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Alles vorbei: Joshua Kimmich, Thomas Müller. Foto: AFP
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Alles vorbei: Joshua Kimmich, Thomas Müller.

EM-Klassenbuch

EM 2021: Abschlusszeugnis der DFB-Auswahl - Note 5

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Die deutsche EM-Bilanz: Niemand hat sich stabil in EM-Form präsentiert. Besonders Ilkay Gündogan und Serge Gnabry enttäuschten. Sechs Spieler kamen gar nicht zum Einsatz.

Musterschüler

Kein Eintrag

Klassenkasper

Robin Gosens: Brachte mit kessen Sprüchen, flotten Läufen über links und einem astreinen Kopfballtor gegen Portugal Stimmung in die Bude. Braucht aber Raum zum langen Anlauf, den er am Ende nicht mehr hatte. Wurde dann fast unsichtbar. Kluger Kerl, Liebling der Medien. Perspektive: Muss bei der unter Hansi Flick erwarteten Umstellung auf Viererkette um den gerade erst erkämpften Stammplatz bangen.

Thomas Müller: Im Kopf noch immer der Schnellste, auf den Beinen aber nicht mehr. Gute-Laune-Onkel mit Fußballsachverstand. Auch im dritten EM-Finalturnier kein Tor trotz Riesenchance gegen England. Kümmerlich vergeben. Hat das, was er selbst und sich alle anderen von seiner Rückkehr versprochen hatten, nicht erfüllt. Perspektive: Bald 32 Jahre alt schon, aber hochgeschätzt von Hansi Flick, könnte wohl bleiben, wenn er will.

EM 2021: Musiala überzeugte in DFB-Elf

Klasse übersprungen

Jamal Musiala: Früh eingeschult, hat seine Hochbegabung in (zu) wenigen Spielminuten bestätigt. Am Anfang noch arg schüchtern und zweimal nur Tribünengast, später frecher und auf der Bank. Schafft sich mit einer Drehung Räume, die es vorher gar nicht gab. Rettete die Mannschaft mit seiner Vorlage vorm Aus in der Vorrunde. Wurde dafür vom Bundestrainer nicht belohnt. Kam im Achtelfinale zwei Minuten vor Schluss der Nachspielzeit, als es längst zu spät war. Perspektive: Flick wird ihn fördern, denn der 18-Jährige kann Sachen, die sonst niemand kann.

Zweite Reihe

Kai Havertz: Galt vor dem Turnier noch nicht als die Stammkraft, als die er aus der EM herausgeht. Stärkster Deutscher im Wembley-Stadion, klasse Durchsteckpässe auf Werner und Müller, die zu Toren hätten führen müssen. Neues Selbstvertrauen dank Siegtreffer im Champions League-Finale. Zwei Tore in der Vorrunde, besetzte die Leerstelle des klassischen Mittelstürmers noch am besten und ließ sich selten abkochen. Gegen Frankreich schwach. Perspektive: feste Größe in der Offensive.

Mats Hummels: Startete per Eigentor unglücklich ins Turnier. Stabilisierte sich trotz anhaltender Kniebeschwerden, Tempodefizite offenkundig, Kopfballstärke aber ebenfalls. Gegen England mit Abstand bester Mann in der deutschen Defensive. Schaffte es aber nie, als Abwehrchef im Verbund die Dreierkette dichtzukriegen. Verhielt sich auffällig zurückhaltend, wollte sich nach seiner Rückkehr bewusst bescheiden ins Glied ordnen. Perspektive: Bald 33, kann sich WM 2022 und EM 2024 dennoch vorstellen, aber kann sich Hansi Flick das auch?

EM 2021: Wichtiges Tor von Leon Goretzka

Leon Goretzka: Kam mit den Folgen eines Muskelfaserrisses verspätet an, verpasste ein Spiel ganz, wurde zweimal eingewechselt und schoss sein Team mit dem 2:2 gegen Ungarn ins Achtelfinale. Begann stark gegen England, baute aber später ab. War nicht der Faktor (wie bei seinem überragenden Confed-Cup-Auftritt 2017), der er kerngesund bestimmt geworden wäre. Fand für die politischen Themen dieser EM die richtigen Worte und richtigen Gesten. Perspektive: Führungskraft neben Kimmich.

Manuel Neuer: Wie 2018 ein Turnier, das nicht zu seinem wurde. Konnte sich kaum einmal auszeichnen, außer mit seiner Regenbogenbinde. Nicht immer so präzise wie gewohnt bei Abschlägen, beim Gegentor zum 1:2 gegen Ungarn zu spät zur Stelle. Sieben Gegentore in vier Spielen, sechs unhaltbar. Zurückhaltende Öffentlichkeitsarbeit. Beliebt bei seinen beiden Stellvertretern. Perspektive: Der alte Bundestrainer war Neuer-Fan, der neue ist es auch.

Joshua Kimmich: Überragendes Spiel gegen Portugal, dreimal so lala gegen Frankreich, Ungarn und England. Rechts vor der Dreierkette zu wenig im Geschehen, die Position wurde seiner Präsenz und seinem Können nicht gerecht. Einmal gegen Frankreich und zweimal gegen England wurden Tore auf seiner Seite vorbereitet. Fühlte sich dort nicht wohl. Schämte sich der Tränen nach dem Aus nicht. Perspektive: zentraler Führungsspieler, unbedingt!

Hinterbänkler

EM 2021: Toni Kroos enttäuscht

Toni Kroos: Hat bewiesen, dass er grätschen und kämpfen kann. Schmiss sich in viele Zweikämpfe rein. Wollte es den Kritikern zeigen. Hat aber dem deutschen Spiel zu selten Tiefe und zu wenige Überraschungsmomente schenken können. Zu vorhersehbar in seinen Aktionen nach vorn, zu selten mal mit Abschlüssen. Schwache Standards. Perspektive: Nicht unwahrscheinlich, dass er von sich aus den Rückzug antritt, um Kimmich und Goretzka Platz zu machen. Wäre eine kluge Entscheidung.

Matthias Ginter: Startete gut in die EM, einer der Besten gegen Frankreich und Portugal, zünftig im Zweikampf, stabil im Aufbau. Als davon gegen Ungarn mehr gefragt war, öfter mal überfordert. Sinnfreie Flanken aus dem Halbfeld. Perspektive: In künftiger Viererkette rechts sieht er sich selber nicht. Zentral wird es eng, falls Hummels bleibt. Rüdiger und Süle sind ja auch noch da. Aber Ginter bleibt ein zuverlässiger Kaderkandidat.

Antonio Rüdiger: Diese EM sollte nach klasse Rückrunde beim FC Chelsea in seiner Lieblingsrolle links in der Dreierkette seine werden. Wurde sie nicht. Fand kein Gefühl für Raum und Zeit, viel weniger auffällig als erhofft im Spiel nach vorn, mehrfach unkonzentriert in der Deckungsarbeit. Haderte besonders gegen England ständig mit sich und seinen Mitspielern. Gab auch einigen Grund dazu. Perspektive: Rüdiger war Löws Lieblingsverteidiger. Diesen Status muss er sich bei Flick erst erarbeiten.

Sitzenbleiber

Ilkay Gündogan: Hat er einen Doppelgänger, der bei Manchester City spielt? Fand nicht zu einer gedeihlichen Zusammenarbeit in der Zentrale mit Toni Kroos. Drei Vorrundenspiele lang ein bemühter Mitläufer. War defensiv zu sehr gebunden, um seine filigranen Stärken Richtung gegnerisches Tor zu zeigen. Zog sich im Luftduell gegen Ungarn eine Schädelprellung zu. Wäre auch sonst wohl für Goretzka auf der Bank geblieben. Perspektiven: Soll angeblich über einen Rücktritt aus der Nationalmannschaft nachdenken. Wäre aber gut genug, um vielleicht doch noch die Kurve zu kriegen.

EM 2021: Enttäuschende Auftritte von Gnabry

Serge Gnabry: Was war das denn? Drei Spiele lang praktisch unsichtbar, kaum Abschlüsse, kein Tor. Im Achtelfinale anstelle von Timo Werner dann nicht in der Startelf. Nachdem er eingewechselt wurde, ein Fremdkörper. Verlor ohne jede Körperspannung den Ball vorm englischen Treffer zum 2:0. Sah nicht nur dabei saft- und kraft- und freudlos aus. Weit, weit weg von seiner Topform. Aber warum nur? Perspektive: Flick kennt den Stürmer gut und baut auf ihn, aber Gnabry wird anders auftreten müssen. Ganz anders sogar.

Leroy Sané: Musste mehr öffentliche Schelte einstecken, als er verdient hatte. Besonders nach dem 2:2 gegen Ungarn, als der Linksfuß in der zweiten Halbzeit auf der rechten Seite ziemlich alleingelassen wurde. Schaffte es viel zu selten, seine gefürchteten Dribblings anzusetzen, sah aus, als setze der Druck ihm zu. Kaum mal ein Schuss aufs Tor, zwei Aktionen gegen Ungarn bleiben im kollektiven Gedächtnis: ein Eckball ins gegenüberliegende Seitenaus, eine schwer verunglückte Flanke in der Schlussminute. Perspektive: Ist von Flick schon mehrfach gerügt worden, wird aber seine Chance bekommen. Bleibt ein Versprechen. Muss es nur einlösen.

Timo Werner: Nach komplizierter Saison beim FC Chelsea und Chancentod gegen Nordmazedonien schon nicht voller Selbstvertrauen angereist. Stümperte nach Einwechslung gegen Frankreich. Gegen Ungarn am Ausgleich beteiligt, immerhin. Gegen England unverhofft von Beginn an auf dem Platz, vergab eine große Chance mit seinem schwächerem linken Fuß, insgesamt nicht präsent genug. Perspektive: Mit seinem Tempo, wieder mehr Selbstvertrauen und zusätzlicher Erfahrung in der Premier League längst nicht abgeschrieben.

Zu viele Fehlstunden

Kevin Volland: Hatte im fernen Monaco mit einer Nominierung schon gar nicht mehr gerechnet. Durfte dann sogar zweimal als Einwechselspieler mitmachen. Einmal gegen Frankreich allerdings als linker Offensivverteidiger falsch positioniert und entsprechend unglücklich in seinen wenigen Aktionen, einmal gegen Ungarn mittendrin im Getümmel. Perspektive: Wird nie einer werden, der das Mittelstürmerproblem lösen kann, aber ist ein guter Typ und gewiss kein schlechter Angreifer. Und doch keine große Hilfe, um zurück auf Weltniveau zu gelangen.

Emre Can: Dreimal eingewechselt. Zweimal, damit Hummels dann im erfolglosen Endspurt gegen Frankreich und England als Brechstange nach vorn gehen konnte, einmal, als Hummels das Knie zwickte. Can schwankte zwischen solider Aufräumarbeit und fahrigen Dribblings in eigener Strafraumnähe. Wäre gerne zentraler Defensivmann, Mittelfeld oder Abwehr. Hat aber keinen festen Platz im Team. Perspektive: Wird auch unter Flick keinen festen Platz bekommen.

Niklas Süle: Als Joachim Löw vor dem Turnier über den zuvor länger verletzten Süle sprach, klang das, als müsse der Verteidiger noch viel Turnunterricht nehmen, um ein paar Speckrollen abzutrainieren. Einmal durfte der Verteidiger im Spiel gegen Portugal kurz ran. Öfter nicht, weil die Mannschaft sonst immer zurücklag. Perspektive: In künftiger Viererkette ein Kandidat neben Rüdiger.

Marcel Halstenberg: Spielte gegen Portugal die letzte halbe Stunde für den zuvor gefeierten Gosens. Fiel dabei deutlich ab. Perspektive: Könnte in einer Viererkette hinten links Gosens´ Platz angreifen, weil er defensive Stärken hat. Ist aber keine Ideallösung. Die hat Deutschland hinten links für eine Viererkette nicht.

Ausgesperrt

Robin Koch: Ohne EM-Einsatz. Bei Leeds United mit durchwachsener Saison nach langer Verletzung. Im DFB-Team hinter Hummels, Ginter, Rüdiger und Süle in der Hierarchie der Innenverteidiger. Kann auch defensives Mittelfeld. Perspektive: Ist jung (24) und gut genug, um weiter dazuzugehören.

Christian Günter: Überraschend nominiert, aber ohne EM-Einsatz. Musste zweimal sogar auf die Tribüne, weil nur 23 Spieler in den Spieltagskader nominiert werden durften. Perspektive: Die landsmannschaftliche Verbundenheit zu Jogi Löw hat dem Freiburger vielleicht geholfen. Die fällt jetzt weg.

Jonas Hofmann: Wie Günter zweimal nicht im Spieltagskader, obwohl einsatzfähig, zudem anfangs am Knie verletzt. Hatte gehofft, dass er Kimmichs Position rechts im Mittelfeld bekommt. Löw entschied anders. Dennoch immer gut gelaunt. Perspektive: Ist 28 und wird kein Stammspieler mehr.

Florian Neuhaus: Nach von einem Tor gekrönter guter Leistung im Vorbereitungsspiel gegen Dänemark hochgelobt. Durfte seinen Spiel- und Tordrang aber keine einzige EM-Minute präsentieren. Hätte dem lahmenden Spiel vielleicht gut getan. Perspektive: Ist jung und dynamisch genug, um sich in der Hierarchie nach vorn zu dribbeln.

Kevin Trapp: Wollte ständiger zweiter Torwart werden. Ist ihm nicht gelungen. Hat sich mit der Situation gut abgefunden. Perspektive: Wenn André ter Stegen zurückkehrt, könnte es eng werden mit regelmäßigen Nominierungen.

Bernd Leno: Knapp vor Trapp in der Torhüter-Hierarchie. Perspektive: Hinter Neuer und einem gesunden ter Stegen ohne Stammplatzchance.

Fehlte entschuldigt

Lukas Klostermann: Schwaches Testspiel gegen Dänemark, zu wenig Mut nach vorn, dann im Training verletzt. Schwere Muskelzerrung im hinteren Oberschenkel. Ständiger Gast im Fitnesspavillon. Wäre auch gesund nicht zum Einsatz auf der rechten Seite gekommen. Perspektive: Für Viererkette rechts gibt es wenige Alternativen. Aber Ridle Baku könnte an Klostermann vorbeiziehen.

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