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Mittendrin statt nur dabei: Trainer Erik Ten Hag (Mitte) mischt bei Ajax Amsterdam noch gerne selbst mit. 

Ajax Amsterdam

Ajax-Trainer Erik ten profitiert von seiner Zeit beim FC Bayern

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Erik ten Hag setzt bei Ajax Amsterdam die Tradition bekannter Trainer fort. 

An Inspiration mangelt es in der nach der Fußballlegende Johan Cruyff benannten Arena von Amsterdam gewiss nicht. Die Hochzeiten des niederländischen Fußballs sind neben den Rolltreppen in leuchtenden Wandbildern verewigt, und es scheint keinen Oranje-Star zu geben, der hier nicht im rechten Licht erscheint. Auch Erik ten Hag verzichtet nicht auf diese Art von Eingebung: Der Erfolgstrainer von Ajax Amsterdam, der nun im Champions-League-Halbfinale bei den Tottenham Hotspurs (Dienstag 21 Uhr) antritt, muss in seinem Büro nur die Wände anschauen.

Drei Trainerlegenden hat ten Hag hier direkt vor Augen: Den taktisch versierten Rinus Michels, der 1971 mit Ajax den Europapokal der Landesmeister gewann. Den genial veranlagten Cruyff, der 1987 den Europapokal der Pokalsieger holte und als Spielmacher und Trainer die überwölbende Spielidee prägte. Und den eigenwilligen Louis van Gaal, der 1995 die Champions League gewann und in der Vorschlussrunde damals den FC Bayern aus dem Wettbewerb katapultierte.

Ten Haag hat die Münchner in der Vorrunde geärgert, als freilich nach zwei Punkteteilungen (1:1, 3:3) noch nicht gleich zu erahnen war, dass der Außenseiter Ajax nacheinander Titelverteidiger Real Madrid und Juventus Turin mit seinem Superstar Cristiano Ronaldo eliminieren würde. Sein Team spielte eine Saison der Superlative: Die 160 wettbewerbsübergreifend erzielten Tore übertreffen alle Bestmarken der Cruyff-Ära. Seine Jungstars Frenkie de Jong, 21, und Matthijs Ligt, 19, sind Hollands Helden der Neuzeit.

Guardiola viel zugeschaut

„Letztlich wollen wir Trainer alle eins: eine Mannschaft, an die man sich in 20 Jahren noch erinnert. Und das geht nur über eine Philosophie“, erklärte ten Haag kürzlich der „Süddeutschen Zeitung“ und verwies auf seine omnipräsenten Vorbilder. „Die drei sind die Köpfe der Philosophie, der auch ich folge: Offensivfußball, der begeistert.“ Da schreibt also einer die Geschichte einfach fort, als hätte der ungezügelte Turbokapitalismus nicht solche Klubs eigentlich von der Titelvergabe in der Königsklasse ausgeschlossen.

Darum kümmert sich ten Hag bloß nicht. Stattdessen hat er den niederländischen Totaalvoetbal in die Moderne überführt. In seinem bevorzugten 4-2-3-1-System sieht der 49-Jährige „beim Ballbesitz, beim Pressing“ durchaus Parallelen zur Schule von van Gaal. Was ihn von Michels und Cruyff unterscheidet: dem Verteidigen denselben Wert wie das Angreifen einzuräumen. Wie eine Ziehharmonika zieht sich seine Mannschaft auseinander und zusammen, ohne sich eine Blöße zu geben.

Wer will, kann ten Hag als perfekten Pragmatiker verorten, der die Stärken seiner Einzelspieler optimal hervorbringt. Der 30 Jahre alte Serbe Dusan Tadic, der in vorderen Regionen alle Freiheiten genüsslich ausschöpft, ist nur ein Beispiel von vielen. „Für uns zählt nur eines: Wir wollen den Gegner dominieren, wir wollen immer gewinnen“, sagt Klaas-Jan Huntelaar, der mit 35 Jahren nur noch als Teilzeitkraft gefragt ist. Ten Hag ist für ihn trotzdem der entscheidende Erfolgsgarant: „Der Trainer hat immer Lösungen.“

Nach seinem Karriereende 2002 bei Twente Enschede und fast 300 Spielen in der holländischen Eredvisie profitierte ten Hag von der Jugendakademie in der grenznahen Stadt, lernte in Ruhe von Trainern wie Fred Rutten, mit dem er 2009 zum Topklub PSV Eindhoven wechselte. Nachdem er auf seiner ersten Station als Cheftrainer die Go Ahead Eagle 2012 in die erste Liga führte, ging er ein Jahr später freiwillig wieder einige Ligen runter – in die Regionalliga Bayern als Trainer zur zweiten Mannschaft des FC Bayern. Der Alltag in Illertissen und Rosenheim war das eine, der Einfluss eines Pep Guardiola das andere.

Ajax Amsterdam verliert nächste Saison die wichtigsten Stützen

„Ich habe damals fast jedes Training geschaut, da habe ich methodisch viel mitgenommen“, erzählt ten Hag. „Spielaufbau, Übergangsspiel, Angriffsspiel, für alles hatte er Übungen.“ Und weil sich Guardiola ja selbst von Cruyff hatte inspirieren lassen, schloss sich ein Kreis. Die zweijährigen Erfahrungen in München, dazu zählen ausdrücklich die Unterredungen mit dem damaligen Sportdirektor Matthias Sammer, seien wie ein „Sechser im Lotto“ gewesen. Und weil er mit Ajax-Sportdirektor Marc Overmars schon bei den Go Ahead Eagles zusammengearbeitet hatte, fiel ihm die Zusage leicht, kurz nach Weihnachten 2017 den berühmtesten Klub seiner Heimat zu übernehmen. Dort wissen sie, dass der Exodus der Topstars nach einem sagenhaften Siegeszug auf dieser Bühne im Sommer gar nicht zu verhindern ist. Mit de Jong, der für eine Basisablöse von 75 Millionen Euro zum FC Barcelona wechselt, und de Ligt, dessen Abgang ebenso feststeht, gehen die wichtigsten Stützen.

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Weitere Akteure könnten noch folgen, denn die Ajax-Ausbildung wird speziell auch in der Premier League geschätzt. Die Spurs bieten heute mit Christian Eriksen, Jan Vertonghen, Toby Alderweireld drei Stammkräfte auf, die in Amsterdam ihre internationale Karriere starteten. Ten Hag sagt ganz offen, dass eine Generation auseinanderbricht, bevor sie überhaupt eine goldene wird. Das sei der große Unterschied zu früher: Eine Dynastie für Ajax Amsterdam prägen, das konnten nur seine drei berühmten Vorgänger.

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