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Nicht Sinn der Sache: Gladbacher Fans bejubeln vor dem Stadion den Sieg gegen Köln. 

Geisterspiel

Abschreckendes Beispiel

Nach dem Geisterspiel in Mönchengladbach stellt sich die Sinnfrage.

So macht Profifußball keinen Sinn – das war allen Beteiligten schon während des historischen Geisterderbys klar. Nach dem ersten Spiel in der Geschichte der Fußball-Bundesliga ohne Zuschauer ist die Diskussion darüber, ob man so weiterspielen mag, bereits entbrannt. „Spaß macht es nicht. Schön ist es nicht“, sagte Borussia Mönchengladbachs Trainer Marco Rose nach dem 2:1 (1:0) am Mittwoch gegen den 1. FC Köln. „Eine Erkenntnis ist, dass die Bundesliga ohne Fans keinen Spaß macht“, betonte FC-Manager Horst Heldt.

Den 50. Sieg in einem Bundesliga-Rheinderby konnten die Borussen nur für gut zehn Minuten nach dem Spiel auskosten. Nach 90 Minuten ohne Emotionen auf den Rängen, mit weniger Dynamik auf dem Rasen und inmitten einer „beängstigenden Kulisse“ (Gladbachs Sportchef Max Eberl) wollten sich Borussen-Profis endlich feiern lassen.

Die Spieler stiegen die Nordkurve empor, in der sonst über zehntausend Fans stehen, die wegen der Ausweitung des Coronavirus vorerst ausgesperrt sind. Einige hundert hatten sich trotz der Aufforderung von Behörden, genau dies nicht zu tun, vor dem Stadion versammelt, um die Borussia von dort anzufeuern.

Mit Bengalos und Sprechchören feierten sie nun ihre Lieblinge, die auf dem Umlauf des Stadions jubelten. Weltmeister Christoph Kramer genoss genau diese Moment: „Es war beachtenswert, dass sich so viele Menschen hinter die Nordkurve stellen. Das ist dann schon ein Gefühl, wo man wirklich Gänsehaut bekommt. Dann weiß man, wofür man auf dem Rasen ein Spiel gespielt hat, dass nicht so viel Spaß gemacht hat, ohne Zuschauer. Es hat sich angefühlt wie eine Meisterfeier“, meinte der Mittelfeldspieler. Kramer sagte zur Epidemie auch: „Ich habe das Gefühl, dass es etwas dramatisiert wird. Ich glaube, dass Angst und Panik immer ein schlechter Ratgeber sind.“

Solche Aussagen und Szenen dürften die Diskussion über Spiele ohne Fans befeuern, wenn etliche Zuschauer eben doch zu den Stadien pilgern und sich anstatt auf den Rängen im Außengelände versammeln. Der eigentliche Sinn, die Ansteckungsgefahr mit dem neuartigen Virus zu minimieren, dürfte so ad absurdum geführt werden.

Ähnlichen Szenen könnten sich am Samstag beim Revierderby zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 abspielen. Bereits am Mittwoch ließ sich beobachten, wie krass sich vor allem bei einem Derby fehlende Rivalität auf den Rängen und Intensität im Umfeld bemerkbar machen.

Gedämpfte Einlaufmusik und Torhymnen bei den Treffern von Breel Embolo (32. Minute) und dem Kölner Eigentor durch Jorge Meré (70.) sorgten für eine skurrile Atmosphäre. Heldt sprach von einem „Testspiel-Charakter“. Embolo sagte hingegen: „Es war ein perfekter Tag für uns alle, trotz der komischen Stimmung, war es ein Derby. Es war von Anfang an intensiv.“ Auch betonten beide Trainer, ein intensives Spiel und gutes Derby gesehen zu haben. Möglicherweise hätten die Fans nach dem Kölner Anschlusstor durch Mark Uth (81.) noch mehr Dynamik reingebracht.

Auch Schiedsrichter Deniz Aytekin hatte eine klare Meinung zu der Atmosphäre. „Es ist wirklich etwas ganz anderes. Das hat nichts mit Fußball zu tun“, sagte der Unparteiische dem TV-Sender Sky. Die üblichen Gespräche mit den übrigen Journalisten fielen vorsichtshalber auch aus. Kölns Trainer Markus Gisdol sprach ein weiteres Problem an, dem sich Spieler und Trainer nun stellen müssten: „Es gab vor dem Spiel sehr viele Ablenkungen, die nichts mit dem Fußball zu tun hatten.“ Dass Gladbach - am Sonntag Gast bei Eintracht Frankfurt - durch den Sieg im Nachholspiel weiter auf Champions-League-Kurs liegt, ging unter. 

dpa/FR

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