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Hinterlässt eine große Lücke: DFL-Präsident Reinhard Rauball.

DFL-Boss Reinhard Rauball

Abschied vom Versöhner Reinhard Rauball

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Mit dem Rückzug von Reinhard Rauball als Liga-Präsident verliert die DFL eine auf Ausgleich, Diplomatie und Weitsicht bedachte Leitfigur.

In den Gemäuern des „Hotels der Lennhof“ mit seinen engen Treppen und niedrigen Decken bewegt sich Reinhard Rauball immer noch so stilsicher wie in einer längst verblassten Epoche. Der Fachwerkbau im Dortmunder Stadtteil Barop gehörte einst dem Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund, ehe das Mannschaftshotel im Zuge der existenzbedrohenden Finanzkrise 2005 veräußert wurde. Dass der 72-Jährige kürzlich hier einlud, um über seinen anstehenden Abschied als Liga-Präsident zu sprechen, lag nahe. Ovationen sind ihm gewiss, wenn der renommierte Jurist am Mittwoch auf der Generalversammlung der Deutschen Fußball-Liga (DFL) in Berlin zum Ehrenpräsidenten ernannt wird.

„Ich habe das gerne gemacht. Es hat mich mit Zufriedenheit ausgefüllt. Es bleibt nicht viel, was ich als unangenehm empfunden habe“, sagte Reinhard Rauball. Sein Feld ist nach zwölf Jahren so gut bestellt, dass es keinen direkten Nachfolger braucht. Die Umstrukturierung bedingt, dass der Vorsitzende der Geschäftsführung, Christian Seifert, künftig noch mächtiger wird, weil der Chef der DFL GmbH auch Sprachrohr des Präsidiums wird. Den veränderten Aufsichtsrat soll künftig Peter Peters (FC Schalke 04) führen und auch den der DFL zustehenden Posten als DFB-Vizepräsident bekleiden. Rauball hatte sich bereits im September vergangenen Jahres zum Rückzug entschieden, um den Reformen ein ausreichendes Zeitfenster zu verschaffen. Begründung: „Irgendwann hat der Mohr seine Schuldigkeit getan.“ Seine Verbindlichkeit und Verlässlichkeit werden mindestens genauso fehlen wie sein Sachverstand und seine Seriosität. Der einstige Justizminister von Nordrhein-Westfalen präsidierte mit einer Gelassenheit und Weitsicht, von der sich der designierte DFB-Präsident Fritz Keller ruhig etwas abschauen darf.

Den Hang zur Selbstdarstellung verkehrte Rauball nur allzu gerne ins Gegenteil, wie dieses Bonmot belegt: „Beim sportlichen Erfolg in meiner Amtszeit nehme ich für mich in Anspruch, dass ich ihn nicht verhindert habe.“ Das deutsche Champions-League-Finale 2013 in London zwischen seinem Herzensverein Borussia Dortmund und Bayern München als Vorbote des WM-Triumphs ein Jahr später in Brasilien sind dabei als Eckpunkte gemeint. Bei seinem Amtsantritt 2007 lag die Bundesliga übrigens in der Uefa-Fünfjahreswertung auf Platz sechs hinter Rumänien.

Dass sich bei seiner Ämterhäufung viele Schnittmengen ergaben, die dem Gesamtverständnis dienlich waren, versteht sich von selbst. Dass sich das treue SPD-Mitglied bei der Aufgabenfülle nicht verschlissen hat, ist seiner beachtlichen körperlichen Konstitution zu verdanken, die nicht nur ein Gottesgeschenk sei. Mindestens „einmal die Woche Fußball, einmal die Woche Tennis“ sind bis heute im Terminplan fest verankert, die gepackten Taschen liegen immer im Kofferraum seines Autos. Seine größte Lebensleistung sieht er darin, „dass ich vier Sekretärinnen hatte, die sich alle gut vertragen haben.“ Einen trockenen Humor hat er auch noch.

Mit ihm geht dem deutschen Fußball ein Mann des Ausgleichs verloren. Ein Versöhner und Vereiner. „Ich habe immer dafür gekämpft, dass es keine Mehrheitsentscheidungen gibt, weil es sonst Verlierer gibt.“ Er setzte auf Einstimmigkeit. Die Fliehkräfte der zunehmend auf gnadenlosen Kommerz getrimmten Kicker-Branche spürt der Brückenbauer, und er sagt auch, dass eine Verständigung – etwa bei der Verteilung der Fernsehgelder – „umso schwieriger fällt, desto höher die Zahlen sind.“ Mit Fingerspitzengefühl versuchte der Diplomat stets, einen größtmöglichen Konsens zu schaffen. Sein Leitsatz in seiner aktuell zum zweiten Male ausgeübten Funktion als DFB-Interimspräsident steht in keiner Satzung: „Keine Beschlüsse gegen die Belange der Liga.“

Der belastbare Gentleman gilt als prinzipientreu. Dazu zählt eine klare Haltung für die Beibehaltung der „50+1“-Regel. Ihre Abschaffung wäre zwar mit einer „Menge mehr Geld, aber eine Menge mehr Risiken“ verbunden. Seine Warnung: „Wir sollten etwas Traditionelles nicht aus der Hand geben.“ Die DFL preist Rauball als „hochprofessionelles Unternehmen“. Sonst würden die Profiklubs bei 4,4 Milliarden Euro Umsatz nicht 1,28 Milliarden an Steuern abführen oder 55 000 Menschen einen Arbeitsplatz bieten. „Nur wenige Branchen bewegen so wie der Fußball.“ Aus der Mitte der Gesellschaft, während Kirchen oder Parteien einen teils rasanten Bedeutungsverlust erfahren würden. Der in Ehren ergraute Grandseigneur ist stolz, dass seine Institution in Zeiten, in denen die großen internationalen Sportverbände wie Fifa oder IOC massiv an Vertrauen verspielt haben, skandalfrei geblieben ist.

Als Tiefpunkte gelten für ihn die Anschläge in Paris beim Freundschafts-Länderspiel im November 2015. Als Delegationsleiter der Nationalmannschaft hatte er auf der Tribüne zwischen dem damaligen französischen Staatspräsidenten François Holland und Außenminister Frank-Walter Steinmeier gesessen – und aus nächster Nähe die dramatischen Umstände des Attentats mitbekommen. „Darüber habe ich lange nachgedacht.“ Auch die Attacke auf den Dortmunder Mannschaftsbus im April 2017 erwies sich als schockierendes Erlebnis, „das bleibt in den Kleidern“.

Die Leitfigur Rauball geht ohne jeden Groll, aber auch ohne jeden Anflug von Wehmut. „Ich glaube nicht, dass ich irgendetwas vermissen werde. Ich weiß mit meiner Zeit etwas anzufangen.“ Zumal „Mr. President“ (Bundesliga-Magazin) ja nicht völlig von der Bildfläche verschwindet. Als DFL-Vizepräsident ist er formal noch bis Ende September geführt, als Präsident von Borussia Dortmund kandidiert er erneut für drei Jahre. Einleuchtende Begründung: „Diese emotionale Kraft ist die höchste, die ich außerhalb meiner Privatsphäre empfinde.“

Lobende Worte für den Gentleman

Christian Seifert (DFL-Geschäftsführer): „Herr Rauball hat es mit großer Loyalität und Verlässlichkeit geschafft, das Miteinander aller Klubs hervorragend und stets mit großer Seriosität und Vertrauenswürdigkeit zu moderieren. Gemeinsam ist es unter seiner Führung gelungen, dem deutschen Profifußball ein in vielerlei Hinsicht stärkeres Profil zu geben.“
Joachim Löw (Bundestrainer): „Mit seiner großen Kompetenz und seinem Weitblick hat er wichtige Weichen für den Spitzenfußball in unserem Land gestellt.“
Karl-Heinz Rummenigge (Vorstands-Vorsitzender Bayern München): „Ich kenne Reinhard Rauball seit rund 25 Jahren. 25 Jahre, in denen ich ihn als Mann von großer Kompetenz, als einen Präsidenten mit herausragenden Qualitäten, als einen Gentleman des Fußballs kennen und schätzen gelernt habe.“
Thomas Bach (IOC-Präsident): „Er hatte immer einen Blick für andere Sportarten. Es ist dieser Weitblick und seine ausgleichende Art, verschiedene Interessen zusammenzubringen, die ich schätzen gelernt habe.“ sid

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