29, März) bis zum Abend angekommen sein mussten, ist das 5-Sterne-Haus erstmals seit 18 Jahren wieder Gastgeber für das deutsche A-Team.

Klinsmann, Bundestrainer zwischen 2004 und 2006, hatte andere Ideen für seine Auserwählten. Die Spieler sollten Big-City-Flair erleben und nicht irgendwo am Waldrand untergebracht werden.

Während der kurzen Klinsmann-Bundestrainer-Ära nächtigte die Nationalmannschaft in einem der oberen Stockwerke des (derzeit wegen Renovierung geschlossenen) Frankfurter Hotels Intercontinental, nah am Main und nah am Bahnhofsviertel gelegen. Klinsmann wollte, dass die Spieler Stadtluft schnuppern.

Nachdem 2006 die Villa Kenedy eröffnet hatte, wurde die Sechs-Sterne-Unterkunft immer dann das Domizil der Mannschaft, wenn sie wieder einmal in Frankfurt zu Besuch war. Die Nobelherberge schließt jedoch am 31. März 2022, der DFB entschied sich, die letzten Tage der Villa Kennedy nicht vor Ort zu erleben, sondern zurück ins Kempinski vor die Tore der Stadt zu kehren. Zumal das zuvor etwas in die Jahre gekommene Hotel zwischen 2012 und 2015 für rund 40 Millionen Euro renoviert wurde.

Die Klinsmann-Doktrin gelten nicht mehr, Teammanager Thomas Beheshti (41) sagt: „Priorität hat für uns nicht eine zentrale Lage in der Stadt, sondern Vorrang haben perfekte sportliche Bedingungen, eine kurze Entfernung zu den Trainingsplätzen, aber auch zum Flughafen.“ Für die Vorbereitungswoche zu den beiden Länderspielen sind verschiedene Mannschafts- und Marketingmaßnahmen zum Start in das Turnierjahr geplant. „Auch für diese notwendigen Aktivitäten abseits des Sportlichen haben wir im Kempinski aufgrund der großen verfügbaren Fläche Top-Bedingungen“, so Beheshti. Zuletzt hatte es von der Frauen-Nationalmannschaft sehr positive Rückmeldungen zu der Herberge gegeben. „Wir haben als Feedback erhalten, dass alles perfekt funktioniert hat.“

Trainiert wird nicht mehr - wie einst unter Rudi Völler und seinen Vorgängern - in Heusenstamm (wo gerade ein Rugby-Länderspiel stattfand), sondern auf dem gepflegten Rasen bei der Eintracht. Die Trainingsplätze am Waldstadion sind gut erreichbar, ohne dass der Mannschaftsbus sich durch die Stadt quälen muss. Beheshti: „Wir sind der Frankfurter Eintracht sehr dankbar, dass wir ihr Übungsgelände nutzen dürfen.“ Die Trainingsplätze am neuen DFB-Campus an der alten Galopprennbahn sind noch nicht ganz fertiggestellt. Dort wird die Nationalmannschaft bei Aufenthalten im Rhein-Main-Gebiet künftig trainieren.

Beheshti und sein Team hatten auch Hotels im Raum Heidelberg und Mannheim geprüft. Dort habe es jedoch keine passende Unterkunft mit nahen Trainingsplätzen gegeben.

Für die vier Spiele der Nations League im Juni in Bologna, in München, in Budapest und in Mönchengladbach hat der DFB sich für den „Home Ground“ von Partner Adidas in Herzogenaurach entschieden. Dort also, wo der EM-Kader schon im vergangenen Sommer wohnte, im nahegelegenen Adi-Dassler-Stadion trainierte und sich überaus wohl fühlte. „Das passt im Juni perfekt“, so Beheshti.

Keine Option ist das neue Athletenhaus im bald fertiggestellten DFB-Campus auf der ehemaligen Frankfurter Galopprennbahn. Denn dort gibt es nur 33 Doppelzimmer - zu wenige für den 70-Leute-Tross der A-Nationalmannschaft.

Im Kempinski in Gravenbruch wohnten Niko Kovac und sein Bruder Robert während ihrer Trainerzeit bei Eintracht Frankfurt ständig, auch Arnold Schwarzenegger und Bill Clinton gehörten schon zu den Gästen.

Für den DFB ist das Luxushotel ein geschichtsträchtiger Ort. Dort kündigte Ex-Präsident Theo Zwanziger beim Jahresabschlussfest des Verbands im Dezember 2011 seinen Rücktritt an. Die Gäste waren not amused, nachdem Zwanziger zuvor die „Bild“-Zeitung informiert hatte, die die Nachricht online stellte, ehe der scheidende Verbandschef seine Abschiedsrede vor den versammelten DFB-Angestellten hielt.

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