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Voll retro: Diese Frau macht doch tatsächlich mit einer Kamera ein Foto im Luschniki-Stadion in Moskau.

Fußball-WM 2018

Alles fließt in Moskau

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Ein Streifzug durchs WM-trunkene Moskau, wo die Menschen in der Metro Fußball schauen und sich derzeit keiner fragt, was bleibt, wenn die große Party zu Ende ist.

Wadim mag keinen Fußball. Seine Freundin hat ihn gerade verlassen. Doch selbst wenn seine Freundin ihn nicht verlassen hätte, sagt Wadim, würde er keinen Fußball mögen. Eto wsjo. Das ist alles, was ich über ein Paar erfahre, das offenbar keines mehr ist. Und fast alles über einen Mann, der Mitte dreißig oder Mitte vierzig sein könnte. Ein Lehrer vielleicht, weil er so ein braunes Cordsakko trägt und eine Kassenbrille zu seinem kantigen Gesicht. Ich weiß aber nicht, ob russische Lehrer auch braune Cordsakkos und Kassenbrillen tragen wie die Lehrer, die ich aus meiner Schulzeit kenne. Vielleicht ist Wadim ja Handwerker, denke ich, weil seine Hände nach harter Arbeit aussehen, aber nicht so grob geschnitzt sind wie die eines Bauarbeiters. 

Wadim beantwortet keine Fragen, außer eben, sdrastwujte, dass er Wadim heißt und aus nachvollziehbaren Gründen in Ruhe gelassen werden möchte. Er wird während der Fahrt nur auf sein Smartphone starren, während ich zufällig neben ihm sitze. Er wird mit beiden Daumen Sätze ins Display tippen und viele Fragezeichen hineinwuchten. Er wird Apps öffnen, wieder schließen, wird sich durch Bilderwelten scrollen, Ausschnitte größer ziehen, wieder kleiner, wird sie wegwischen und verjagen wie Geister, die ihn rufen. Manchmal wird Wadim Dinge sagen, eher murmeln, als würde er mit sich selbst sprechen. Dinge, die ich nicht verstehe. Verrückte führen Selbstgespräche, denke ich. Wadim ist nicht verrückt. Nur ist das ist noch unklar, als die Metrofahrt beginnt. 

Irgendwann höre ich auf, mir auszumalen, wer Wadim sein könnte, wie die Frau aussieht, die ihn nicht mehr haben will, und warum sie das an einem so sonnigen Tag entschieden hat. Ich bin nicht deswegen an der Station Komsomojskaja eingestiegen. Linie eins, die rote, die von rechts oben nach links unten durch Moskau fährt wie das Messer, das einen Kuchen mittig teilt. Ich bin nicht hier, um Beziehungsprobleme zu lösen. Ich will Fußball gucken. Neben der Tür hängt ein Bildschirm. In Sotschi spielt Belgien gegen Panama. Unten im Livebild läuft ein Spruchband: „Watch football matches in the Moscow metro trains. Do not miss a thing!“ 

Es ist Montagabend und in diesem Wagon kein Sitzplatz frei. Die Sitzplatzverteilung folgt besonders anständigen Regeln: Alter vor Jugend, Frau vor Mann – immer. Im Gang stehen daher nur junge Männer. Ein Mexikaner, der seine Landesfahne umgebunden hat wie ein Superheld oder nur Weltmeisterbezwinger. In seiner Hand läuft wohl ein Video. Ich sehe es nicht. Doch ich höre und ahne, worum es geht.

Die WM 2006 war die letzte ohne Smartphones

Dann zwei Polen mit weißen Adlern am Herzen und roten Flecken im Gesicht, die irgendwas auf Instagram posten. Und dazwischen eine Gruppe Engländer, die anscheinend alle wie Harry Kane sein wollen und unterwegs sind zum Fifa Fan Fest, wo später das Spiel gegen Tunesien übertragen wird. Becher links, Smartphone rechts. Sie haben noch Stationen vor sich. Etwa zwölf Unterweltenkilometer oder das Doppelte an Minuten. Wadim wird in sieben aussteigen. Wadim wischt.

Ich habe irgendwo und nur nebenbei zwischendurch von einem Erdbeben gelesen. Nicht dem in Japan. In Mexiko. Ein gigantisches Erdbeben war das sogar, das im Internet stattgefunden haben soll. Wie bescheuert, dachte ich. Doch mit jeder Metrofahrt und nach jedem schweifenden Blick über Moskaus Parks, Plätze und Pressetribünen kommt mir dieser Vergleich nicht mehr so unpassend vor. Jedenfalls, wenn ich mir all die Daten, Bytes und Bits tatsächlich als Masse vorstelle, als einen riesigen Klumpen aus Wörtern und Bildern, Hashtags und Emojicons, die plötzlich aus dem Nichts entstehen und verbreitet werden, nur weil am anderen Ende der Welt ein Tor gefallen ist. Ja, so etwas könnte die Erde zum Beben bringen. 

Die Weltmeisterschaft in Deutschland war die letzte ohne Smartphones, die bei uns erst ein Jahr später auf den Markt kamen. Vor vier Jahren in Brasilien wurden 35,6 Millionen Tweets zum Finalspiel #BRAGER versendet. 672 Millionen während des gesamten Turniers. Die Weltmeisterschaft in Russland wird einen neuen Rekord aufstellen. Vielleicht hat sie es schon längst. Denn sie ist die erste, die mehr online ausgetragen wird als offline im Stadion oder vor dem Fernseher. Dort sitzt man heute mit dem Second Screen in der Hand, verfolgt Liveticker, liest Newsletter, hört Podcasts und kommentiert oder teilt und liket, was andere kommentieren und teilen oder liken. Es geht ein Regen aus Sternchen und Herzchen nieder. Der Informationsfluss auf Facebook, Instagram, Twitter reißt einfach nicht ab, spült die Aufmerksamkeit mal hierhin, mal dorthin. 

Ich war noch keine halbe Stunde in Moskau, und schon hatte ich: „Unlimited Internet.“ Das hatte der SIM-Kartenverkäufer mit hart gerolltem R am Flughafen versprochen. Und es war keine übermäßige Übertreibung. Das Internet kann grenzenlos sein, wenn der Zugang nicht gelenkt wird wie Zuschauer vor den Stadien. Oder wenn die für Meinungseinheit zuständigen Behörden in Russland nicht versuchen, den Messengerdienst Telegram zu blockieren. Was ihnen nicht so recht gelingen mag. 

Die Freiheit, mich theoretisch jedem auf dieser Welt mitzuteilen, hat knapp fünfzig Euro gekostet und gilt zunächst einen Monat. Seitdem muss ich mich manchmal selbst daran erinnern, dass nicht alle gezwiebelten Türmchen oder unterirdischen Rolltreppenfahrten, nicht alle achtspurigen Schnellstraßen und verrosteten Ladas fotografiert, mit Filtern bearbeitet und verschickt werden müssen. Ich will eigentlich auch nicht jede Metrostation nach Büsten von Puschkin, Gorki oder Lenin absuchen, um sie unter #MetroPanini zu twittern, als wären sie Fußballer und ich dabei, mein Sammelalbum zu füllen. Die doppelten Lenins nerven. Ansonsten macht es Spaß. Und manchmal scheint ja auch Wadim auf mein Smartphone zu schielen, wenn seine Daumen kurz zur Ruhe kommen.

Ich habe viel gelacht in den vergangenen Tagen. Da – wo eigentlich noch mal? – war dieser deutsche Fan mit einem Deutschlandtrikot, und auf seinem Rücken stand in fehlerfreiem Kyrillisch, dass er nicht verheiratet sei. Da war dieser russische Polizist, dem eine Mexikanerin einen Sombrero aufgesetzt hatte. Und natürlich sind da all die Schnappschüsse von Wladimir Putin. Putin als T-Shirt-Motiv, wie er einen Hundewelpen streichelt, einen Bären reitet, mit Sonnenbrille oder Pilotenhelm oder beiden so viel Coolness und Kraft vereint. Putin als Cover für das Smartphone nicht zu vergessen. Vielleicht kaufe ich es. Nehme auch Bestellungen auf. 

Doch so lustig ist es nicht immer. Die Welt mag gelacht haben über den russisch-mexikanischen Polizisten und vielleicht gedacht haben, dass diese Weltmeisterschaft ein autoritäres Land lockern, verändern kann. Der für mich wichtigste Kommentar, den ich – und wo war das schon wieder? – gefunden habe, war nicht tausendfach geherzt worden. Dort stand, dass man sich besser nicht vorstellen sollte, was passieren könnte, wenn die Party bald zu Ende ist. Wenn der Informationsfluss wieder umgeleitet wird zu einem anderen Weltevent und ein Russe dann auf die Idee kommt, einen Diener der Staatssicherheit zu verkleiden. Um ihn zu fotografieren und ins Netz zu stellen, wo der Staat nicht immer kontrollieren kann, wer dieses Bild wie kommentiert oder in welchen politischen Kontext mit Foto Shop montiert. 

Seltsame Smartphonisierung der WM

Manchmal ist die Smartphonisierung dieser Welt und ihrer Weltmeisterschaft nur seltsam. Zum Beispiel auf dem Fan Fest, wo Fifa und Putin sich die schönen Massenbilder wünschen, die jeden Oppositionellen in Russland sprachlos machen müssen. Oben auf den Sperlingsbergen also, die allenfalls Hügelniveau erreichen, kommt man dem nahe, was Fifa-Präsident Gianni Infantino – #Putinfantino – bei der Eröffnungsfeier angedroht hatte: Dass Fußball Russland erobern wird.

Auf den Sperlingshügeln befindet sich die Moskauer Universität MGU, unverwechselbar der Zuckerbäckerstil. Die Studierenden wurden nicht gefragt, ob sie Lust darauf haben, Kulisse zu spielen. Proteste brachten einige kurzzeitig ins Gefängnis. Von hier oben gibt es auch einen wunderschönen Blick über die Stadt. Ein romantisches Plätzchen, und ich stelle mir vor, wie Wadim und seine Freundin Arm in Arm in den Sonnenuntergang schlendern und an der Brüstung halten, wo ich neulich einen Brasilianer getroffen habe. 

Im Hintergrund, wo Fußballfans sich vor drei Leinwänden versammeln, fiel gerade ein Tor, man konnte einige Hundert Meter entfernt den Jubel hören. Auf seinem Smartphone war der Spielzug, der zum Tor führte noch im Entstehen. Mit etwa zwanzig Sekunden Verspätung hatten die Livebilder auch ihn erreicht. Warum er nicht da hinten guckt, wollte ich wissen. Der Brasilianer sagte: „Weil der Ausblick so schön ist.“ 

Die Metro lässt wieder ihren Bremsschrei los. „Haben Sie beobachtet“, fragt mich Wadim kurz vor der Station Park Kultury, „dass ich Bilder gelöscht habe?“ Nein, versuche ich zu lügen. Er lässt sein Smartphone in der Tasche verschwinden, blickt mir zum ersten Mal, seitdem ich mich neben ihn gesetzt hatte, in die Augen. Erst jetzt sehe ich, dass seine gerötet sind. Er sagt etwas, bevor er aussteigt, aber ich verstehe es nur in Fetzen. Waschno. Wichtig. Moment. Die Bremsen heulen. Dazwischen ein Verb, das nach sochronit klingt und speichern bedeuten könnte. Dann legt Wadim seinen Zeigefinger dorthin, wo er wohl sein Herz vermutet. Und tippt es an, als wäre es ein Speicherknopf.

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