+
Richtig bedient: Schalkes Trainer Domenico Tedecso geht nach dem Spiel auf Abstand zu seinen Spielern.

Schalke 04

Alarmstufe Königsblau

  • schließen

Nach dem Fehlstart mit vier Niederlagen hängt beim FC Schalke 04 der Haussegen schief.

Die blau-weiße Arena auf dem Berger Feld hatte sich weitgehend geleert, die Bayern waren längst auf dem Weg zum Flughafen, da trat Domenico Tedesco mit tapferer Miene seitlich vor den Spielertunnel. Die heikle Lage seiner Mannschaft nach dem 0:2 gegen souveräne Münchner hatte Schalkes Cheftrainer zuvor bereits in epischer Breite erörtert. Im Kellergeschoss des Stadions sezierte der höfliche 33-Jährige die zahlreichen Probleme des Vorjahreszweiten nun noch ein letztes Mal – und lieferte zum Feierabend zudem einen echten Lacher, der zugleich viel über das aktuelle Lebensgefühl bei Königsblau aussagt. 

Nach dem 1:2 in der Vorwoche in Gladbach, erzählte Tedesco, habe sich der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies ihm gegenüber einen Spaß erlaubt und gesagt: „Jetzt haste noch zwei.“ Noch zwei Niederlagen – bis der Horrorstart unter seinem Vorgänger Markus Weinzierl egalisiert ist. Der startete vor zwei Jahren mit fünf Niederlagen, coachte die Mannschaft bis zum Saisonende auf Rang zehn und musste dann gehen – aufgrund fehlender sportlicher Entwicklung.

Mit der Pleite gegen die Bayern ist Tedesco bei vier Niederlagen angelangt, am Dienstag steht die Auswärtspartie beim SC Freiburg an. „Es fühlt sich genauso unangenehm an wie vor zwei Jahren“, berichtet Christian Heidel, mit Verweis auf den zentralen Unterschied zum Frühherbst 2016 streckt der Manager aber zugleich die Finger schon mal dezent Richtung Notfallknopf aus: „Für Markus Weinzierl war damals alles neu hier, für mich war alles neu. Nun ist es eine ganz andere Situation, denn wir haben das Team gemeinsam zusammengestellt. Deshalb ist die Enttäuschung jetzt fast noch größer.“ 

Für die enorme Ernüchterung sorgt vor allem die verlorene Souveränität in der Defensive. Bei den Niederlagen in Wolfsburg, Gladbach und jetzt gegen die Bayern gerieten die Knappen immer durch Kopfballtreffer nach Eckbällen in Rückstand, der leidenschaftliche Taktiker Tedesco stößt bei der Lektion ‚Standards verteidigen‘ bei seinem Personal offenkundig auf taube Ohren. 

Der Coach erläutert zwar, in besagten drei Fällen habe es sich jeweils um unterschiedliche Situationen und Abwehrfehler gehandelt – was die Sache nicht besser macht. 

In der Vorsaison kassierten die Gelsenkirchener im Schnitt ein Gegentor pro Spiel, aktuell haben sie die Quote verdoppelt. Parallel dazu klemmt es auch weiterhin gewaltig bei dem Vorhaben, die eigenen Stürmer künftig besser und vor allem mehr zu füttern. Gegen München blieben die Angreifer Mark Uth und Breel Embolo völlig wirkungslos. „Uns fehlt der Punch nach vorne“, gesteht Tedesco. „Wir hätten mehr aus unseren vielen Balleroberungen machen können, haben nicht viele Chancen kreiert“, analysierte Neuzugang Sebastian Rudy, der beim frühen 0:1 den Kolumbianer James Rodriguez entwischen ließ. 

Zusätzliche Hiobsbotschaft für Tedesco: Der 20-jährige Weston McKennie, zuletzt einer der wenigen Lichtblicke, musste gegen den FCB humpelnd vom Feld. Nach Klubangaben vom Sonntag erlitt der 20-Jährige aber nicht den zunächst befürchteten Beinbruch, sondern eine schwere Muskelprellung mit Einblutung am linken Unterschenkel. 

In dieser angespannten Lage kann Tedesco Ego-Trips wie den von Franco di Santo, der sich über seine Auswechslung nach gut einer Stunde lautstark beschwerte, überhaupt nicht gebrauchen. Besonders verärgert zeigte sich der Coach darüber, dass Di Santo mit den Fingern die Nummer sieben zeigte und so wohl signalisierte, dass der Trainer lieber Mitspieler Uth hätte auswechseln sollen.„Ich habe ihm gesagt, er soll ruhig bleiben – in einem etwas schärferen Ton“, erwähnte der 35-Jährige, der das Gequengel des Argentiniers auch als Angriff auf die königsblaue DNA empfand: „Das sind nicht wir. Wir sind sauber, wir sind kompakt. Franco wird bei uns nicht ausgebootet oder ausbremst. Deshalb ist das schon ein bisschen enttäuschend. Emotionen gehören dazu – aber wir dürfen nie den Stil verlieren.“ Als amtierender Vizemeister Spiel um Spiel zu verlieren, ist schon aufreibend genug. Er selbst soll aber auch gerufen haben: „Halt die Fresse!“

Immerhin entschuldigte sich der Stürmer, der am Sonntag intern sanktioniert wurde, nach dem Disput: „Ich sehe ein, dass ich mich falsch verhalten habe. Und es gibt nichts, um meinen Fehler zu rechtfertigen“, schrieb der 29-Jährige auf Twitter. Sein „heißes Blut“ und sein „Wettbewerbsgeist“ hätten ihn zu dieser Reaktion „verleitet“. (mit dpa)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion