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Beim Abschiedsspiel von Per Mertesacker ausnahmsweise wieder an der Pfeife: Babak Rafati im Oktober 2018.

Interview

„Es ist absolut nichts besser geworden“

Der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter Babak Rafati über Depressionen und die Fußballbranche.

H err Rafati, Sie halten heute hauptberuflich Vorträge über Depressionen, Mobbing und Burnout. Hat Sie auch schon einmal ein großer Fußballklub gebucht?
Nein, ein Fußballklub noch nicht, aber einzelne Profis – sie fragen mich für Themen wie Motivation und Mentalcoaching an. Mit Druck und Stress kenne ich mich aus und spreche aus eigener Erfahrung.

Wenn sie von den Profis engagiert werden, geht das auf eine Eigeninitiative zurück. Warum werden Sie nicht von den Klubs gebucht?
Die Verantwortlichen im Profifußball befürchten einen Imageverlust, wenn sie sich mit dem Menschen, der Psyche, mit Drucksituation, Stress und diesen Themen befassen. Es geht heute aber nicht mehr um immer schneller, weiter, höher. Du gewinnst die Spiele in Zukunft nicht, indem du mehr trainierst. Du gewinnst sie im Kopf – indem du mental fit bist und Stressmomente nicht mehr als solche wahrnimmst. Da müssen wir ansetzen und ich glaube, das wird auch in Zukunft in den Vereinen so sein.

Warum fällt es den Akteuren im Fußball immer noch so schwer, Schwächen zu zeigen?
Ganz einfach: Wir Männer müssen stark sein, dürfen keine Schwächen oder Gefühle zulassen. Das sind aber alles falsche Glaubenssätze. Gerade dann, wenn ich eintauche und sehe was mich belastet, fange ich an eine Bereitschaft aufzubringen, um Schritt für Schritt an mir zu arbeiten. Da holst du die entscheidenden Prozente raus.

Was würde der Babak Rafati von heute dem Babak Rafati von vor neun Jahren raten. Wo war der entscheidende Moment, als es kein Zurück mehr gab?
Das Problem ist, dass man den Punkt nicht fixieren kann. Es ist ein schleichender Prozess. Wir hatten bei den Schiedsrichtern eine neue Führung, und ich habe den Mund aufgemacht, die Missverhältnisse angesprochen. Dann habe ich natürlich Fehler gemacht auf dem Platz, damit machst du dich angreifbar. Dann kommt Druck ins Spiel, durch Druck habe ich Stress.

Wie ging es dann weiter?
All das hat mich irgendwann in eine Antriebslosigkeit gebracht. Ich hatte keinen Bock mehr die Sporttasche zu packen, konnte nicht mehr schlafen. Das Hirn ist irgendwann erkrankt. So bin ich in die Nacht in Köln rein und habe eine Selbstzerstörung vorgenommen (Rafati hatte am 19. November 2011 vor dem dann abgesagten Bundesligaspiel 1. FC Köln gegen Mainz 05 einen Suizidversuch unternommen, die Red.). Mir ging es darum, den beschissenen, brutalen, unmenschlichen Film zu beenden, damit dieses Kino im Kopf vorbei ist. Heute denke ich: ‚Wie bescheuert muss ich gewesen sein, diesen Weg zu wählen.‘ Sich selber zu zerstören, ist kein Ausweg. Wir können unser eigenes Drehbuch schreiben, dafür gibt es Strategien. Darüber muss man sprechen. Über das Sprechen versteht man viel.

Was ging Ihnen damals durch den Kopf, als sich Robert Enke das Leben nahm?
Ich habe es nicht verstanden. Er war Millionär, Bundesligaspieler, Nationaltorhüter. Ich war auf der anderen Seite. Wir wissen viel zu wenig darüber, warum Menschen so entscheiden, warum Robert Enke diesen Weg gegangen ist. Jeder Mensch trägt Züge von Enke oder mir in sich. Mir geht es um den richtigen Umgang mit Stress. Wenn der aufkommt, muss man in die richtige Schublade greifen. Ich hätte eigentlich aus Enkes Geschichte lernen müssen. Es ist schizophren: Es muss immer erst richtig knallen, damit wir aufwachen. In meinem Fall war es noch nicht zu spät, auf der Klippe zwischen Leben und Tod gab es für mich noch die Rettung. Bei Enke war es leider nicht der Fall.

Glauben Sie, dass das Schicksal von Enke oder Ihr eigenes etwas zum Guten verändert hat?
Es ist absolut nichts besser geworden. Ich glaube, dass bei der DFL und beim DFB das Thema Stress und Druck viel zu sehr unterschätzt wird. Ich kriege es im Coaching ja mit, welche Dinge die Spieler beschäftigen – und es wird immer mehr. Der Druck wird mehr und wir schaffen es nicht, auf uns zu schauen. Wir schauen immer noch weg. Es ist keine Schande, wenn einer mal nicht weiter weiß. Wenn du dich damit beschäftigst und die Zusammenhänge verstehst, dann wirst du vielleicht für ein, zwei Monate weniger spielen – aber dann kommst du richtig gestärkt raus, dir wachsen Flügel. Dann aber für immer.

Interview: Kristof Stühm, Peer Lasse (sid)

Hilfe für Betroffene

Wegen der hohen Nachahmerquote berichten wir über Suizide nur in ausgewählten Fällen. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, können Sie sich an die Telefonseelsorge wenden. Unter der Hotline 0800/111 0 111 bzw. 0800/111 0 222 erhalten Sie Hilfe.

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