1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Almuth Schult und das Spiel der Engel

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Frank Hellmann

Kommentare

Sehnsüchtig erwartet: Nach der EM wechselt Almuth Schult zum US-amerikanischen Klub Angel City FC.
Sehnsüchtig erwartet: Nach der EM wechselt Almuth Schult zum US-amerikanischen Klub Angel City FC. © IMAGO/Eibner

Almuth Schult wird bei Angel City FC bald Teil eines Projekts, das eine globale Vorbildwirkung für den Frauenfußball haben soll. Kann das Vorbild für die Frauen-Bundesliga sein?

Almuth Schult kann sich freuen. Offenbar wird die deutsche Torhüterin beim US-Klub Angel City FC schon sehnsüchtig erwartet, sonst würde auf den Rängen ihres künftigen Arbeitgebers nicht schon eine Deutschland-Flagge wehen. Mitbegründerin Kara Nortman hat diese Bilder hochrangigen Gästen auf einem Uefa-Panel in London zum Abschluss der Frauen-EM präsentiert. Was eignet sich zur globalen Förderung des Frauenfußballs gerade besser als dieses hollywoodreife Pionierprojekt, von dem Klubpräsidentin Julie Uhrman sagt: „Wir wollen die Welt unterhalten.“ Die Kapitalgeberin Nortman klang am Grosvenor Square vergangenen Sonntag eher danach, die Welt verändern zu wollen.

Um mehr Gleichberechtigung geht es immer auch der vielfältig engagierten Schult, die sich in ihrer Rolle als unermüdliche Vorkämpferin in England arg zurücknehmen musste. Als Ersatztorfrau gehörte es sich nicht, Interviews zu geben; außer einer Kolumne waren von der 31-Jährigen keine Statements zu vernehmen. Schult fliegt am Montag nun mit Ehemann und ihren Zwillingen nach Los Angeles. Sportlich gibt es einiges zu tun: In der bereits im Frühjahr begonnenen Saison in der Nations Women’s Super League (NWSL) krebsen die „Engel“ auf dem siebten Platz herum. Doch für die höchst erfolgreiche Unternehmerin Nortman sind andere Zahlen wichtiger.

Es hat nicht viel gebraucht, um Natalie Portman zu überzeugen

16 000 Dauerkarten sind verkauft. Die Stimmung bei jedem Heimspiel ist prächtig, das Publikum bunt. Unter den 220 im Verein arbeitenden Personen seien 75 Prozent weiblich, 55 Prozent seien „coloured people“, farbige Leute, erzählte die Initiatorin. Auch wenn das Wappen in rosa gehalten ist, dominieren die Regenbogenfarben. Getreu dem Motto: „Wir können das Leben von Mädchen und Frauen in der Gesellschaft durch Fußball verbessern.“

Und dazu müssen, gerade in Hollywood, Geschichten mit Pathos erzählt werden. Nortman hat angeblich ein Abendessen in L.A. mit der Schauspielerin Natalie Portman gereicht, um das wichtigste Angel-Gesicht zu gewinnen. Den Antrieb bekam Portman von ihrem Sohn Aleph, wie die in Jerusalem geborene 41-Jährige einmal dem „Guardian“ sagte: „Als ich sah, dass mein Sohn Spielerinnen wie Megan Rapinoe und Alex Morgan genauso vergötterte, wie er es bei Lionel Messi oder Karim Benzema tat, wurde mir klar, dass die Unterstützung für weibliche Athletinnen die Kultur schnell verändern könnte.“

Prominente Unterstützung durch US-Sportstars - und viele andere

Inzwischen unterstützen Sängerin Christina Aguilera, YouTube-Star Casey Neistat, Sängerin Becky G, Skifahrerin Lindsey Vonn, Tennisstar Serena Williams, die US-Soccer-Ikonen Mia Hamm und Abby Wambach die Pionierinnen – und die Liste ist längst nicht vollständig. Schult taucht bald in ein Sammelbecken weltbekannter Persönlichkeiten ein. „Ich bin niemand, der Promis hinterherläuft, um ein Selfie zu machen, aber ich freue mich, wenn ich so bekannte Frauen kennenlernen darf“, sagte sie vor der EM.

Auch Amerika ist angeblich ganz gespannt auf die deutsche Meinungsführerin. Die Engel wollen weltweit etwas bewirken – dazu brauchen sie Botschafterinnen von allen Kontinenten. So fightet nicht nur die US-Weltmeisterin Christen Press für den Klub, sondern auch Alexandra Riley, Kapitänin vom Nationalteam aus Neuseeland, wo (zusammen mit Australien) die WM 2023 stattfindet. Längst stehen die Sponsoren bei so viel Strahlkraft Schlange. Konzerne wie der Sportartikelgigant Nike leisten tatkräftigen Support.

Die Erlöse sind drei Mal so hoch wie in der gesamten Frauen-Bundesliga

Mittlerweile seien 44 Millionen Dollar, so Nortman, auf diesem Weg zusammengekommen. Der US-Klub erlöst damit fast drei Mal so viel die gesamte Frauen-Bundesliga als Ertrag ausweist - das waren in 2020/2021 nämlich nur rund 15 Millionen Euro . Zehn Prozent von allen Einnahmen fließen bei Angel City FC generell an soziale oder gemeinnützige Projekte zurück. Das klingt genau nach dem, was Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg beim rauschenden Empfang am Römer ausgerufen hat. „Tragt die Werte, die wir vorgelebt haben, in unsere Gesellschaft. Dann wären wir ein Stück weit besser.“

Gut, dass DFB-Generalsekretärin Heike Ullrich oder Doris Fitschen, Leiterin des DFB-Projekts „Frauen im Fußball“, den Nortman-Vortrag gehört haben. Beide hatte vor der EM den Status quo beklagt: das sinkende Interesse mit einem Zuschauerschnitt unter 1000 bei Spielen der Frauen-Bundesliga, die geringe Resonanz bei Länderspielen oder die seit 2010 halbierte Anzahl der Mädchenteams.

So bekannt wie mal der FC Liverpool?

Nun kann sich wegen der der deutschen Strukturen nicht einfach ein bunter Haufen ein Spielrecht in der Bundesliga erkaufen – Borussia Dortmund hat mit seinen Frauen bewusst ganz unten angefangen – aber darum geht es eigentlich auch nicht. Auch Schult stellte die Haltung für ihren Wechsel heraus. So reizt die 64-fache Nationaltorhüterin einerseits zwar die sportliche Herausforderung („weil die amerikanische Liga super ausgeglichen ist“), anderseits die übergreifende Philosophie („dieser Verein hat einen Auftrag, den ich gerne begleite“). Wird sie bald sagen: gesucht und gefunden?

Die Angel-Idee entstand übrigens, als Nortman mit ihrer Tochter ein Spiel der Fußball-WM 2015 in Vancouver besuchte. Damals waren beide in Kanada begeistert, aber als sie in Kalifornien nach einem Klub suchten, fanden sie nur Brachland. Danach habe sie „100 Spielerinnen gestalkt, 100 Gespräche geführt“, bis die Türen aufgingen. Heute glaubt die 46-Jährige, dass Angel City FC mal eine „so bekannte Marke wie der FC Liverpool und die Dallas Cowboys wird“. Warum sie nicht daran zweifelt? „Meine Tochter hat mich gerade gefragt, wann wir im Männerfußball einen solchen Klub gründen.“

Auch interessant

Kommentare