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Almuth Schult ist die Nummer 1 im deutschen Tor.

Interview

Almuth Schult: „Birgit Prinz hat mich damals beneidet“

Torhüterin Almuth Schult über die WM in Frankreich und ihre schlechten Erinnerungen an die Heim-WM 2011.

Almuth Schult ist seit 2015 die Stammtorhüterin der deutschen Frauen-Nationalmannschaft. Die 28-Jährige ist zusammen mit ihren Vereinsgefährtinnen Lena Goeßling und Alexandra Popp vom VfL Wolfsburg die Einzige aus dem 23-köpfigen Aufgebot, die bereits die WM 2011 in Deutschland miterlebt hat.

Frau Schult, die Frauen-Nationalmannschaft hat vor der WM mit einem frechen Werbespot, in dem auch der Satz fällt, „Wir haben keine Eier – wir haben Pferdeschwänze“, für Aufmerksamkeit gesorgt. Gehört das auch zum Umgangston im deutschen Team?
Nein, das ist kein typischer Spruch bei uns, aber ich finde ihn lustig. Ehrlich: Das ist doch Fußballerjargon, es wird auch mal unterhalb der Gürtellinie geredet. Ich glaube, dass sich gerade Alltagskicker in der Wortwahl wiederfinden. Jemand kann es geschmacklos oder lustig finden. Es gibt ja viele Interpretationsmöglichkeiten, wenn Frauen sagen: ‚Ey, wir haben auch was – wir haben Pferdeschwänze.‘ Unglaublich viele Menschen haben mich darauf angesprochen. Man schickt sich den Spot an den Arbeitsstätten hin- und her, obwohl diese Leute oft mit Frauenfußball nichts am Hut haben. Das ist doch toll.

Wie wollen Sie diese freche Botschaft in die WM tragen?
Wir können nicht 10 000 Baustellen haben. Jetzt wollen wir sportlich frech sein. Das Wichtigste ist jetzt, dass wir nach nur einem Lehrgang schnell zusammenfinden und einen Teamgeist entwickeln. Es wird eine anstrengende Zeit, wenn wir nach jedem Spiel die Stadt und das Hotel wechseln. Wir spielen von West nach Ost, von Nord nach Süd – und Frankreich ist ein großes Land.

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Was erwarten Sie vom Gastgeber?
Ich habe den Eindruck, dass Frankreich eine große Euphorie für dieses Ereignis aufbringt. Ich habe mit Elise Bussaglia (ehemalige französische Nationalspielerin mit 187 Länderspielen, die beim VfL Wolfsburg unter Vertrag stand, Anm. d. Red.) Kontakt, die mir berichtet, dass etwas Tolles entsteht. Der Vorverkauf läuft gut und unser zweites Gruppenspiel gegen Spanien soll schon fast ausverkauft sein. Dazu kommt der französische Nationalstolz: Sie haben ihre Frauen im Fußball für sich entdeckt wie es 2011 bei uns auch war. Ich hoffe nur, dass die Franzosen so klug sind, dass sich etwas Nachhaltiges entwickelt.

Bei der WM 2011 in Deutschland ist weniger hängengeblieben als erhofft. Im Nachhinein konnte man fast den Eindruck gewinnen, es wurde vor acht Jahren ein riesengroßer Luftballon aufgeblasen, aus dem all die Luft entwichen ist. Zumindest hierzulande.
Es war 2011 erst einmal toll. Was gibt es Schöneres, als zum Eröffnungsspiel ins ausverkaufte Olympiastadion einzulaufen. Mit einer eigenen Choreografie für die Frauen. Das war unfassbar. Aber diese hohe öffentliche Aufmerksamkeit war völlig neu für uns, das kannten wir so noch nicht und damit konnten wir schwer umgehen. Wir wollten damals alles mitnehmen, um die Aufmerksamkeit erhöhen.

Welche Erinnerungen haben Sie als dritte Torhüterin noch an die Heim-WM vor acht Jahren?
Dass ich die einzige Spielerin aus dem WM-Kader war, die sich unerkannt und frei bewegen konnte. Wenn ich durch Düsseldorf mit dem Fahrrad gefahren und durch Berlin spaziert bin, wusste niemand, wer ich bin. Ich habe den ganzen Hype mehr von außen beobachtet, aber ich habe mit den anderen Spielerinnen mitgefühlt, wenn sie keinen Schritt tun konnten, ohne beobachtet zu werden. Birgit Prinz hat mich beispielsweise damals darum beneidet. Ich weiß, dass einige heute mit gemischten Gefühlen an diese WM zurückdenken.

Interview: Frank Hellmann

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