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Auf großem Fuß ist in der Fußball-Bundesliga nur der FC Bayern unterwegs. Links Maskottchen Berni, rechts Thomas Müller.

Bundesliga

Alarm im Sperrbezirk

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Der Profifußballbetrieb nimmt hierzulande am Freitag wieder seine Arbeit auf. Der Standort Deutschland droht, international abgehängt zu werden.

Die Auswertung ausgesuchter Medien bereitet den Machern in der Fußball-Bundesliga derzeit ungefähr so viel Spaß wie ein verstopftes Abflussrohr im Gästeklo. Pünktlich zum am Freitag mit dem Spiel Bayer Leverkusen gegen Bayern München (20.30 Uhr, ZDF) bevorstehenden Rückrundenstart ein paar Beispiele für ungnädige Berichterstattung: Das Fachblatt „Kicker“ überschreibt eine vierteilige Serie mit der Schlagzeile „Der Absturz“ und erntete dafür reichlich Lob der Leserschaft. Der Sportinformationsdienst hofft skeptisch auf nicht mehr als ein „Flackern in der Dunkelheit“, die „Bild“-Zeitung fordert: „Mehr Innovation! Mehr Wachstum! Weniger Selbstzufriedenheit!“

Man darf gespannt sein, wie Ligaboss Christian Seifert die Situation beim traditionellen Neujahrsempfang am 16. Januar in Frankfurt/Main analysieren wird. Wird der Mann, der die Bundesliga in aller Welt als Spitzenmarke promoten muss, um möglichst viel Geld von den großen Medienkonzernen einzusammeln, der These des „Kicker“ widersprechen? Die lautet: „Was als Hochglanzprodukt vermarktet wird, entpuppt sich immer häufiger als sportliche Mogelpackung.“ Es würde, urteilt die Fußballbibel scharfzüngig, zu viel Bolzball gespielt, das Spiel sei technisch anspruchsloser geworden, die vielgerühmten jungen Übungsleiter seien heillos überschätzt. Das Training im für Fans zunehmend unerlaubten Sperrbezirk hat nicht sichtbar zu einer Qualitätssteigerung geführt. Der Trend zur defensiven Fünferkette tut sein übriges. Schöner anzusehen werden die Spiele dadurch jedenfalls nicht, und seit Carlo Ancelotti es bei den Bayern nicht mehr laufen lässt, sondern Grandseigneur Heynckes Hand anlegt, herrscht auch auf dem Rooftop der Bundesliga um die Münchner herum wieder die gewohnte Einsamkeit. 

Erstmals seit acht Jahren vergibt die Redaktion des „Kicker“ als gestrenger Ordnungshüter des deutschen Fußballs in der „Rangliste des deutschen Fußballs“ keinem einzigen Bundesligaspieler das Prädikat „Weltklasse“. Wumms! Das saß! Für Seifert sind derlei Urteile nicht verkaufsfördernd. Beim Neujahrsempfang 2016 analysierte er, eine „gute nationale Liga“ würde „ohne internationale Qualität keine gute nationale Liga bleiben“. Ergo: Die Bundesliga müsse „in der Weltklasse mitspielen“. Das hat sie in der laufenden Saison um Längen verfehlt: International sind im Schnitt selbst die Zyprioten besser, oder noch schlimmer: gar die Österreicher! (siehe Infobox). Das sportliche Zwischenergebnis widerspricht diametral den schon lange gehegten Forderungen des DFL-Geschäftsführers: „Die Bundesliga braucht Klubs, die in der Lage sind, mit den im Geld schwimmenden englischen Teams mitzuhalten. Damit meine ich nicht nur Bayern München, sondern die Visitenkarte jedes Klubs, die in jeder Runde der internationalen Wettbewerbe abgegeben wird.“ 

Mit reichlich mehr als drei Milliarden Euro sind die 18 Klubs der ersten Liga inzwischen aufgepumpt worden, ein Plus von zuletzt 23,7 Prozent. Was sich nach viel anhört, ist im Vergleich zu England wenig. Dort kassiert die Premier League allein vom Fernsehen so viel, wie die Bundesliga durch TV, Sponsoring und Eintrittsgelder zusammen einnimmt. Macht am Ende einer Saison einen Vorsprung von zwei Milliarden Euro fürs Eiland. St. Paulis Geschäftsführer Andreas Rettig zieht den Schluss: „Hören wir doch auf, den Engländern hinterherzuhecheln.“ Eine bedenkenswerte Überlegung, allerdings sitzen Italien, Spanien und Frankreich der Bundesliga finanziell mehr als nur im Nacken. Ein bisschen Hecheln ist also schon notwendig.

Die acht „Wahrheiten über die Bundesliga“, die „Bild“ gestern veröffentlichte, sind besorgniserregend: Nur zweimal ein klares Plus: bei den Zuschauerzahlen und der Integration des Nachwuchses, was jeweils freundlich formuliert ist, denn tatsächlich haben neben einigen Boomtowns (Frankfurt, München, Dortmund, Schalke, Stuttgart) mehrere Klubs (Mainz, Augsburg, Berlin, Hoffenheim, Wolfsburg, Leipzig, Hannover, Köln) Probleme, ihre Stadien zu füllen. Und in der Tat bleiben angesichts der großen Mühen in der Talentförderung (bei Bayer Leverkusen beispielsweise arbeitet sogar ein Kopfballtrainer) wohl noch zu viele junge Männer zwischen 17 und 22 im System stecken. Da ist es mit dem Rohrdienst nicht getan. Es braucht breiteren Durchlauf.

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