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Alles angerichtet für den Weltmeister

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Von: Jan Christian Müller

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Kennt sich aus in Eppan: Bundestrainer Joachim Löw im Jahr 2010 mit seinen Auserwählten.
Kennt sich aus in Eppan: Bundestrainer Joachim Löw im Jahr 2010 mit seinen Auserwählten. © Imago

Die deutsche Nationalmannschaft beginnt mit der WM-Vorbereitung im Trainingslager in Südtirol. Sogar eine Laufweg-Sonderlinierung wartet auf die Nationalmannschaft im Camp nahe Bozen.

Auf Rainer Ernst ist stets Verlass. Am Dienstag ist der Rasenfachmann vom Frankfurter Flughafen aus pünktlich nach Südtirol gedüst. Als Vorhut vor der am Mittwochnachmittag dort landenden, noch erheblich dezimierten Nationalmannschaft, die sich bis zum 7. Juni in Eppan nahe Bozen auf das Großprojekt Titelverteidigung vorbereitet. 

Wahrscheinlich gibt es weltweit keinen kundigeren Experten auf seinem Gebiet als den Offenbach beheimateten Landschaftsarchitekten mit Büro in Frankfurt. Ernst hat schon bei der WM 2006 im Auftrage der Fifa alle zwölf Stadien professionell begrünt, er hat 2014 unweit des berühmten Campo Bahia in Brasilien praktisch aus dem Nichts einen top-bespielbaren Trainingsplatz für den späteren Weltmeister gebastelt und kümmert sich seit Monaten schon um das DFB-Übungsgelände in Watutinki vor den Toren von Moskau, wo auf dem Trainingsgelände von Gastgeber ZSKA Moskau ein Hybridrasenplatz gepflanzt ist, „Fünf Prozent eingetuftete Kunststoffrasenfasern in hundert Prozent Naturrasen“, erklärt Ernst zufrieden. „Beste Voraussetzungen!“. 

Im aufwendig aufgepeppten Sportzentrum Rungg in Eppan, wo Joachim Löw seine Männer schon 2010 für die WM in Südafrika mächtig in Schwung brachte, ist Rainer Ernst im Frühjahr mehrfach vor Ort gewesen. Gestern folgte die Endabnahme von drei Feldern: zwei Plätzen fürs Mannschaftstraining sowie einem kleineren für die Torhüter. „Alles bestens, ein Top-Standort“, vermeldet Ernst über die sorgsam gepflegte Anlage am Waldrand, nachdem auch die Sonderlinierung für die Laufwege durchgeführt wurde. Nichts wird dem Zufall überlassen,   Dafür, dass sich der mächtige DFB-Tross mit Sack und Pack in Eppan wohlfühlen möge, steht vor allem Manfred Call. Der 63-Jährige ist ein auffällig umtriebiger Mann und bereits zum vierten Mal Projektleiter eines DFB-Trainingslagers in Südtirol. Der Bozener erinnert sich nur allzu gern an das erste von ihm organisierte Camp am kaum zehn Kilometer von Eppan gelegenen Kalterer See: „Ich habe damals sogar im Mannschaftshotel übernachtet. Links im Zimmer Sepp Maier, rechts Pierre Littbarski. Der Sepp ist nie vor eins ins Bett gegangen, und ich musste um zwanzig nach sechs schon wieder raus. Da kam immer ein Kühltransporter aus dem Allgäu mit frischem Joghurt. Wenn ich daran zurückdenke, kommt es mir vor, als wäre es hundert Jahre her.“ Tatsächlich war das 1990.

 Es folgten Trainingslager 2010 in Eppan und 2014 im Passeiertal, das medial als „Chaos-Camp“ Schlagzeilen machte. Für Negativschlagzeilen sorgten: Vier bestenfalls eingeschränkt spielfähige Führungskräfte (Manuel Neuer, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira), das Bekanntwerden des halbjährigen Führerscheinentzugs für Joachim Löw, die erst dort öffentlich gewordene Pinkelaffäre des damaligen Nationalspielers Kevin Großkreutz nach dem Pokalfinale in der Lobby eines Berliner Hotels sowie die schwere Kollision des Rennfahrers Pascal Wehrlein samt zwei Nationalspielern im Auto mit einem deutschen Touristen bei einer Werbefahrt für den DFB-Partner Mercedes Benz. 

Nationalmannschafts-Psychologe Hans-Dieter Hermann berichtete im Nachgang, das Binnenklima sei dennoch stets bestens gewesen, die Draufsicht der Reporter mit der zugespitzten Interpretation „Chaos-Camp“ somit eine grundfalsche. Jedenfalls wurde Deutschland ein paar Wochen später Weltmeister, aber sicherlich braucht Joachim Löw ähnliche Ärgernisse so wenig wie eitrige Furunkel am Hintern. 

Noch nicht alle an Board

 Zu jener Reisegruppe, die heute von Frankfurt aus mit einem Sonderflug nach Bozen fliegt, gehören bei weitem nicht alle Spieler. Toni Kroos fehlt ohnehin, da der Mittelfeldspieler am Samstag mit Real Madrid noch königliche Aufgaben beim Champions League-Finale in Kiew zu verrichten hat, auch die Münchner Mats Hummels, Thomas Müller, Joshua Kimmich, Niklas Süle und Jerome Boateng sowie Marc-Andre ter Stegen vom FC Barcelona und Antonio Rüdiger vom FC Chelsea, die beide wie der FC Bayern am Wochenende noch im Einsatz waren, brauchen erst am Freitag in Eppan aufzuschlagen. 

 Dort hat sich der DFB komplett ins frisch renovierte Hotel Weinegg inmitten von Weinbergen eingemietet, die Presseentourage in etwas schlichteren Herbergen in unmittelbarer Umgebung. Mit dem Mountainbike sind Trainer und Spieler binnen fünf Minuten am Trainingsplatz, wenn sie ordentlich in die Pedalen treten. Dort wartet Rainer Ernst, natürlich bestgelaunt. 

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