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Abseits oder nicht? In dieser Szene trifft Bayerns Leon Goretzka gegen Leipzig - allerdings nicht regelkonform.

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Aus dem Abseits

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Abseits soll vernünftigerweise nicht mehr Abseits sein, wenn ein Hauch Hüfte oder ein Viertel Knie in die verbotene Zone reicht. Die Regelhüter wollen den Videoassistenten empfehlen, bei Millimeterentscheidungen nicht mehr so streng zu urteilen. Das birgt freilich neue Ungerechtigkeiten.

Bas Dost, der Frankfurter Lulatsch mit Schuhgröße 48, hätte wenigstens ein Tor mehr auf dem Konto, der Stuttgarter Mario Gomez wahrscheinlich fünf, wenn schon gegolten hätte, was bald Realität werden soll, dass nämlich Schiedsrichter bei millimeterknappen Entscheidungen „Abseits – ja oder nein“ einfach wegsehen sollen. So haben das die Regelhüter des International Football Association Board zwar nicht formuliert, aber ihre – fast schon revolutionäre – angekündigte Reform ist von ganzem Herzen zu loben. 

Denn der Videobeweis mit kalibrierter Linie hat sich zu einem tiefgreifenden Ärgernis entwickelt, wenn Tore nach einer Abseitsstellung zurückgenommen werden mussten, die mit bloßem Auge nicht auszumachen gewesen war. Wenn eine Abseitsposition erst nach dem Studium von zig Kameraeinstellungen, in Zeitlupe und minutenlangem Abwägen des Videoassistenten erkannt werden kann, dann widerspricht diese Handhabe Sinn und Geist der Regel. Selbst Uefa-Präsident Ceferin spottete über eine wirklichkeitsferne Auslegung des Videobeweises: „Wenn du eine lange Nase hast, stehst du im Abseits“, sagte der Boss. Eine Nachjustierung des virtuellen Regelwahnsinns ist überfällig.

Abseits-Regelung hat absurde Züge angenommen

In der Tat hat es zuletzt absurde Züge angenommen, dass Tore wegen hauchdünner Abseitsstellung aberkannt wurden. Mal stand ein Viertel mehr Knie im Abseits, dann eine Handbreit Hüfte, allesamt nicht nachvollziehbar und mit dem bloßen Auge schon gar nicht zu erkennen. Und die Frage blieb auch stets: Stimmten denn das Anlegen der kalibrierten Linie mit dem Bruchteil des Moments zusammen, in dem der Fuß den Ball trifft, noch dazu bei gegenläufigen Spielaktionen? Schließlich ging und geht es beim Videobeweis nicht darum, bessere Entscheidungen zu treffen, sondern nur darum, klare und offensichtliche Fehler zu korrigieren. Ein Abseits bei zu großem Zeh ist keine krasse Fehlentscheidung.

Mit der Funkstille aus dem Keller beim sogenannten „Miniabseits“ empfehlen die Regelhüter den Videoassistenten, nicht mehr so forensisch genau hinzusehen, den gesunden Menschenverstand walten zu lassen, und weiten damit den Ermessensspielraum für Schiedsrichter bei der Auslegung aus. Das ist vernünftig, birgt aber auch die Gefahr, erneut für Diskussionsstoff zu sorgen. Denn „ein bisschen Abseits“ gibt es nicht. Man wird sich womöglich auf gewisse Toleranzzonen einigen müssen, in denen niemand Abseits steht, die Uefa etwa hält einen Spielraum von zehn bis 20 Zentimetern für angemessen und praktikabel. Und: In dubio pro reo.

Das Wehklagen über vermeintliches Abseits oder nicht wird damit sicher nicht aufhören, die neue Praxis ist aber allemal näher an der Wirklichkeit als die haargenaue Elle.

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