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Allianzen schmieden

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Von: Daniel Schmitt

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Die letzte WM für Dänemark? Schwer vorstellbar, laut den Worten von Verbandsboss Jesper Möller aber möglich. imago images
Die letzte WM für Dänemark? Schwer vorstellbar, laut den Worten von Verbandsboss Jesper Möller aber möglich. imago images © Imago/Bildbyran

Der dänische Verband erwägt nach der WM den Austritt aus der Fifa und sucht nach Verbündeten / DFB will nicht für Infantino stimmen.

Der kleine Jobbe aus Taastrup sollte dann auch noch etwas sagen zum großen Thema dieser Fußballweltmeisterschaft, das so wenig mit Fußball zu tun, und so viel mit allem anderen, mit Menschenrechten, mit Frauenrechten, mit toten Arbeitern, mit Korruption, mit Symbolik, mit Kapitänsbinden. Nun ist der Jobbe aus Taastrup, einem Vorort von Kopenhagen, zwar ein dufter Typ, gewitzt, verbal schlagfertig, doch was sollte er, der bei der WM-Vergabe nach Katar gerade zehn Jahre jung war, denn bitte zusätzlich Werthaltiges beitragen. Ist doch langsam alles gesagt. Also schwieg Jesper Lindström, so sein voller Name, der dänische Fußballer in Diensten von Eintracht Frankfurt. Verständlich.

Stattdessen übernahm der Mediendirektor des dänischen Fußballverbandes Dansk Boldspil-Union (DBU), Jakob Höyer, auf der Pressekonferenz: „Ich werde diese Frage beantworten. Wie ich bereits sagte, sind wir hier, um über Fußball zu sprechen. Wir wollen über das Spiel am Samstag gegen Frankreich sprechen.“

Noch nie zuvor bei einer Fußball-WM wurde auf derart vielen Spielfeldern agiert, auf dem Rasen von den Spielern sowieso, vor allem aber in den Hinterzimmern von den Funktionären. Die Diskussionen, die sich jüngst vorwiegend um die „One Love“-Binde drehten, die am Dienstag die deutsche Innenministerin Nancy Faeser sowie die belgische Außenministerin Hadja Lahbib im Stadion vor den Augen von Fifa-Impresario Gianni Infantino um den Arm trugen, bleiben beherrschendes Thema. Vor allem in Dänemark.

Der DBU-Verbandschef Jesper Möller erklärte nun, gar über einen Austritt aus der Fifa nachzudenken. Im Interview mit „The Athletic“ sagte er: „Das ist keine Entscheidung, die wir jetzt getroffen haben. Unsere Position ist schon seit langem klar. Wir haben das im Norden seit August diskutiert.“ Nun sei der Zeitpunkt gekommen, die Überlegungen zu vertiefen. Er, Möller, könne sich zwar vorstellen, „dass es Herausforderungen geben könnte, wenn Dänemark von sich aus geht. Aber mal sehen, ob wir nicht einen Dialog über die Dinge führen können. Ich muss über die Frage nachdenken, wie das Vertrauen in die Fifa wiederhergestellt werden kann.“ Und weiter: „Wir müssen auswerten, was passiert ist, und dann müssen wir eine Strategie entwickeln. Auch mit unseren nordischen Kollegen.“ Gemeint ist vor allem Norwegen, dessen Team sich zwar nicht für die WM qualifizierte, deren Verbandschefin Lise Klaveness aber bereits im Frühjahr bei einem Fifa-Kongress als mutigste, weil lauteste Kritikerin des Weltverbandes und insbesondere von Präsident Infantino aufgetreten war.

Was ein Austritt mutmaßlich bedeuten würde: Dänemark dürfte dann nicht mehr an von der Fifa ausgerichteten Wettbewerben teilnehmen, auch nicht an Weltmeisterschaften. Es blieben die Titelkämpfe des europäischen Verbands Uefa, EM und Nations League. Noch ist es schwer vorstellbar, dass es tatsächlich zu einem derartigen Bruch kommen wird, das Signal aber ist unmissverständlich gesendet: Bis hierhin und nicht weiter, wir treten ab sofort mehr denn je für unsere Werte ein. In Telefonschalten, aber wohl auch in persönlichen Hinterzimmertreffen wird in Katar dieser Tage vehement um Verbündete gebuhlt, auch der Deutsche Fußball-Bund ist in Gesprächen mit der DBU. Das Problem: Ihre Macht ist beschränkt.

Bei der nächsten Präsidentschaftswahl der Fifa am 16. März 2023 hat Infantino keinen Gegenkandidaten, seiner dritten Amtszeit steht nichts im Wege. Zumal sich der 52-Jährige der Unterstützung der großen Konföderationen aus Asien und Afrika recht sicher sein darf. Gewählt wird von bis zu 211 Fifa-Mitgliedsverbänden.

„Wir müssen jetzt reagieren. Wir haben das Gefühl, dass wir das wirklich müssen. Wir müssen sehen, ob es doch noch einen neuen Kandidaten gibt“, entgegnet DBU-Boss Möller. Bloß: Die Frist für Bewerbung ist abgelaufen. Eine schwierige Ausgangslage also. Immerhin: Mit Dänemark, Norwegen und Deutschland haben drei Verbände verkündet, Infantino im kommenden Jahr nicht zu unterstützen. „Darauf möchte ich deutlich hinweisen“, sagte DFB-Präsident Bernd Neuendorf.

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