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Technisch saubere Ballannahme: Julian Nagelsmann beim Übungsleiten.

TSG Hoffenheim

Auf Abschiedstour

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Julian Nagelsmann gilt in Hoffenheim bestimmt nicht als Lame Duck.

Mit 31 Jahren ist Julian Nagelsmann noch immer beneidenswert jung und steht nach wie vor am Anfang seiner Trainerlaufbahn im Profibereich – aber auch vor dem Ende seiner Zeit bei der TSG Hoffenheim. Nach dieser Saison wechselt der Landsberger zusammen mit Videoanalyst Benjamin Glück und Teammanager Timmo Hardung zu RB Leipzig. Und Nagelsmann hat nichts anderes vor, als seine erfolgreiche Zeit bei der TSG „zu krönen“. Gewohnt angriffslustig sagt er: „Wir wollen die Platzierung der letzten beiden Jahre wiederholen.“ Die Jagd auf die Champions-League-Plätze soll schon zum Rückrundenauftakt an diesem Freitagabend (20.30 Uhr, ZDF) im Heimspiel gegen den FC Bayern starten, Nagelsmanns einhundertstem Spiel als Trainer in der Bundesliga übrigens. Die beiden letzten Heimspiele gegen den Rekordmeister gewann die TSG. Aber nicht nur dies stimmt Nagelsmann optimistisch für seine Abschiedstournee in Hoffenheim.

Nach Rang vier schaffte die TSG zuletzt durch Rang drei sogar die direkte Qualifikation für die Champions-League. Das ist eine nicht selbstverständliche Leistung, schließlich stand Hoffenheim zuvor kurz vor dem Abstieg. Es ist nicht gewagt zu behaupten, dass diesen Erfolg nicht sehr viele andere Trainer an diesem Standort geschafft hätten, als dieser im Februar 2016 in höchster Abstiegsnot als Nachfolger von Huub Stevens vom Jugend- zum Proficoach beförderte Nagelsmann.

Doch nicht nur viele Spieler steigerten in den letzten beiden Jahren ihren Marktwert. Nagelsmann gilt längst als spannendster deutscher Fußballlehrer nach Jürgen Klopp und Thomas Tuchel. In nur zweieinhalb Jahren als Chefcoach ist es ihm mit zwei Europapokalteilnahmen gelungen, in Hoffenheim eine Ära zu begründen. Nun wechselt diese außergewöhnliche Trainerbegabung nach zehn Jahren bei der TSG zu den finanzstärkeren Leipzigern, weil er sich dort größere Chancen auf Titel und regelmäßige Champions-League-Teilnahmen verspricht. Es ist eine Pointe, dass es Nagelsmann ausgerechnet zu einem direkten Konkurrenten zieht, bei dem der ehemalige Hoffenheimer Aufstiegscoach Ralf Rangnick der starke Mann ist. Zugespitzt formuliert, könnte der Noch-Hoffenheimer Nagelsmann dem künftigen Leipziger Nagelsmann in der Rückserie den Champions-League-Startplatz klauen. Derzeit liegt die TSG als Siebter (25 Punkte) sechs Zähler hinter dem Tabellenvierten RB.

Nagelsmann ist bewusst, dass diese Situation mit seinem angekündigten Abschied, „eine besondere und nicht alltägliche ist, die ein paar Prozent mehr Gefahren birgt“. Wie es seine Art ist, geht er damit offensiv um. Er habe natürlich mit RB in der Winterpause ein Gespräch gehabt, aber der Austausch tangiere seine Arbeit in Hoffenheim nicht, sagt er. Die Liste der möglichen Zugänge in Leipzig sei erstellt, und ein Ja oder Nein von ihm sei im digitalen Zeitalter ja schnell ausgetauscht.

Nagelsmann wirkt nicht wie jemand, der in Gedanken schon weg ist, ganz im Gegenteil. Die sechs Unentschieden in Serie zuletzt in der Liga ärgerten ihn so sehr wie das Aus in der Champions-League. Noch mehr Effizienz in die zumeist attraktive, offensiv ausgerichtete Spielweise zu implementieren, lautet die Aufgabe in der Rückrunde. Mut macht, dass nach dem Aus in DFB-Pokal und Champions League künftig die Englischen Wochen wegfallen (das tat der Mannschaft vergangene Saison sehr gut) und die Langzeitverletzten Benjamin Hübner, Nadiem Amiri und Dennis Geiger wieder zur Verfügung stehen.

Natürlich sei eine gewisse Gefahr da, dass Spieler, die wüssten, der Trainer sei im Sommer weg, Unzufriedenheit schneller äußerten, sagt Nagelsmann. Um dies so gut wie möglich auszuschließen, wurde der Kader im Winter verkleinert. So lieh der pfiffige Manager Alexander Rosen unter anderem Torwarttalent Gregor Kobel (Augsburg) Abwehrspieler Kevin Akpoguma (Hannover), den Schweizer Internationalen Steven Zuber (Stuttgart) und den italienischen Nationalspieler Vincenzo Grifo (Freiburg) bis Saisonende aus – ohne Kaufoption. Dafür kassierte er immerhin rund zwei Millionen Euro Leihgebühr.

Angst, dass Nagelsmann in eine Rolle als „Lame Duck“ schlittern könne, hegt niemand bei der TSG. Schließlich hat dieser dem Klub durch die erstmalige Europapokalteilnahmen ein Wachstum auf allen Ebenen beschert. Zurecht kann Nagelsmann selbstbewusst sagen: „Wir haben in den letzten drei Jahren aus diesem Verein etwas anderes gemacht, als er vorher war.“ Ein Beispiel nur: Erst diese Woche wechselte der Namensgeber des Stadions, was eine Mehreinnahme von angeblich rund zwölf Millionen Euro über fünf Jahre bringen soll. Champions-League macht sexy. Und süchtig.

Auf die Hoffenheimer trifft der Aphorismus zu, nach dem der Appetit beim Essen komme. Trainer, Spieler, ja der ganze Klub haben Lust auf mehr Abenteuergeschichten in Europa. Gesellschafter Dietmar Hopp teilte gerade via Klubmagazin mit, es wäre in dieser Saison sein Traum, dass sich die TSG erneut für die Champions-League qualifiziere. Mittelfristig sei es „natürlich unser Ziel, möglichst oft international zu spielen“. Wer dies als Trainer umsetzen soll, ist noch nicht ratifiziert. Als heißester Kandidat auf die Nachfolge Nagelsmanns gilt Marco Rose von RB Salzburg.

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