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Als das Phrasenschwein laufen lernte

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Von: Günter Klein

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Männer der ersten Stunde: Udo Lattek und Ralph Brückner. Foto: Imago images
Männer der ersten Stunde: Udo Lattek und Ralph Brückner. Foto: Imago images © imago/HJS

30 Jahre Deutsches Sportfernsehen - und immer wieder greift Uli Hoeneß zum Telefonhörer

Uli Hoeneß ruft am Sonntagvormittag im „Doppelpass“ an. Erregung live. Richtig, das war 2022, als die Runde beim wöchentlichen Fußball-Talk auf Sport1 dem Ehrenpräsidenten des FC Bayern München zu kritisch gegenüber dem Vereinswerbepartner Katar eingestellt schien. Doch Hoeneß hat sich auch früher schon in den „Doppelpass“ eingewählt – als die Telefone noch nicht smart waren und Sport1 anders hieß: Deutsches SportFernsehen, kurz DSF. Im Oktober 2000 polterte Hoeneß erstmals, es ging – legendär, ein Stück Geschichte – um den Kokainkonsum seines großen Gegenspielers Christoph Daum. Lange her, eine ganz andere Zeit – und Sport1/DSF ist sogar noch älter: Am Sonntag (22. Januar) feiert es den 30. Geburtstag mit einer Drei-Stunden-Ausgabe seines bekanntesten Formats, das es geschafft hat, zur Marke des Hauses zu werden.

Glückstreffer mit Darts

Im Januar 1993 legte das Deutsche SportFernsehen los. Die Zeit der Spartensender war angebrochen, es gab so viele ungenutzte Übertragungsrechte an diversen Sportarten. „Eurosport“ hatte 1989 angefangen und in Zweitverwertung Fußball-WM 1990 und Olympische Spiele 1992 zeigen dürfen. Mit dem „Sportkanal“ gab es einen Konkurrenten, der vor allem Konserven aus den USA ausstrahlte. Ein Vollprogramm mit deutschen Inhalten erschien dennoch wagemutig – und das ist das Deutsche SportFernsehen bis heute nicht geworden. Auf der Frequenz läuft beileibe nicht immer Sport, sondern ein skurriles Potpourri von kirchlichen bis softpornografischen Inhalten. Als der Bad Tölzer Hans Zach Bundestrainer der deutschen Eishockeyspieler war (1998 bis 2004) und der damalige DSF-Chef ihm auf einer Podiumsdiskussion vorhielt, die Jagd auf den schwer zu sehenden Puck sei nicht fernsehtauglich, fragte Zach in Anspielung auf das anrüchige Nachtprogramm: „Entschuldigung, welche Einschaltquote haben denn die ,Sexy Clips‘?“

Doch die Erotikschiene, die bisweilen barbusig moderierten Automarken-Rateshows oder das japanische Schadenfreude-Festival „Takeshi’s Castle“ trugen zur Bekanntheit des Münchner Senders bei, der seine Ursprünge in der Tele5-Gruppe hatte. Der „Doppelpass“, mit dem man Sport1 verbindet (wer in Deutschland kennt nicht das Phrasenschwein?), startete 1995. Um die Premium-Sportrechte konnte der Sender nicht mitbieten, gegen die großen Privaten, das aufkommende Pay-TV und die Öffentlich-Rechtlichen war er chancenlos – doch er landete seine (Glücks-)Treffer: 2. Fußball-Bundesliga am Montagabend, Wimbledon, als die anderen es nicht wollten (1999 immerhin 3,9 Millionen Zuschauer für Steffi Graf) – es gab sie, die Momente, in denen jedes vierte gerade eingeschaltete TV-Gerät im Land das DSF-Angebot zeigte.

Das richtige Gespür hatte man beim DSF auch 2004, als es in die Berichterstattung der Darts-Weltmeisterschaft einstieg. Die Pfeilewerferei – ist das überhaupt Sport? Egal. Mit den Jahren ist Darts zum Advents- bis Neujahrsprogramm geworden; als neulich der Saarländer Gabriel Clemens im Londoner „Ally Pally“ im Halbfinale auf die Scheibe zielte, schauten 3,78 Millionen zu. Es ist so, als säße eine Partei, deren Wahlergebnisse stets nur unter „Sonstige“ gelistet werden, in der Regierung.

Dem DSF, das sich 2010 ohne Reibungsverluste in Sport1 umbenannte und mit der unter diesem Namen bereits bekannten Internet-Plattform verschmolz, ist fast jeder schon begegnet. Im „Doppelpass“ saßen in der Corona-Zeit auch einige der aus den großen Talks vertrauten Politik-Nasen, und womöglich erinnert sich mancher daran, die wohl präsenteste Fernsehmoderatorin der Neuzeit zuerst im DSF gesehen zu haben: Barbara Schöneberger. Sie war DSF-Tennisreporterin. 1999. Noch bevor Uli Hoeneß erstmals im „Doppelpass“ anrief.

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