Auch im Nationalteam gesetzt: Lena Oberdorf aus Essen. afp
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Auch im Nationalteam gesetzt: Lena Oberdorf aus Essen. afp

Lena Oberdorf

Alle Augen auf das Weltklassetalent Lena Oberdorf

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Lena Oberdorf steht im Pokalfinale mit der SGS Essen gegen ihren künftigen Klub VfL Wolfsburg im Blickpunkt – die 18-Jährige imponiert mit Abgeklärtheit.

Für Markus Högner ist die Entwicklung junger Fußballerinnen längst eine Art Lebensaufgabe geworden. Vor zehn Jahren fing der frühere Spieler von Alemannia Aachen und einstige Spielertrainer der deutschen Beachsoccer-Nationalmannschaft als Coach beim Frauen-Bundesligisten SGS Essen an. Nach Abstechern als Assistent von Steffi Jones bei der Frauen-Nationalmannschaft und Co-Trainer beim VfL Wolfsburg, kümmert sich der 53-Jährige längst wieder um die Talente in einem „Wohlfühlverein“, wie er sagt. Auf eines ist der Coach besonders stolz: Lena Oberdorf. Die 18-Jährige sei nicht weniger als „ein Weltklassetalent“ . Fußballerisch enorm veranlagt, körperlich erstaunlich erwachsen. Und mit den Lobeshymnen ist Högner nicht allein. Es kann sogar der Eindruck aufkommen, der Teenager solle mal schnell den gesamten deutschen Frauenfußball aus der Talsohle führen.

Gut, dass die Protagonistin selbst recht gelassen bleibt. Lesen tut sie angeblich über sich gar nicht so viel. „Ich achte auf das, was auf dem Fußballplatz passiert. Alles andere ist Bonus, da lege ich nicht so viel Wert drauf“, sagte die Allrounderin dem „Sportinformationsdienst“. Der Rummel um die aus Gevelsberg stammende Fußballerin ist irgendwie unvermeidlich, wenn die SGS Essen als Außenseiter in das DFB-Pokalfinale gegen den VfL Wolfsburg (Samstag 16.45 Uhr/ARD) geht: Es wird ihre Abschiedsvorstellung gegen ihren künftigen Arbeitgeber. Obwohl es im Frauenfußball immer noch unüblich ist, dass Spielerinnen aus laufenden Verträgen gekauft werden, standen die internationalen Interessenten Schlange.

Es war nicht selbstverständlich, dass Oberdorf schlussendlich beim VfL einen Vertrag bis 2023 unterschrieb. Letztlich sei eine gute Lösung für alle Beteiligten gefunden worden, verrät Högner. Eine Entschädigung im hohen fünfstelligen Bereich, die nicht ganz an die bisherige Rekordablöse für Mandy Islacker bei ihrem Wechsel 2017 vom 1. FFC Frankfurt zum FC Bayern heranreicht, habe dafür gesorgt, „dass unsere Arbeit auch mal belohnt wird“, findet Essens Ausbilder. Ferner gehen auch die deutschen Nationalspielerinnen Lea Schüller, Marina Hegering (beide FC Bayern) und Turid Knaak (Ziel unbekannt). Högner ist deswegen aber niemandem böse: „Wir werden immer der Klub sein, wo die Talente ihren ersten und zweiten Schritt machen.“ Wobei Oberdorf ihrer Zeit zuletzt so weit voraus war, dass auch ihr Vereinsförderer mitunter staunte.

Die frisch gebackene Abiturientin – Notenschnitt von 2,5 – ist mit so vielen Anlagen gesegnet, dass Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg sie noch vor der Corona-Krise zur neuen Abwehrchefin ernannte. Imponierend wirkt ihre Abgeklärtheit auf allen Ebenen. Gegen ihren neuen Klub anzutreten, sei ein komisches Gefühl, „aber mein Herz schlägt im Moment noch klar für die SGS.“ Blöd nur, dass Freunde und Verwandte nicht in Köln zusehen können, weil Zuschauer nicht zugelassen sind.

In Köln ohne Zuschauer

Dabei hat sie beim letzten Länderspiel vor fast 80 000 Menschen im Londoner Wembleystadion die deutsche Abwehr zusammengehalten. Im vergangenen Sommer löste sie mit 17 Jahren und 171 Tagen im französischen Rennes sogar Birgit Prinz als jüngste deutsche WM-Spielerin aller Zeiten ab. Zimmerkollegin im Nationalteam ist die Wolfsburgerin Alexandra Popp, die über ihre künftige Vereinskameradin sagte: „Ich muss gestehen, dass ich in Lena manchmal mich selbst erkennen und wie ich früher so war. Man kann sich da auf einen sehr coolen Typ Mensch freuen.“ Ehrgeizig, aber nicht verkrampft.

Die Bodenständigkeit ist ihr im Elternhaus vermittelt worden, und es war bestimmt nicht verkehrt, so lange mit den Jungs der TSG Sprockhövel zu kicken, wo „Obi“ nicht nur einmal die Ellbogen ausfahren musste. Ihr großes Plus ist die Vielseitigkeit: Sie kann im Grunde auf allen zentralen Positionen Führungsaufgaben übernehmen. Doch um den siebten Pokalsieg des Favoriten zu verhindern, weiß Högner, brauchte er eigentlich elf Oberdorfs.

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